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Professionelle Distanz lernen - Interview mit Professor Bernhard Hirt

In Präparationskursen lernen Medizinstudierende, am menschlichen Körper zu arbeiten. Professor Bernhard Hirt, Leiter des Anatomischen Instituts der Universität Tübingen, erklärt im Interview mit Martin Janotta, wie das Verfahren der Körperspende funktioniert und warum es für einen angehenden Arzt wichtig ist, an Leichenpräparaten üben zu können.

Professor Bernhard Hirt, Leiter des Anatomischen Instituts der Universität Tübingen

Professor Bernhard Hirt, Leiter des Anatomischen Instituts der Universität Tübingen
© Foto: Pressebild

Bernhard Hirt, Jahrgang 1971, ist Professor für Anatomie und seit 2015 Direktor des Instituts für Klinische Anatomie und Zellanalytik an der Universität Tübingen.

 

Herr Professor Hirt, was passiert eigentlich in einem Präparationskurs?

Bernhard Hirt: Gruppen von zehn Studierenden beschäftigen sich unter Aufsicht drei Stunden pro Tag mit einem Körperspender, also einem anatomischen Leichenpräparat. Es arbeiten immer zwei an einer Region, zum Beispiel am Unterbauchbereich. Die müssen diejenigen, die zum Beispiel am Hals tätig sind, stets informieren, was sie entdeckt haben. Wir machen das, bis der gesamte Körper in allen Details analysiert ist. Jeder Nerv, jede Arterie, jeder Muskel.

Was sind die Lernziele?

Bernhard Hirt: Die Studierenden lernen, wie Elemente des Körpers zueinander in Beziehung stehen. Der Mensch hat eine Regelanatomie, aber bei jedem Individuum gibt es Unterschiede. Ein Nerv kann bei einem Menschen über der Arterie oder dem Muskel verlaufen, kann aber auch mittendrin verlaufen oder gar nicht vorhanden sein. Wir trainieren aber noch viele weitere Sachen bei der Präparation.

Was zum Beispiel?

Bernhard Hirt: Zum einen befinden sich die Studierenden in einer Grenzsituation, in der sie sich mit dem Tod auseinandersetzen müssen und mit der Frage: Was hat der Mensch zu Lebzeiten erlebt? Sie lernen, zu abstrahieren. Das muss ein Arzt können. Wenn ich einen tumorkranken Patienten habe, darf ich das nicht bis in den Schlaf mitnehmen. Diese professionelle Distanz lernt man im Studium, glaube ich, einzig und allein in diesem Kurs.

Warum?

Bernhard Hirt: Weil die Leute mit dieser seltsamen Situation zu kämpfen haben: Da ist ein Mensch, der sein Leben gelebt hat, aber er wurde anonymisiert, „entindividualisiert“. Die Haare sind rasiert, die Falten sind durch die Injektionslösung geglättet. Es ist ein idealisiertes Modell, war aber mal ein Mensch, der gelebt hat.

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Wie ist die Stimmung im Kurs?

Bernhard Hirt: Da geht es betriebsam zu, da wird gesprochen, da wird gelacht. Natürlich nicht über den Körperspender. Die Stimmung ist fröhlich, aber immer respektvoll.

Wozu braucht man Körperspenden?

Bernhard Hirt: Ohne Körperspender würde die Medizin verarmen. Nicht nur die Lehre, sondern auch die Forschung und die Weiterbildung. Da sind wir enorm dankbar, dass es Menschen gibt, die den Mut für diesen Schritt aufbringen.

Wäre es nicht günstiger, an Modellen zu arbeiten?

Bernhard Hirt: Günstiger ja, erste Universitäten machen alles an Plastikmodellen, mit Büchern oder digitalen Modellen. Aber wissenschaftliche Neugier wird sich nie so einstellen, wenn ich am Computer-monitor sitze. Das hier ist die Realität, die man sich erarbeitet. Das Fühlen. Der Körperspender ist letztlich der erste Patient, den die Studierenden behandeln. Das kommt sowohl den kommenden Kollegen im Beruf als auch den späteren Patienten zugute. Das ist gut investiertes Geld.

Aber es kostet.

Bernhard Hirt: Wenn man alles betrachtet, vom Bestattungsunternehmer, der den Leichnam bringt, über das Personal, das mit den Leichenpräparaten zu tun hat, bis zu den Bestattungskosten, kommen wir auf Kosten von bis zu 4500 Euro pro Präparat.

Wer trägt die Bestattungskosten?

Bernhard Hirt: An anderen Fakultäten in Deutschland spendet man den Körper plus eine Summe für die Bestattung. Wir kommen in Tübingen für die Bestattung auf. Aber dafür lehnen wir eine Körperspende ab, wenn Ausschlusskriterien vorliegen. Zum Beispiel, wenn der Spender HIV-positiv war, eine ausgedehnte Tumorerkrankung hatte oder vor kurzem operiert wurde.

 

» Es ist ein Modell, war aber ein Mensch «

 

Meistens sind Körperspender ältere Leute.

