Christliche Themen für jede Altersgruppe

Samariter nicht kriminalisieren

In der Aktuellen Stunde am Freitagmorgen hat sich die Synode mit dem Thema Seenotrettung befasst. Dabei kam der Ruf auf, kirchliche Verbindungen mehr für die internationale Zusammenarbeit zu nutzen, um Fluchtursachen zu bekämpfen. Auch über ein Rettungsschiff wurde diskutiert. 

Demonstration gegen die Kriminalisierung der Seenotrettung in Berlin. Auch die Landessynode hat sich zu dem Thema klar positioniert. (Foto: epd-bild)

„Lastesel“ – das wäre doch ein guter Name für ein kirchliches Rettungsschiff, findet Franziska Stocker-Schwarz (Lebendige Gemeinde). Die Landessynodale nimmt in ihrem Beitrag zur Aktuellen Stunde damit die auf dem Kirchentag in Dortmund verabschiedete Resolution auf, welche die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bittet, ein eigenes Schiff ins Mittelmeer zu schicken, um die zivile Seenotrettung zu unterstützen.

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Ein solches Schiff sei wie der Esel des barmherzigen Samariters, sagte Stocker-Schwarz. Nur mit dem Unterschied, dass der EKD-Lastesel seine Nächsten nicht an der nächsten Herberge – etwa Italien – abladen sollte. Der „Lastesel“, sagte sie, könne ein Lazarettschiff sein, dass die Flüchtlinge direkt nach Deutschland bringt.

In der Aktuellen Stunde am Freitag befasste sich die Landessynode mit der Seenotrettung und dem „Palermo-Appell“. Mit dem hatten der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando im Juni unter anderem gefordert, die Kriminalisierung privater Seenotretter zu beenden und die staatliche Seenotrettung wieder aufzunehmen.

Die Zustimmung zu diesen Zielen in der Synode war einhellig. Markus Mörike (Offene Kirche) sagte, es sei „erbärmlich und ein Bruch mit der Europäischen Wertegemeinschaft“, wenn europäische Staaten keine Flüchtlinge aufnehmen wollen. Er rief die Synodalen auf, ihre Heimatorte zu drängen, der Initiative „Sicherer Hafen“ beizutreten. Bisher seien bei der Initiative, die sich für die Aufnahme aus Seenot geretteter Menschen einsetzt, aus Württemberg nur Reutlingen, Tübingen, Rottenburg und Mehrstetten dabei.

Hellger Koepff (Offene Kirche) rät ebenfalls, auf Kommunalpolitiker vor Ort zuzugehen. Auch er verurteilte die „Kriminalisierung des barmherzigen Samariters“, die in dem Vorgehen gegen Seenotretter zum Ausdruck käme. Und er warnte vor der „Schere im Kopf“: Man müsse immer wieder prüfen, ob man nicht zuviel Rücksicht auf flüchtlingskritische Stimmen nehme.

Dem stimmte auch Hans Leitlein (Lebendige Gemeinde) zu. Er widersprach der Meinung, Seenotrettung sorge dafür, dass sich mehr Flüchtlinge auf den Weg machen. „Ich weiß nicht, was passiert, wenn sich alle auf den Weg machen. Aber ich weiß: selbst wenn man alle ertrinken lässt, wird der Druck nicht abnehmen.“ Leitlein trieb den Samariter-Vergleich weiter: Hätte der erst Grundsatzdiskussionen geführt, wäre der Verletzte längst gestorben.

„Seenotrettung ist Christenpflicht“, sagte Martin Allmendinger (Kirche für morgen). Aber es gehe auch um die Fluchtursachen. Wer sich für Seerettung ausspricht, müsse auch dafür sorgen, dass keine Waffen in Kriegsgebiete geliefert werden. Eva Glock (Evangelium und Kirche) stimmte zu, „Seenotrettung ist wichtig, aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Es müssten endlich Perspektiven in Afrika geschaffen werden. Denn: „Viele dort sitzen schon auf gepackten Koffern.“

