Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Minarette sich, wer kann“

Biberach – Predigt in Kurzform und dann auch noch interreligiös. Das war die Versuchsanordnung, ­unter der Christen, Atheisten und ein Muslim zum theologischen Poetry-Slam gegeneinander angetreten sind. Heraus kamen Plädoyers für die Freiheit des Lebens und Denkens. 

Begeistert vom Poetry-Slam: Pfarrer Matthias Ströhle. (Foto: Rüdiger Bäßler)


Finalrunde, beim interreligiösen Poetry Slam in Biberach, die Uhr geht auf 22 Uhr, jetzt sind es nur noch Fee aus München und Nektarios Vlachopoulos aus Ludwigsburg. Nektarios legt vor, sechs Minuten Ruckpredigt mit dem Titel „Was ist los du Otto?“ Jeder, der die deutsche Sprache als Zweitsprache lernen musste, „hat mehr Arbeit ins Deutschsein gesteckt als du“, ruft der gebürtige Brettener mit den griechischen Vorfahren, der selber mal als Lehrer gearbeitet hat, diesem imaginären fremdenfeindlichen Nationaldeutschen zu. „Und das ist nämlich echt nicht einfach mit unseren unnötigen grammatischen Geschlechtern, den inkonsequenten Präpositionen und den nicht enden wollenden, schlaflose Nächte bereitenden vorangestellten Partizipialattributen! Haste nicht verstanden jetzt, oder?“

Das Publikum im knallvollen großen Saal des Biberacher Martin-Luther-Gemeindehauses versteht genau und applaudiert begeistert. Aber noch kommt Fee, die Theologiestudentin, und sie spielt ihren Expertinnenvorteil an diesem Abend gekonnt aus. Sie wolle es machen wie Luther selber, sagt sie: „Mach’s Maul auf, tritt fest auf, hör bald auf.“ Vor dem Aufhören knöpft sich die Slammerin die Vermarktung Luthers vor, all das Luther-Bier, die Luther-Bonbons und Kugelschreiber und die Luther-Playmobilfiguren. Am ehesten, sagt Fee, habe sie bisher noch Luther-Kondomen etwas abgewinnen können, „weil ich ,Hier stehe ich, ich kann nicht anders‘ auf einem Kondom schon ein bisschen lustig gefunden hätte“.

Zensur kam für den Veranstalter des Abends, Matthias Ströhle, selbstverständlich nicht in Frage. Auch die Konfirmandengruppe unter den Zuschauern muss die eine oder andere Schlüpfrigkeit dieses Abends verdauen können. Der Jugendpfarrer aus der evangelischen Gemeinde Erolzheim-Rot hat in seiner Heimat schon eine kleine Tradition mit Poetry-Slam-Veranstaltungen begründet, und dieser Wettbewerb mit Künstlern aus ganz Deutschland ist so eine Art Krönung. „Was die Slammer vortragen, sind ja teilweise Predigten“, hat der 43-jährige Seelsorger längst festgestellt. Solche Abende wie in Biberach seien aber nicht zur religiösen Bekehrung da, sondern sollten „zur Freiheit aufrufen“. Ströhle: „Wir leben zur Zeit in einer Situation, wo die Religion in Verbindung mit Einengung, Dogmen und Extremismus gebracht wird.“ Religion sei aber „kein Moralgebäude“. Darüber zu reden, auch immer wieder zu lachen über Ängste und Engstirnigkeiten, das ist dem Pfarrer wichtig.

Hauchdünn hat sich Nektarios im Halbfinale gegen Sulaiman Masomi aus Köln durchgesetzt. Die Slammaster Marvin Suckut und Tobias Meinhold müssen zweimal der Stärke des Applauses im Saal nachhorchen, bevor sie entscheiden. Sulaiman, der Muslim in der Runde, geboren in Kabul und Dauergast auf vielen deutschen Slammer-Bühnen, warnt mit dunkler Stimme und finsterem Blick vor der Islamisierung des Abendlandes. Auch die Werbewirtschaft sei unterwandert („Mullah-Milch die schmeckt“). Drum Vorsicht vor falschen Freundschaften, auch zum Beispiel mit ihm selber, sagt Sulaiman. „Eben noch Christ, jetzt schon Salafist“, da müsse das Motto gelten: „Minarette sich wer kann.“  Als Nektarios im Halbfinale beim Verlassen der Bühne versehentlich eine Requisite umschmeißt, schnauzt Sulaiman: „He, fürs Zerstören bin ich hier zuständig.“

