Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ohne Angst nach Israel reisen

Israel und die heiligen Stätten des Landes sind noch immer ein Tourismusmagnet für deutsche Besucher. Doch der Terror im Nahen Osten und jetzt auch in  Europa bremsen die Reisepläne. Ein Stimmungsbild aus Jerusalem und ein Gespräch mit Propst Wolfgang Schmidt.  Von Brigitte Jähnigen

Ankunft Flughafen Ben Gurion Tel Aviv. Vor dem Ausgang wartet ein Sherut-Fahrer auf Gäste. Als die acht Sitzplätze belegt sind, fährt Farud los. Im Sherut (Sammeltaxi) läuft arabische Musik, Farud spricht hebräisch. Im Wagen sitzen eine russisch-sprechende ältere Dame mit Kopftuch, eine junge, modern gekleidete Israelin, zwei Ungarinnen, ein Mann aus England. Auf einem der beiden Vordersitze quetscht sich ein als ultraorthodox erkennbares Ehepaar mit zwei kleinen Kindern. Sie sprechen englisch mit amerikanischem Akzent.

Als wir die Stadtgrenze von Jerusalem erreichen, wechselt Farud den Radiosender von arabisch auf hebräisch. Über zwei Jahrzehnte war ich nicht mehr da, wollte mit eigenen Augen sehen, wie sich das Land verändert hat. Was ich zuerst sehe, bestätigt kurze Zeit später Wolfgang Schmidt im Gespräch: „Die Ultraorthodoxen sind eine klar wachsende Bevölkerungsgruppe.“ Die Hälfte der Kinder an jüdischen Grundschulen komme heute aus ultraorthodoxen Familien, sagt Schmidt, der als Propst etwa 100 Mitgliedern der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Jerusalem vorsteht. Mit knapp zehn Prozent sind die gottesfürchtig lebenden Juden in Israel zwar eine kleine Bevölkerungsgruppe, doch ihr Äußeres macht sie auffällig.

Hastigen Schrittes eilen sie an diesem Tag zum Westwall, der als „Klagemauer“ bekannten Gebetsstätte. Am Morgen haben jugendliche Araber Steine auf Polizisten geworfen, der Tempelberg wird für Nichtmuslime, also auch für Touristen, gesperrt. Im Gewirr der Altstadtgassen drängen am Abend nicht Touristen, sondern arabische Frauen und Kinder zur Al Aksa Moschee.

Beladen mit Fladenbrot, Oliven, Fleisch und Gemüse werden sie die Speisen mit ihren Männern nach Einbruch der Dunkelheit essen. Es ist Ramadan. Auf dem Platz vor dem Westwall diskutieren Rabbiner mit Soldaten, israelische Fahnen werden geschwenkt. Die Stimmung ist angespannt – am Istanbuler Flughafen Atatürk haben Terroristen gewütet. Über 40 Opfer sind zu beklagen. Die Täter stammten aus den Rekrutierungsgebieten der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Und anders als in Europa sind die IS-Milizen vom Norden Israels nur 40 Kilometer entfernt.

Was macht der Terror mit dem Tourismus in Israel? „2013 war das Spitzenjahr im Tourismus, das hat es bisher nicht mehr gegeben“, sagt Wolfgang Schmidt. Der Tourismus habe sich vor allem nach den Messerattacken im Frühjahr dieses Jahres in Petah Tikvah, dem urbanen Kernland Israels, nicht mehr erholt. Viele Menschen, auch die palästinenschen Christen, lebten vom Tourismus. Ginge er durch die Basare, klagten die Händler über ausbleibende Einnahmen. „Im Nahen Osten ist es halt gefährlich“, sagt Wolfgang Schmidt und klingt dabei etwas müde.

Wird das Phänomen des „Islamischen Staates“ in seiner Gemeinde diskutiert? „Eher nicht“, sagt Propst Schmidt. Befürchtungen der Einflussnahme durch den IS gebe es aber in  Amman in Jordanien, wo seine Kirche Gottesdienste anbietet.

Im Acht-Millionen-Staat Israel leben zwei Prozent Christen, davon 1,5 auf der Westbank. „Wir Protestanten sind dazu noch in der Minderheit inmitten unserer 13 christlichen Partner“, sagt er. Als Propst weiß Wolfgang Schmidt: Jerusalem als heilige Stadt aller monotheistischen Religionen wird ihre enorme Anziehungskraft nie verlieren. Am Gottesdienst in der Erlöserkirche nehmen regelmäßig Besucher teil. Konzerte, die die Gemeinde organisiert, werden gut besucht, Informationen über das Leben der Protestanten im Land eingeholt.

Was rät Propst Schmidt interessierten deutschen Christen? Sollen sie angesichts des Terrors in der Welt einen Besuch wagen? „Sie sollen ins Heilige Land reisen, sie sollen Israel und Palästina sehen, das ist der erste Schritt für ein differenziertes Verständnis, man muss seinen Blickwinkel vor Ort korrigieren.“ Pfarrer, die für ihre Gemeindemitglieder eine Reise nach Israel planten, sollten Gespräche mit arabisch-christlichen Menschen einplanen und nicht nur die heiligen Stätten besuchen. „In Konfliktzonen ist man dem Konflikt näher“, sagt Wolfgang Schmidt und bittet, „ohne Angst ins Heilige Land zu reisen.“

Für den Propst, der 2012 von Freiburg im Breisgau nach Jerusalem ging, ist die Zweistaaten-Lösung die einzige Lösung des allgegenwärtigen Konflikts. Er fürchtet, dass Israel seine eigene Zukunft untergrabe, weil es die Siedlungspolitik nicht verbiete. Und dann wirkt Wolfgang Schmidt ein einziges Mal in diesem Gespräch ein wenig mutlos, als er sagt: „Aber auch die Palästinenser trauen derzeit ihrer eigenen Regierung nicht.“ Hoffnung habe ihm aber eine Palästinenserin im Kulturamt der Stadt Jericho gemacht. „Das Interesse an den Palästinensern hat weltweit zugenommen, das Verständnis für unsere Sache wächst“, habe sie gesagt und damit gezeigt, dass man in großen Zeiträumen denken muss.