Christliche Themen für jede Altersgruppe

Opposition von unten

Genkingen (Dekanat Reutlingen) – Es geht ein Gespenst um in Württemberg: der Pfarrplan, der Pfarrstellen kürzen wird. An der Basis rumort es deswegen. Wie soll die Zukunft aussehen? In Genkingen wollte sich ein Team aus Pfarrern und Kirchengemeinderäten diesem Gespenst stellen.

So eine Art APO gründen, Druck machen, zivilen Ungehorsam ausüben: Es klang so ein bisschen wie in den 68er-Jahren, als langhaarige Studenten die Gesellschaft umkrempeln wollten. Der Ort, an dem diese Töne laut wurden, ist aber als Treff einer revolutionären Zelle höchst unverdächtig. Die Versammlung bestand aus lauter Leuten, die eigentlich als Paradebeispiel honoriger Persönlichkeiten gelten: Im Genkinger Gemeindehaus hatten sich Pfarrer und Kirchengemeinderäte der Albgemeinden im Dekanat Reutlingen getroffen.

Brezeln und Bier standen auf dem Tisch – und da lag noch ein Papier mit einer Excel-Tabelle voller Zahlen: die Personalstrukturplanung Pfarrdienst, eher unter dem Kurznamen Pfarrplan bekannt.
Warum der ihn so in Rage bringt, erklärte gleich am Anfang Martin Rose, Pfarrer in Mägerkingen und zuständig auch für die Gesamtkirchengemeinde Trochtelfingen: „Als ich auf die Alb gekommen bin, waren wir in unserem Kirchspiel sieben Personen. Aktuell sind wir noch zu viert, und wenn der Pfarrplan umgesetzt wird, sind das dann noch 2,5 Stellen.“

Mit Kürzungen müssen auch die anderen Gemeinden rechnen. Ob Gammertingen, Erpfingen oder Genkingen – sie fürchten dann, am Ende ganz ohne Pfarrer dazustehen und dem Nachbardorf zugeschlagen zu werden. „In der Stadt kann man mal ein paar Straßen rum und num schieben“, sagt Helmut Herrmann, der stellvertretende Vorsitzende des Kirchengemeinderates Genkingen. „Aber hier haben die Ortsgrenzen eine ganz andere Bedeutung.“

Die Kürzungen im Pfarrplan wollen diese Gemeinden deshalb nicht als schicksalsgegeben und alternativlos hinnehmen. Er soll ausgesetzt werden, bis andere, bessere Lösungen gefunden werden. Das ist die Botschaft dieses Abends – und gerichtet ist sie an die, die darüber abstimmen: Die Landessynodalen Martin Plümicke von der Offenen Kirche und Johannes Eißler von Evangelium und Kirche.

Solche Treffen haben Synodale sicher öfter. Das Besondere aber war dieses Mal: Gezielt hatten die Organisatoren des Abends auch die Presse eingeladen. Zum Widerstand gegen den Pfarrplan soll auch die Öffentlichkeit mobilisiert werden.

Martin Rose fasste zusammen, was die Alb-Gemeinden so aufwühlt: „Die Pläne sind einigen von uns durch und durch gegangen. Unsere Reaktion war: Kann das wirklich wahr sein?“ Der Pfarrplan sei ein massiver Einschnitt und werfe die Frage auf: „Ist das nicht ein massiver Rückzug von Kirche?“
Als abschreckendes Beispiel stehen Martin Rose seine katholischen Kollegen vor Augen: „Der einzige Theologe in Trochtelfingen, einer katholischen Stadt, ist der evangelische Pfarrer.“ Der katholische Pfarrer von Gammertingen müsse sich inzwischen um 14 Gemeinden kümmern: „Unglaublich, was der für eine Verantwortung trägt.“ Der könne nur noch Sakramente spenden, hat Ekkehard Roßbach, Pfarrer für Trochtelfingen und Gammertingen, beobachtet: „Eigentlich braucht der einen Helikopter-Führerschein.“ Und was das Engagement der Laien angehe: Viele fühlen sich überfordert und ausgenutzt. Der Gottesdienst-Besuch habe deutlich abgenommen. Und für die Ökumene bleibt dann sowieso keine Zeit mehr.

