Christliche Themen für jede Altersgruppe

Luthers liebliche Berge

WEILERSTEUSSLINGEN (Dekanat Blaubeuren) – Ein wenig westlich von Blaubeuren thront gut versteckt eine eigenartige Gegend. Eine Handvoll kleiner Ortschaften, die im Einzelnen keiner kennt – aber ­gemeinsam tragen sie einen großen Namen: Lutherische Berge. Wie lutherisch sind diese Berge ein knappes halbes Jahrtausend nach der Reformation? Eine Erkundung.


Landschafts­eindrücke aus den Lutherischen Bergen: Eine Hochebene, zu schwindel­erregend wellig, um von Ebene zu sprechen – und alle Wege führen nach Weilersteußlingen. Blick von Ennahofen nach Weilersteußlingen.
(Foto: Franziska Feinäugle)

Stolz erstreckt sich der jahrhundertealte Name noch heute über Land- und Wanderkarten: In breiten Buchstaben rahmt der Begriff „Lutherische Berge“ die Dörfer Grötzingen, Ennahofen und Weilersteußlingen ein. Die Neugier ist geweckt. Das mit den Bergen bestätigt sich schnell: Zweihundert Höhenmeter arbeitet sich das Auto vom Schmiechtal durch den Wald hinauf, dann ist eine herrliche Hochebene erreicht, deren Wiesen und Felder sich so schwindelerregend wellen, dass von Hochebene doch wieder keine Rede sein kann. Die Lutherischen Berge. Wer durchs Grießtal hier heraufkommt, den lockt nach Verlassen des Waldes linkerhand der Kirchturm, der einzige hier droben: Steil führt die Straße hinauf nach Weilersteußlingen. Ein guter Ausgangspunkt, um zu erkunden, was das besonders Lutherische an diesen Bergen ist.

Eins zeigt sich schnell: Sie sind nicht nur lutherisch. Begegnungen mit Katholiken sind durchaus wahrscheinlich. In einem großen Garten mit direktem Blick auf den Kirchturm ist an diesem Nachmittag Werner Bierer beschäftigt. Mit fröhlicher Selbstverständlichkeit stellt sich der 56-jährige Förster vor: „Ich bin katholisch und wohne seit 23 Jahren neben der evangelischen Kirche auf den Lutherischen Bergen.“ Und er ist keineswegs ein Exot hier, darauf legt er Wert: „Ich bin nicht der einzige Katholik.“ Auf rund ein Viertel schätzt er den Anteil der Katholiken an der Bevölkerung, auch Konfessionslose und Angehörige anderer Konfessionen wird es geben. „Es waren noch nie nur Evangelische auf den Lutherischen Bergen“, betont der Förster, dem die Geschichte dieses bis zu 750 Meter hohen Landstrichs natürlich vertraut ist.

Um sie zu erzählen, muss man 433 Jahre zurückgehen. Damals, 1581, starb der letzte Angehörige des Geschlechtes der Herren von Freyberg, und das Gebiet kam in Besitz Herzog Ludwigs von Württemberg. Der wiederum führte 1582 sofort die Reformation ein – und die kleinen Ortschaften „bildeten eine Insel inmitten des einstmals römisch-katholisch/vorderösterreichischen Gebietes“, wie es die Kirchengemeinde auf ihrer Internetseite sehr malerisch umschreibt.

Wie schnell die Berge damals zu Lutherischen Bergen wurden, ist auf der Homepage auch einem anderen anschaulichen Satz zu entnehmen: „Der katholische Priester war noch nicht aus dem Pfarrhaus ausgezogen, als der erste lutherische Pfarrer hier aufzog.“ Aus der früheren Insellage, heißt es dort weiter, sei „eine enge, bis heute gut sichtbare Verbindung der überwiegend evangelischen Bewohner mit ihrer Kirchengemeinde“ erhalten geblieben. „Das Bewusstsein, ,lutherisch‘ zu sein, besteht bis heute.“

Heute wohnt im Pfarrhaus direkt neben der Kirche Pfarrerin Christine Streib. Bevor sie im Oktober 2010 hier eingezogen ist, „waren mir die Lutherischen Berge gar nicht bekannt“, bekennt die 55-Jährige. Ursprünglich aus Oberfranken stammend und seit 1992 im Dienst der Württembergischen Landeskirche, hatte sie als Pfarrerin in Nagold und Bonlanden-Filderstadt wie die meisten Menschen keinen geografischen Gedanken an diese Gegend verwendet. „Für mich hat es früher, von Ulm her, hinter Blaubeuren aufgehört.“

Eine erfreuliche Entdeckung waren für sie dann die bodenständigen, traditionsbewussten Menschen und die wunderschöne Gegend. „Die Verbundenheit zur Kirche ist noch sehr stark“, charakterisiert Christine Streib die zurzeit 597-köpfige Gemeinde von Weilersteußlingen: Drunten im katholischen Dorf Allmendingen, wo die evangelischen Christen in der Diaspora leben, „ist die Verbundenheit wesentlich geringer“ – das lässt sich unter anderem an der Wahlbeteiligung bei Kirchengemeinderatswahlen ablesen. In den Lutherischen Bergen geht jeder Zweite zur Wahl, drunten in Allmendingen, wo Christine Streib seit September 2013 ebenfalls Pfarrerin ist, „nur halb so viele“.

