Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mehr als eine Zweckgemeinschaft - Haus- und Wohngemeinschaft Bremen

Gemeinsam statt einsam: Der frühere Bremer Senatspräsident Henning Scherf lebt mit seiner Frau Luise und mit Freunden in einem großen Haus. Für ihn hat sich diese Form des Zusammenlebens absolut bewährt.

Auch in dieser Alters-WG lernen die Bewohner voneinander und nutzen den Tablet-Computer gemeinsam.Foto: picture-alliance/ Westend61/Sigrid GombertAuch in dieser Alters-WG lernen die Bewohner voneinander und nutzen den Tablet-Computer gemeinsam.Foto: picture-alliance/ Westend61/Sigrid Gombert

Die bekannteste Alters-WG Deutschlands lebt in Bremen: Dort wohnt Henning Scherf, Jahrgang 1938, seit über 30 Jahren mit seiner Ehefrau Luise und acht Freunden zusammen. Der frühere Bremer Senatspräsident beschäftigt sich schon lange mit dem Alter. In vielen Vorträgen und Veröffentlichungen (unter anderem „Gemeinsam statt einsam“, „Altersreise“, "Grau ist bunt" oder „Wer nach vorn schaut, bleibt länger jung“) beschreibt er Möglichkeiten, auch im hohen Alter aktiv am Leben teilzunehmen und der Alterseinsamkeit vorzubeugen. Ein probates Mittel gegen Vereinsamung ist für Henning Scherf die Lebensform einer Wohn- und Hausgemeinschaft.

Vor drei Jahrzehnten, so Scherf, habe man gemeinsam im Freundeskreis entschieden, im Alter zusammenbleiben zu wollen. Es dauerte lange, bis die Gruppe ein geeignetes Haus gefunden und umgebaut hatten. Erstens, weil die Wunschliste damals vom Bauernhaus im Grünen bis zum Stadthaus in der Bremer Innenstadt reichte. Und zweitens, weil für jede Partei eine eigene Wohnung samt eigener Küche zur Verfügung stehen sollte. Gefunden wurde für die Alters-WG schließlich ein Domizil für zehn Personen.

Wohn- und Hausgemeinschaft - Auch junge Familien sind dabei

Scherf findet den Begriff „Alters-WG“ für die von ihm gewählte Lebensform allerdings nicht zutreffend. Schließlich, so argumentiert er, „leben auch immer wieder junge Familien mit uns“. Derzeit ist die Bremer Haus- und Wohngemeinschaft, wie er dieses Projekt nennt, sehr heterogen: Zu ihr gehören zwei Paare und zwei Singles, alle über 80, sowie ein junges Paar „mit einem erst wenige Wochen alten, kleinen, süßen Jungen. Womit wir das genaue Gegenteil eines Altersheims sind.“

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Zuvor hatte die Wohn- und Hausgemeinschaft lange Zeit eine Flüchtlingsfrau aus Nigeria aufgenommen, die nach schrecklichen Fluchterfahrungen zusammen mit ihren drei minderjährigen Kindern bei den Senioren Schutz und Heimat fand. Wie Scherf spürbar zufrieden verrät, sind zwei der Kinder inzwischen auf dem Gymnasium, „und wir alle sind stolz darauf, dass wir sie begleiten können“. Zwar hat die Familie inzwischen eine eigene Wohnung gefunden, aber die Hausgemeinschaft kümmert sich weiterhin um „unsere Afrikaner“, besorgte die Wohnungseinrichtung, hilft den Kindern bei den Hausaufgaben und nimmt die junge Familie mit in den Urlaub.

Der gemeinsame Urlaub ist einer der zwei festen Termine, die für die Gemeinschaft gelten. Einmal jährlich machen alle Urlaub in der Eifel. Der zweite Jour Fixe ist das wöchentliche gemeinsame Samstagsfrühstück, das reihum bei den Bewohnerinnen und Bewohnern stattfindet. Natürlich gibt es auch im Alltag genügend Berührungspunkte, wie Scherf berichtet, denn schließlich wird gegenseitige Hilfe und Unterstützung großgeschrieben.

