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Paragraf zwei gibt das Ziel vor

Für eine erfolgreiche Resozialisierung ist ein Geflecht aus Hilfeangeboten nötig, findet der Kriminologe Helmut Kury. Gefangene müssten sorgsam auf die Entlassung vorbereitet und darüber hinaus professionell begleitet werden, etwa bei Schulden oder Suchtproblemen. Hanna Eder sprach mit dem ehemaligen Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover über den Sinn von Sozialtherapie.

Der Weg zurück in die Gesellschaft muss eng kontrolliert werden. (Foto: Hanna Eder)

Staat und Kirche wollen heute, dass sich Straftäter wieder in die Gesellschaft eingliedern. War das eigentlich schon immer so?
Helmut Kury: Nein. Wir haben in Deutschland erst seit 1977 ein Strafvollzugsgesetz. Darin ist unter Paragraf zwei die Resozialisierung des Gefangenen, also seine Wiedereingliederung in die Gesellschaft, als vorrangiges Ziel des Strafvollzugs definiert – noch vor dem Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten. Der Resozialisierungsgedanke hat sich in den 1960er/70er Jahren in Dänemark, Holland und den USA fast gleichzeitig entwickelt.

Wie ging es dann weiter?

Helmut Kury: Ab Mitte der 1970er Jahre ist man wieder sanktionsorientierter geworden. Die Inhaftierungsquote ist häufig ein Hinweis auf die Sanktionsorientiertheit eines Landes. Anfang der 70er Jahre hatten beispielsweise die USA eine Quote, die vergleichbar war mit denen anderer westlicher Industrieländer. Danach hat sich in den USA die Zahl raketenhaft erhöht, bis sie heute bis zu 750 Inhaftierte bezogen auf 100.000 Einwohner erreicht hat. Zum Vergleich: In Deutschland haben wir eine Quote von rund 80 bis 85. Seit 2007 geht die Zahl der Inhaftierten bei uns sogar zurück. Die Amerikaner sind Weltmeister im Wegsperren. Nach Russland.

Wie hat sich die Zielsetzung von Gefängnissen mit Blick auf die Resozialisierung im Laufe der Zeit geändert?
Helmut Kury: Fast jede Vollzugsanstalt bietet heute sogenannte Resozialisierungsprogramme an. Es gibt spezielle Programme für Gewaltstraftäter, für Sexualstraftäter oder Drogenabhängige. Meist beinhalten die Programme Gruppenangebote, die oft mit Einzelgesprächen kombiniert werden. Häufig kommen auch externe Therapeuten in den Vollzug und sprechen mit den Inhaftierten. Wichtige Arbeit leisten die Sozialtherapeutischen Anstalten.

Was passiert dort genau?
Helmut Kury: In Sozialtherapeutischen Anstalten können ausgewählte Strafgefangene im Rahmen der Vollzugszeit einen Teil ihrer Freiheitsstrafe verbüßen. Während im Regelvollzug ein Psychologe für rund 100 bis 250 Insassen zuständig ist, ist in der Sozialtherapie der Betreuungsschlüssel deutlich besser. Genauso wichtig wie die Programme im Vollzug sind auch die Entlassungsvorbereitung und eine gute Nachbetreuung – entweder durch Bewährungshilfe, Schuldnerberatung oder die Fortsetzung einer Therapie. 

Woran lässt sich eine gelungene Resozialisierung festmachen?
Helmut Kury:  Daran, dass der Täter nicht rückfällig wird. „Die beste Kriminalpolitik ist eine gute Sozialpolitik“, lautet ein Zitat des deutschen Rechtswissenschaftlers Franz von Liszt. Viele Täter kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, welche Weichen wir im Vorfeld präventiv stellen können, um Straftaten vorzubeugen. Der Strafvollzug ist eine sehr teure Sanktion. Ein Tag im Regelvollzug liegt bei etwa 80 bis 100 Euro. Bei der Sozialtherapie liegen die Kosten bei rund 250 Euro. Doch das rechnet sich auf lange Sicht. Denn wenn wir die Rückfallquote senken, sparen wir langfristig Geld.


Zur Person
Helmut Kury (72) gilt als einer der bekanntesten Kriminologen und Gutachter Deutschlands. Der Psychologe war bis zu seiner Pensionierung Professor für forensische Psychologie an der Freiburger Universität und Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg. Von 1980 bis 1988 war Kury Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen ins Hannover.