Elke Dangelmaier-Vin¸con (Offene Kirche) verwies auf den Konflikt in Kamerun. Durch kirchliche Verbindungen wisse man, was dort geschieht. Das sei auch ein Auftrag: „Wir zwingen die Leute in die Boote, wenn wir schweigen. Und wir machen uns mitschuldig, wenn wir nicht das nutzen, was wir an Verbindungen haben und es in Taten umsetzen.“ Aber aus manchen Beiträgen sprach auch Frust, den Sigrid Erbes-Bürkle (Evangelium und Kirche) auf den Punkt brachte: „Was mich wütend macht, ist, dass wir hier sitzen und überlegen, aber an die Regierenden, die Mächtigen, kommen wir nicht ran.“

Das mochte Landesbischof Frank Otfried July am Schluss nicht so stehen lassen. Natürlich führten tägliche neue Meldungen zur Erschöpfung, aber es gehöre zum Glaubensmut dazu, „zu hoffen, dass wir an einzelnen Stellen doch etwas tun können“. So versuche er, bei Politikern Bewusstsein für den Konflikt in Kamerun zu schaffen.

Er könne sich vorstellen, sagte July, dass sich die Landeskirche an einem kirchlichen Seenotrettungsboot beteiligt. Das sei zwar eine Hilfe für Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, und ein Symbol, aber langfristig müssten vor allem die Fluchtursachen bekämpft werden. Durch kirchliche Partnerschaften könne die Landeskirche bereits einiges bewegen. Aber dies sei – „Gott sei‘s geklagt“ – nicht genug.

 

 

Klare Kante statt kalte Schulter

Kommentar von Martin Janotta

Nicht selten wird evangelischen Kirchenvertretern vorgeworfen, sie würden sich nicht klar positionieren. Und bisweilen ist der Vorwurf auch berechtigt, scheint doch manche offizielle Aussage von dem Wunsch geprägt, möglichst wenig anzuecken. Ein umso stärkeres Signal ist es da, mit welch eindeutigen Ansagen die evangelischen Kirchen nun zur zivilen Seenotrettung im Mittelmeer klare Kante zeigten.

Klare Kante zeigte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm mit dem „Palermo-Appell“ und mit seiner Verurteilung der Verhaftung von „Sea Watch“-Kapitänin Carola Rackete.

Klare Kante zeigte der Kirchentag durch die umjubelte Veranstaltung mit Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando und die verabschiedete Resolution, dass die EKD selbst ein Rettungsschiff ins Mittelmeer schicken soll.

Und klare Kante zeigten Landesbischof Frank Otfried July und die Landessynodalen, die sich auf der Sommertagung nicht nur einhellig für die Unterstützung der Seenotretter aussprachen, sondern auch viele Ideen eingebracht haben, was die Kirche tun kann, wenn die Politik weiter keinen Weg findet.

Alle diese laut geäußerten Standpunkte machen zweierlei deutlich: Es ist den evangelischen Christen in Württemberg, in Deutschland, in Europa nicht egal, wenn im Mittelmeer Menschen ertrinken. Und es gibt zunehmend den Wunsch, den unmissverständlichen Worten konkrete Taten folgen zu lassen. 

Dabei hätte besonders die Idee, ein eigenes Schiff der EKD ins Mittelmeer zu schicken – so ungewöhnlich der Gedanke auf den ersten Blick scheint – Potential, ein wirklich aussagekräftiges Zeichen praktizierter Nächstenliebe zu setzen: Die Kirche rettet die Menschen aus der Not, welche Krieg und Korruption in Afrika, das kriminelle Handeln von Schleppern und das Versagen der europäischen Politik zur Fahrt über das Meer gebracht haben.

Europa muss die Seenotrettung wieder zur gemeinsamen Aufgabe machen und gleichzeitig für sichere Einwanderungswege sorgen, um Schleppern das Handwerk zu legen.  Wenn aber die Politik versagt und den Flüchtlingen weiter die kalte Schulter zeigt, muss es die Zivilgesellschaft, voran die Kirche, richten. Auch und besonders dann, wenn die aktuelle mediale Aufmerksamkeit vielleicht bald wieder nachlässt.