Bernhard Hirt: Im Grunde ausnahmslos. Körperspender unter 70 Jahren haben wir sehr selten. Wenn jemand sehr früh verstirbt, ist er entweder schwer krank oder ein Unfall hat stattgefunden. Dann können wir die Leiche nicht verwenden.

Was ist die Hauptmotivation, seinen Körper zu spenden?

Bernhard Hirt: Der häufigste Beweggrund ist, dass Menschen zu Lebzeiten vom medizinischen Fortschritt profitiert haben. Sie wollen der Medizin etwas zurückgeben.

Was ist der Unterschied zur Organspende?

Bernhard Hirt: Das sind unterschiedliche Sachen, die sich nicht ausschließen. Die Organspende, mit der man Menschen direkt helfen kann, hat immer Vorrang. Für eine Körperspende entschließt man sich in der Regel erst im höheren Alter, wo man als Organspender gar nicht mehr in Frage kommt.

Welche Rolle spielen die Angehörigen bei einer Körperspende?

Bernhard Hirt: Sie sind sicher die eigentlich Leidtragenden. Bei einer Körperspende verlängert sich die Trauerarbeit. Die Aussegnungsfeier ist erst zwei Jahre nach dem Tod. Deswegen sollten potentielle Körperspender ihren Plan mit den Angehörigen besprechen.

Wie läuft das Verfahren nach dem Tod eines potentiellen Körperspenders ab?

Bernhard Hirt: Spielen wir das durch: Jemand hat sich entschieden, mit Angehörigen gesprochen, Rücksprache mit uns gehalten, hat die Verfügungen unterschrieben und lebt dann noch 10, 20 Jahre bis zum Zeitpunkt des Todes. Die Angehörigen, das Pflegeheim oder der Hausarzt informieren uns und wir sprechen mit dem Hausarzt, ob Ausschlusskriterien vorliegen. Dann beauftragen wir einen Bestatter, der den Leichnam möglichst binnen 24 Stunden bei uns abliefert.

Wie geht es mit den Körpern weiter?

Bernhard Hirt: Um einen Körperspender als idealisiertes Modell zu verwenden, muss man eine Fixierlösung einbringen. Dies tun Präparatoren, das ist eine staatlich anerkannte Berufsausbildung. Die rasieren die Haare, waschen den Körper, spülen die Gefäße mit der Fixierlösung durch. Der Körper wird so haltbar gemacht und einer Analyse zugänglich. Man wartet dann in der Regel ein halbes Jahr, bis er präpariert werden kann.

OP am Bildschirm: Bei der „Sectio chirurgica“ simulieren Operationsteams an Präparaten realistische Eingriffe. Die Filme dienen als Lehrmaterial für die Studierenden.
© Foto: Pressebild

 

Nun arbeiten die Studierenden an den Körpern. Wie setzen die sich gedanklich mit dem Thema auseinander?

Bernhard Hirt: Begleitend zum Präparationskurs bieten wir ein freiwilliges Seminar „Kopfsache“ an. Obwohl das abends um 18 Uhr nach mehreren Stunden intensiver Arbeit stattfindet, kommt die Hälfte der Studierenden und lässt das Erlebte Revue passieren, auch unter Begleitung der Klinikseelsorger.

Haben die Seelsorger sonst noch eine Funktion im Kurs?

Bernhard Hirt: Wir stellen die Klinikseelsorger oder Studierendenpfarrer immer zu Beginn des Kurses vor. Die kommen auch in den Präparationskurs mit und bieten an, dass man gemeinsam reflektieren kann.

Was läuft ansonsten parallel zur Kurszeit?

Bernhard Hirt: Die Studierenden haben immer einen Tag zwischen den Kursen, wo sie natürlich lernen und sich vorbereiten müssen Wir prüfen sie vergleichsweise oft. Das wird von einem Großteil der Studierenden gar nicht als bedrohlich, sondern als notwendig gesehen. Und als weitere Ausbildung-smaßnahme haben wir die „Sectio chirurgica“. Zehnmal im Semester laden wir OP-Teams aus der Klinik ein, abends einen realistischen Eingriff zu simulieren. Das schauen sich im Internet, passwortgeschützt, Studierende aus ganz Deutschland als Video an.

Schließlich kommt zum Abschluss die Aussegnungsfeier.

Bernhard Hirt: Das fasziniert mich jedes Mal. Wir haben immer Studierende, die Texte für die Feier schreiben, sie bilden ein Orchester, manchmal haben wir sogar einen Organisten unter den Studieren-den. Und der Chor ist immer sehr groß. Alle 400 Studierenden des Kurses beteiligen sich aktiv an der Feier, proben viel dafür. Obwohl sie sich im anstrengendsten Kurs des Studiums befinden.

Was ist für Sie da der bewegendste Moment?

Bernhard Hirt: Sehr beeindruckend finde ich den Lichterweg. Die Studierenden tragen unter musikalischer Begleitung des Orchesters eine Kerze an den Altar und die Namen der Körperspender werden verlesen. Da wird die Entindividualisierung, die am Anfang eingesetzt hat, aufgehoben. Wenn die Namen verlesen werden, kommt das Individuum zurück.