Scherf ist überzeugt davon, dass dieses aufeinander Achten im Alter wichtig ist: „Es ist eine Lebenshilfe, mit anderen zusammen sein Altersleben zu teilen. Sicherlich kein perfektes Mittel gegen Einsamkeit im Alter, aber eine große Hilfe, wenn man darin angekommen ist. Man kann im Alter noch vieles lernen, man muss nicht in einer Ecke herumsitzen und auf den Tod warten. Man kann sich kümmern, und mit jedem Kontakt kommt eine neue Lebendigkeit in unser Haus rein.“

Luise und Henning Scherf sind seit sechs Jahrzehnten verheiratet. Foto: Büro ScherfLuise und Henning Scherf sind seit sechs Jahrzehnten verheiratet. Foto: Büro Scherf

Was die notwendigen gemeinsamen Entscheidungsprozesse angeht – Scherf nennt beispielhaft die Frage der Aufnahme neuer Hausmitglieder –, greift die Gruppe auf bewährte Strukturen zurück. Der ehemalige Politiker berichtet, dass alle Entscheidungen im Konsens getroffen würden, es gäbe keine Mehrheitsentscheidungen, sondern: „Jeder macht da mit, wir nehmen uns Zeit und reden so lange miteinander, bis wir uns geeinigt haben.“

Haus- und Wohngemeinschaft - Entschieden wird nur im Konsens

Lebendigkeit kommt in die Haus- und Wohngemeinschaft auch durch die vielen Hobbys und unterschiedlichen Interessen der Mitglieder. So erzählt Scherf angeregt vom Hochseesegeln, oft mit drei Generationen auf dem Boot. Aber auch Fahrradfahren gehört zu seinen sportlichen Betätigungen. Ebenso liest er gerne, spielt Klavier und singt. Scherf erzählt von „Oratorien und wunderbaren anderen Werken“, die sein Chor teilweise zusammen mit jungen Leuten aufführt. Auch Malen macht ihm Freude.

Und dann sind da noch seine Vorträge, vor der Corona-Pandemie waren das bis zu 200 im Jahr. Hierdurch habe er, so der ehemalige Bremer Bürgermeister, „das schöne Schwabenland schon rauf und runter bereist“.

Möglichst viel Zeit verbringt er aber mit seiner Frau Luise, einer studierten Schulmusikerin, mit der er seit 60 Jahren verheiratet ist: „Wir wollen auch noch die Eiserne Hochzeit schaffen“, das haben sich die beiden vorgenommen.

Was Corona anbelangt, musste die Haus- und Wohngemeinschaft einiges ändern: Im Haus wird nun sehr auf Abstand geachtet, gemeinsame Essen fanden nur noch im Garten statt. Ein Student übernahm den Einkauf für die Bewohnerinnen und Bewohner.

Der Kontakt mit den Kindern und Enkelkindern wurde ebenfalls sehr eingeschränkt und auf das Telefon und digitale Medien reduziert: „Inzwischen zoomen wir regelmäßig. Eine wunderbare Technik, man sieht plötzlich auf dem Laptop die Gesichter. Sie sind weit weg und uns trotzdem so nah, und wir haben einen regelmäßigen Austausch. Es ist schön, dass man solche Technik nutzen kann“, freut sich Scherf.

Henning Scherf, Politiker. Foto: Büro ScherfÜber seine Biografie gibt er gerne Auskunft: Dass Scherf Jura und Theologie studierte und schließlich als Senatspräsident in Bremen regierte, war nicht selbstverständlich. Wurde doch der am Reformationstag geborene kleine Henning in eine „sehr kirchliche Familie hineingeboren“ und sollte, dem Wunsch seines Vaters entsprechend, Pastor werden. Und weil Vater Scherf der Überzeugung war, ein Pastor müsse Orgel spielen und singen können, habe er von Kindesbeinen an gesungen. Zunächst als Sopran im Knabenchor in Bremen, später in vielen anderen Chören. „Bremens stadtbekannter Evangelischer“ führte viele Jahre lang den Deutschen Chorverband. Noch heute singt er leidenschaftlich gerne. □

 

Zur Person

Henning Scherf (82) trat mit 25 Jahren in die SPD ein. Der 2,04 Meter große Politiker war viele Jahre lang Bildungs- und Justizsenator in Bremen und von 1995 bis 2005 Senatspräsident, also Bürgermeister der Hansestadt. Seit 60 Jahren ist er mit Luise Scherf verheiratet. Sie haben drei Kinder und neun Enkel. Deutschlandweit setzt sich Scherf für die Prävention von (Alters-) Einsamkeit ein. Er ist Schirmherr der Deutschen Parkinson Vereinigung und der Deutschen Stiftung für Demenzerkrankte.

 

Buch-Tipp

Henning Scherf, Annelie Keil: Das letzte Tabu. Über das Sterben reden und den Abschied leben lernen
Herder Verlag 2017, 256 Seiten, 22 Euro.

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28 oder bei unserer Internetbuchhandlung unter www.buchhandlung-eva.de