Gerade das letzte Jahr mit dem Zustrom der Flüchtlinge bestärkt Martin Rose darin, dass ein personeller Rückzug der Kirche fatal wäre: „Die Pfarrer haben Unglaubliches in der Zivilgesellschaft geleistet. Und auch wenn es weniger evangelische Christen werden – wir sind für alle Menschen da. Und wenn wir uns vorwagen in der Gesellschaft, dann geht auch etwas. Ich hoffe, dass unsere Kirche dieses Engagement nicht kaputtmacht, indem sie den Hahn zudreht.“

Für Martin Rose ist der Pfarrplan längst auch eine Frage der innerkirchlichen Demokratie: „Wie ist es in einer demokratisch verfassten Kirche überhaupt möglich, den Gemeindegliedern so etwas zuzumuten, ohne sie zu befragen? Die Gemeinden auf der Alb haben das Gefühl: Das grenzt an Macht-Missbrauch. Und an mangelnde Kommunikationsfähigkeit – und all das ist der Tod der Kirche.“

Verständnis äußerte Reutlingens Dekan Marcus Keinath. Er berichtete von Briefen an die Kirchenleitung, auf die es keine Reaktion gegeben habe: „Auch ich leide unter paradoxen Kommunikations-Strategien.“ Wie auch unter anderen Paradoxien: „Ich bin Lobbyist der Gemeinden, gleichzeitig aber Kirchenleitung vor Ort.“ Ihn stört so manches: Dass ausgerechnet im Reformationsjahr die größte Reduktion an Stellen beschlossen werden soll, dass diese Kürzungen im Jahr mit den größten Kirchensteuereinnahmen aller Zeiten kommen sollen. Aber er sehe auch die Fakten: „Im letzten Jahr haben wir 1193 Gemeindeglieder im Kirchenbezirk verloren – das ist quasi eine ganze Kirchengemeinde.“

Marcus Keinath fordert auch eine theologische Reflexion: „Was heißt das für unser Kirchen- und Gemeindeverständnis?“ Soviel sei sicher: „Der Pfarrberuf ist auf Beziehungen aus. 30 Prozent weniger Pfarrer bedeutet 30 Prozent weniger Kontakte. Wir wissen aus einer EKD-Untersuchung: Ohne Pfarrer bricht wirklich viel an der Basis weg.“ Sein Fazit: „Ja, der demographische Wandel ist da – aber wir brauchen intelligente Lösungen.“

Die Albgemeinden haben sich eine überlegt: Sie würden gerne das Geld, das sie für Sachausgaben erhalten, in den Personaletat umschichten. Also etwa: Lieber das Geld in einen Pfarrer als in das Gemeindehaus stecken. Dazu müssten sich aber die Strukturen ändern. Keine einfache Sache, sagt Martin Plümicke: „Andere Modelle stoßen beim Oberkirchenrat auf Ablehnung pur. Alles, was nicht vom Oberkirchenrat selbst kommt, wird abgelehnt. Es ist unglaublich schwer, mit dem Oberkirchenrat überhaupt ins Gespräch zu kommen. Die Blockaden, die wir gerade erleben, sind unglaublich.“ Dabei hätte die Synode eigentlich Macht: „Wir könnten alles auf den Kopf stellen – aber fragen Sie mal meine Mitsynodalen: Die machen nichts.“

Er wäre ja schon bereit, den Gemeinden mehr Entscheidungsbefugnisse zu geben, sagt Johannes Eißler. Er möchte nicht in die Kritik am Pfarrplan einstimmen: „Wir jammern deutlich zu viel. Struktur-Anpassungen hat es schon immer gegeben, und nun gibt es sie auch bei uns.“ Wenn er an die Pensionszahlungen der Zukunft denkt, findet er: „Wir müssen da ran. Deshalb gibt es jetzt ein paar Jahre, in denen der Kittel enger ist als er es von den Finanzen wäre.“ Ja, und es ist richtig: „Das geht schon ein bisschen in die Richtung, in die die katholische Kirche gegangen ist.“ Immerhin, einen Rat hatte er: „Sie müssen von unten rauf den Druck erhöhen. Ohne Druck passiert bei uns gar nichts.“ Immerhin: Leidensdruck und Wut sind da. „Dann wird die Kirche unattraktiv, und die Pfarrer sind mit den Nerven am Ende“, sagt ein Pfarrer. Und ein anderer: „Ich bin wütend und fühle mich von der Kirchenleitung im Stich gelassen.“ Wie geht es weiter? „Die Situation bleibt unbefriedigend“, sinniert Martin Rose: „Vielleicht müssen wir so etwas wie die APO gründen, eine ALO: eine AußerLandessynodale Opposition.“