Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ochs und Esel neben dem Kind

Weihnachten ist Ritual. Weihnachten ist Tradition. Und unter dem Christbaum befindet sich oft eine Krippe. Auch da sind die Figuren gesetzt: Maria, Josef, das Jesuskind, die Hirten. Und: Ochs und Esel. Aber wo kommen die Tiere eigentlich her?


Krippendarstellungen, ob in Holz oder lebendig, weisen immer Menschen und Tiere auf. (Foto: epd-bild)

Wir denken, die Tiere in der Weihnachtsgeschichte, ja, die gehören dazu. Klar, da sind Ochs und Esel neben der Krippe. Manchmal kann man auch Schafe sehen. Drei Kamele als die Reittiere der drei Könige aus dem Morgenland. Ein Elefant, ein Pferd tauchen auf, wo die Weisen die drei Kontinente der antiken Weltkarte symbolisieren. Und ein Hund für die Treue. In Kindergeschichten erscheinen Katz und Löwe, Affe, Giraffe, Fuchs, Schlange, Eichhörnchen und Maus. Auf der Karte einer Illustratorin sieht man noch Hahn und Huhn, Pute, Ente, Gans und ein Schwein neben Maria und Josef. Lauter Tiere an der Krippe. Kurios gemacht wirkt das, abwegig.

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Ochs und Esel sind die am häufigsten dargestellten Tiere neben der Krippe, und die vertrautesten. In Domenico Ghirlandaios Bild „Anbetung der Hirten, 1482 bis 1485 zum Beispiel, in der Basilica di Santa Trinita in Florenz.

Ochs und Esel in Stein gehauen am Ulmer Münster, hundert Jahre früher. Nochmals früher, um 1300, wurde in Paris eine Elfenbeintafel geschnitzt. Daneben gibt’s uralte Ikonen. Ochs und Esel auf großartigen Sarkophagen der Spätantike, einer wird heute in Mailand aufbewahrt, in Sant’Ambrogio.

Ochs und Esel neben der Krippe in der Musik und Malerei, in Kirchenfenstern, in der Kunst von Bildhauern und Schnitzern. Auf Krippenbildern und auch heutzutage bei den lebendigen Krippen, wie sie Franziskus eingeführt hatte.

Gehen wir vom Mittelalter weiter zurück bis ins Altertum, überrascht uns eine Besonderheit. In den ersten Jahrhunderten lassen sich weder Darstellungen von Ochs und Esel noch von Weihnachten finden. Und dann tauchen die Bilder, etwa ab dem 4. Jahrhundert, schlagartig auf! Warum? Wieso gibt’s über Jahrhunderte erst nichts, und dann auf einmal so viel, sprunghaft, gleich an vielen Orten und gleich so großartig? Was war denn da los? Bestand vorher kein Interesse und ist Weihnachten erst spätantik entstanden? Wie soll man’s verstehen?

Es war nicht Desinteresse, sondern hängt mit der frühen Geschichte der Kirche zusammen. Während der Christenverfolgungen war keine Zeit, keine Chance für Weihnachtskunst, erst ab der konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert änderte sich das. Davor galten Christen in den Augen der Obrigkeit als schwere Bedrohung des römischen Staatswesens: „Sie machen nämlich nicht mit, sie zeigen überhaupt keinerlei Ehrerbietung gegenüber dem Kult vor Statuen der Victoria und Iustitia, Sol invictus und dem Kaiser. Unverschämt! So eine Respektlosigkeit – was ist denn los mit ihnen? Gerechtigkeit gehört doch zum funktionierenden Staat, die unbezwingbare Sonne schenkt ihm die Siege, der vom Kaiser verkörpert wird! Wieso weigern sich Christen, den Staat zu unterstützen, mitzuwirken wie alle anderen?“

„Kriegsdienst verweigern sie auch. Aber nicht aus Furcht, anscheinend sind sie schmerzunempfindlich. Wollen sie denn sterben? Märtyrer werden, antworten sie, aber wofür? Unverständliche Papyrusschreiben tauschen sie aus: Die andere Wange solle hingehalten werden, es gebe nur einen Gott, man müsse ihrer Gottheit mehr gehorchen als den Menschen. Immer Briefe und Texte, die nur sie verstehen: verschlüsselt, eine Geheimsprache? Sind sie Verschwörer? Nicht nur das: Sie treffen sich heimlich und da heißt‘s Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Kannibalismus wird auch bei ihnen vermutet. Sind das überhaupt Menschen wie wir? Wenn sich diese Christen bereits weigern, an den Feierlichkeiten zur Würdigung des Staates mitzuwirken, ist ihnen auch das zuzutrauen.“