433 Jahre nach Einführung der Reformation prägt ökumenisches Miteinander das Leben in den Lutherischen Bergen. Sonntags beim Gottesdienst sitzen in der Weilersteußlinger Pankratiuskirche Lutherische und Nichtlutherische friedlich nebeneinander. Und zwar ohne, dass die Konfessionen großes Thema wären. „Ich weiß von Einzelnen inzwischen, dass sie katholisch sind; ich hab aber noch nie versucht zu schätzen“, sagt die Pfarrerin. Heute gibt es Konfirmandenjahrgänge, bei denen mindestens die Hälfte der Jugendlichen einen katholischen Elternteil haben. „Wenn die Kinder evangelisch getauft sind, kommen auch die katholischen Partner mit in die Kirche; wenn die Kinder katholisch getauft sind, gehen alle gemeinsam ins Dorf zum katholischen Gottesdienst“, ist ihre Erfahrung.

Während die Kirche an diesem Tag in friedlicher nachmittäglicher Menschenleere liegt, ist einige Häuser weiter das Gemeindeleben wortwörtlich in lebhafter Bewegung: Im Gemeindehaus turnt die Seniorengymnastikgruppe – zwölf Protestantinnen, großteils in den Lutherischen Bergen geboren, und eine Katholikin, die vor einigen Jahren aus dem katholischen Umland in die Lutherischen Berge heraufgezogen ist und die Gruppe nun leitet. „Wenn Sie den Glauben ansprechen“, sagt Lotte Steiner, „da merke ich keinen Unterschied. Ich bin schnell und gut aufgenommen worden hier als Fremde.“

Auch Klara Mang, die vor über 90 Jahren in Grötzingen das Licht der Lutherischen Berge erblickt hat, skizziert die Verhältnisse schlicht und treffend: „Ringsrum ist alles katholisch, und wir drei Ortschaften sind evangelisch, aber es ist alles im Frieden, auch mit den Katholischen.“ Vor 20 Jahren, erwähnt eine der Frauen, habe es noch sein können, dass es „ein bissle Schwierigkeiten“ gab, wenn ein Katholik eine Evangelische geheiratet habe. Aber heute, heute gebe es das nicht mehr. Das mit dem strikten Trennen, „das machen vielleicht bloß noch die Obersten in der Kirche so. Aber das Fußvolk, wir leben miteinander, da fragt man nicht.“

So kennt es auch Ilse Schaude. Die 83-Jährige, die seit 22 Jahren Mesnerdienste in ihrer geliebten Kirche leistet und dienstags immer gerne mitturnt, ist in Weilersteußlingen geboren und hat ihr ganzes Leben hier verlebt. „Meine Enkele haben viele Mischehen, aber da gibt es keine Probleme“, sagt sie. Ihre Charakterisierung der Bevölkerung: „Wir sind mit den Katholischen zusammengewachsen.“

Die gebürtige Grötzingerin Tilly Schwarz singt seit bald 40 Jahren im Kirchenchor mit, von der schönen Empore herunter. „Dass alles gut geht“, ist für sie das Typische hier in den Lutherischen Bergen. In ihrer Schulzeit „waren alle in der Klasse evangelisch“, blickt sie zurück. „Heute hat‘s schon auch Katholische.“

Ein Bub, der gerade aus der benachbarten Halle vom Schwimmunterricht kommt, unterlegt diese Einschätzung mit Zahlen: „In Klasse 3 und 4 sind wir zwei Katholische und 18 insgesamt, also sind wir 16 Evangelische“, rechnet Jamie Noah Pokrivka vor. Er selbst ist evangelisch und trägt auch das Evangelische Gemeindeblatt aus. Die katholischen Schüler, berichtet der neunjährige Viertklässler, sind ganz normal im evangelischen Religionsunterricht mit dabei.

So wie der Nachbar der Pfarrerin, der katholische Förster Werner Bierer, sonntags immer wieder gern in die evangelische Kirche zum Gottesdienst kommt. Berührungsängste hat hier niemand, und „das Läuten der Kirchenglocken hört sich nicht anders an, als wenn es von einer katholischen Kirche herunterkäme“. Der Christbaum, der an Weihnachten in der Kirche steht, wird seit Jahren immer von ihm geliefert.

Apropos Bäume. Man sieht es dem Wald rings um die Lutherischen Berge zwar nicht an, aber man könnte auch dort einiges an Geschichte ablesen: Unter den hunderten Hektar, die der Förster betreut, sind auch Pfarr- und Stiftungswälder. Die Pfarrwälder gehören der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die Stiftungswälder sind im Besitz der jeweiligen Kirchengemeinde. Auf die Frage, ob die Lutherischen Berge also von vielen katholischen Bäumen umstanden seien, antwortet der Förster auf eine Art, die für die Lutherischen Berge typisch ist: „Die Bäume“, sagt er gelassen, „sind sehr ökumenisch.“