Nicht alle Slammer des Abends bedienen die Erwartungen an zünftige Pointen. Louise Kenn aus Leipzig gibt sich in ihrem Vortrag als Atheistin zu erkennen, sagt: „Euer Glaube war mir immer suspekt.“ Sie ruft die Zerstörung der Zwillingstürme von New York in Erinnerung, Zugunglücke, die Angst unschuldiger Menschen kurz vor ihrem gewaltsamen Tod. Lieber, sagt sie, glaube sie an gar nichts als an einen Gott, der jederzeit eingreifen könnte, „es aber einfach nicht tut“. Auch Hinnerk Köhn aus Eckernförde ist nach der Konfirmierung der Glaube langsam abhanden gekommen. „Bei uns im Norden ist es eher so: Weniger Jesus und mehr Fisch.“ Petrus, Wächter der Himmelspforte, lässt Hinnerk nach einem Autounfall noch einmal zurück zu den Weltlichen, womöglich auch aus Zerstreutheit. „Sein Blick klebt kurz am Pinup-Kalender mit Jeanne d’Arc drauf, dann wendet er sich wieder mir zu“, kalauert der Gast von der Ostseeküste.

In der Pause des Abends wägt das Publikum an der Bar die Chancen der möglichen Gewinner, es wird eine Menge „BLAPF“ getrunken, das vom Kreisjugendring vermarktete alkoholfreie Biberacher Jugendgetränk mit dem Geschmack von Blutorange und Apfel. Wie wichtig ist der Sieg bei so einem Slam? Schon wichtig, sagt Slammaster Tobias Meinhold. Als Hauptpreis des Abends winkt eine „gute Flasche Whisky“, aber kein Preisgeld. Wer jedoch in der deutschen Szene auf sich aufmerksam mache, könne womöglich doch etwas verdienen. „Manche kriegen einen Buchvertrag, manche einen Job beim Goethe-Institut.“ Und dann ist da auch noch die Hoffnung, eines Tages eine Fernsehkarriere starten zu können – „Vielleicht mal beim Nuhr auftreten“, sagt Moderator Meinhold.

Ein letztes Wortstakkato im Finale, Nektarios an Otto: „Ich würde zu gerne sehen, was passiert, wenn alle nicht deutschstämmigen Menschen zurück in ihre Heimat gehen müssten. Aber dann … müsste ich wahrscheinlich zurück nach Griechenland. Und da hab‘ ich keinen Bock drauf. Ich mag Geld, deswegen.“
Fee wendet sich kurz darauf der tatsächlich existierenden Luther-Socke zu. An einem Konfiwochenende habe einmal der Pfarrer gefragt, was eigentlich Luther auf dem Reichstag zu Worms gesagt habe, als er angeblich widerrufen sollte. Alles schwieg, der Pfarrer baute eine Brücke: Der Satz stehe auch auf einer Socke. Die Slammerin erinnert sich: „Da fiel es einem freundlichen Schüler ein: Puma!“

Und dann doch noch eine zutiefst ernste Sentenz: „Es wäre an der Zeit, dieses Land zu reformieren, und vielleicht auch gleich ganz Europa. Aber lieber nicht so, wie es gerade passiert, sondern Richtung Menschlichkeit. Ich wäre mit Feuereifer dabei, wenn es darum ginge, christliche Werte wieder mit etwas zu füllen, anstatt das Feld den Islamophoben zu überlassen, die auch Feuereifer zeigen, aber leider dabei zu oft der zündende Funke auf Flüchtlingsheime überspringt.“

Keine Ahnung, wer diesen Wettbewerb gewonnen hat, der Applausvergleich fördert nur das identische begeisterte Johlen, Pfeifen und Klatschen im Saal zutage. Salomonisch die Entscheidung der Slammaster, die wohl auch dem glücklichen Umstand zweier existierender Whiskyflaschen geschuldet ist, dass beide Finalisten Sieger sein sollen.

Nur eine winzige Prise Wehmut mischt sich in die Heiterkeit des Publikums, das sich spät abends auf den Heimweg macht. Der Pfarrer Matthias Ströhle verlässt bald seine Stelle und wechselt Richtung Sigmaringen. Gut möglich also, dass dieser religiöse Poetry-Slam für lange Zeit der letzte in Biberach gewesen ist.