Erst als die für Christen hochgefährliche Zeit äußerst brutaler Folter und tödlicher Verfolgungen zu Ende ging, mit der konstantinischen Wende 313, und das Christentum offiziell zugelassen wird, da ändert das alles: Kirchbau und christliche Kunst. In Rom beispielsweise und in Mailand lassen sich sehr große, überaus prächtige Sarkophage bewundern, die das weihnachtliche, bekannte Motiv enthalten: Auf einer Giebelseite, rechts und links neben dem Jesuskind, sind Ochs und Esel. Sie scheinen es mit ihrem Atem zu wärmen. Und nur diese drei gibt’s da zu sehen. Maria und Josef fehlen bei solchen Darstellungen völlig.

Das mag seltsam, nach überzogen künstlerischer Freiheit anmuten. Aber auch dafür haben Kirchenväter im Alten Testament eine Stelle gefunden. In Habakuk 3, Vers 2 lesen sie: „Inmitten zweier Lebewesen wirst Du erkannt werden.“ Diese spezielle Lesart mit „Lebewesen“, die findet sich aber nur in der griechischen Ausgabe des Ersten Testaments, Septuaginta genannt. Und mehrere exakt solcher Darstellungen aus der Spätantike der Weihnachtskrippe ohne Heilige Familie sind bekannt. Habakuk 3,2 wurde recht kühn und intensiv als Prophezeiung von Christi Geburt aufgefasst und mit Weihnachten in Verbindung gebracht, allein die Krippe zwischen zwei Tieren. Von da an wurde das Motiv Ochs und Esel bei der Krippe ganz selbstverständlich verwendet.

Am Ende dieser Entwicklung steht dann später eine im Mittelalter gut bekannte Legendensammlung über Jesu Kindheit. Die gibt sich als Evangelium aus, ist aber nicht in den Kanon der heiligen Schriften aufgenommen worden. Darum spricht man vom apokryphen Kindheitsevangelium des Pseudo-Matthäus, worin so erzählt wird: „Am dritten Tag der Geburt unseres Herrn Jesu Christi ging die allerseligste Jungfrau aus der Höhle heraus, begab sich in den Stall und legte ihren Knaben, den Ochs und Esel anbeteten, in eine Krippe. Sogar die Tiere, Ochs und Esel, zwischen denen er lag, beteten ihn unaufhörlich an.“ Kein Wunder also, dass es solche Bilder gibt, Krippe nur mit Ochs und Esel.

Ein Bilderreigen, aber ihm fehlt die biblische Grundlage! Ein erstaunlicher Befund: In der Bibel kommen Ochs und Esel gar nicht vor, weder bei Matthäus noch bei Lukas, also hier keine Tiere? Man glaubt es kaum. Wie kommen sie in die Bilder, in die Bildhauerarbeiten, in die Elfenbeintäfelchen? Und was dichtete dann Luther, wenn’s gar nicht in der Schrift steht?

Der Vorgang, wie Ochs und Esel an die Krippe kamen, ist vielschichtig und interessant, er hat mehrere Seiten. Lukas schreibt von einer Krippe für das frischgeborene Kind. Wie kamen dann die beiden Tiere in die Darstellungen der Geburt Christi hinein? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir in der Bibel nach vorne blättern und im Alten Testament lesen. Genau das taten auch die griechischen Kirchenväter, als sie sich Gedanken über die Geburt Christi machten: Sie fanden über die Vokabel „Krippe“ beim Propheten Jesaja: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt‘s nicht, und mein Volk versteht’s nicht.“ (Jesaja 1,3)

Ochs und Esel gelten als eher dumme Tiere. Bei uns sind es Schimpfworte: „Du blöder Ochse, Du dummer Esel!“ Wörtlich übertragen ergäbe das: „Die beiden dummen Tiere haben als allererste den Herrn erkannt, lange vor Israel, oder sogar im Gegensatz zu ihm.“

Haben Sie es gemerkt? Mit solch einer Auslegung von Jesaja 1,3 als prophetischen Kritik am Fehlverhalten der Menschen, kann man doch fairer- und logischerweise zu keinerlei Kritik einzig an den Juden umschmieden. Das ist nicht nur einseitig und dümmlich. Vorsicht ist angesagt, aufgepasst. Denn genau so fängt christliche Judenfeindschaft an, und der Sinn, die Akzente und Pointen bei Jesaja 1,3 werden damit total verschoben. Aus Jesaja Kritik wird nun eine einseitige Anklage gegen Israel. Eine antijüdische Perspektive entsteht, mit Ochs und Esel im Zentrum. Milde gesagt, ein böses Missverständnis. Denn wir alle sind hier gemeint! Man kann doch nicht so tun, als lebt man als Christ tadellos, sei fehlerfrei, und nur die anderen würden davon betroffen sein: Das wäre die Torheit von Gottesferne bei dieser Bibelstelle!

Mit Jesaja 1,3 ist generell ein Leben in Gottesferne gemeint. Wir Menschen müssen uns im Vergleich diese beiden Wesen Ochs und Esel zu unseren Vorbildern nehmen: Wo bekommen wir Kraft fürs Leben? Damit erklärt sich, wieso Ochs und Esel bei Krippenbildern perspektivisch oft im Zentrum stehen und uns Betrachter direkt anschauen, fragend.

Die umfassende Auslegung ist einzig angemessen: Der Engel spricht in Lukas 2,6 ff. zu den Hirten und damit zur gesamten Menschheit, eben nicht nur zu einer Berufsgruppe, irgendwo draußen auf dem Feld. Einem Künstler des Mittelalters ist bei Krippe etwas ganz Besonderes eingefallen: Da halten Ochs und Esel ein übergroßes Tuch in ihren Mäulern. Für mich ist dieses riesengroße Tuch praktisch ein Paravent. Ochs und Esel sind keine dummen Tiere mehr. Sie sind jetzt voller Fürsorge für Maria mit ihrem Kind.

Die barmherzige Geste der beiden Tiere erinnert mich an den Anfang von Bertold Brechts Text „Maria“, in dem er versucht, uns Weihnachten einmal ohne Idylle zu zeichnen, damit wir die Geschichte armer Leute lesen lernen, die bald danach Asyl in Ägypten suchen müssen. Weihnachten ganz unten, Inkarnation als Niedrigkeit Jesu. Brecht hat bloß zu Ende gedacht und ausgemalt, wie Luther in besagter 9. Strophe einsetzt: „Ach Herr, du Schöpfer aller Ding, / wie bist du worden so gering.“ Bertolt Brecht beschreibt am Anfang Marias schmerzliches Gefühl bei ihrer ersten Geburt „die bittere Scham, nicht allein zu sein, die dem Armen eigen ist.“ Besagte Steinmetzarbeit mit den Tieren und dem Tuch, dem behütenden Paravent ist ganz oben im Tympanon des kleinen Marienportals des Ulmer Münsters. Und Ochs und Esel schauen uns dabei an. Ganz einladend.

 


Luther und Bach

Weihnachten wird durch Lieder mitgeprägt. Zu den starken gehört Luthers „Vom Himmel hoch da komm ich her“. Bach nimmt die Strophe 13 von Luthers Lied als Schlusschoral im ersten Teil seines Weihnachtsoratoriums, Weihnachts-Oratorium Teil 1, Nr. 9: „Ach mein herzliebes Jesulein,/ Mach dir ein rein sanft Bettelein,/ Zu ruhn in meines Herzens Schrein,/ Dass ich nimmer vergesse Dein.“

Und die Melodie des Liedes nimmt er für den Schlusschorals vom zweiten Teil, WO II; Nr.2 3.

Die Strophen des Liedes geben die Weihnachtsgeschichte nach Lukas 2,9 bis 16 wieder, die Verkündigung des Engels an die Hirten. In der neunten der vielen Strophen klingt es wie ein Seufzer von uns: „Ach Herr, du Schöpfer aller Ding,/ wie bist du worden so gering,/ dass du da liegst auf dürrem Gras,/ davon ein Rind und Esel aß!“

Und ein vertrautes Bild stellt sich sofort ein. 1535 habe Luther dieses Lied, wie es heißt, zur Bescherung für seine Kinder geschrieben, in Form eines Krippenspiels.