Christliche Themen für jede Altersgruppe

Schlosskirche wird zur Bühne

TÜBINGEN – Schauspieler und Pfarrer haben manches gemeinsam: Sie präsentieren sich vor Publikum und müssen gut sprechen können. Dass sie dabei voneinander lernen können, haben Theologiestudenten bei einem Workshop mit dem Zimmertheater Tübingen erfahren. 


Gerhard Kretzschmar leitet die Predigeranstalt und schätzt die Theaterleute als Gesprächspartner. (Foto: Wolfgang Albers)

Auf die Kanzel steigen, vor der Gemeinde stehen, frei und fesselnd reden: Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Evangelische Theologiestudenten in Tübingen merken das spätestens, wenn sie auf die Kanzel der Schlosskirche steigen. Wenn die Predigt dann eher unsicher lief – nicht so schlimm. War ja nur eine Übung.

Seit gut 200 Jahren hat die Fakultät diese besondere Einrichtung, die Evangelische Predigeranstalt. Einst war sie ein Verein, jetzt ist sie Teil des Lehrstuhls Praktische Theologie. Die Predigeranstalt nutzt eine Kirche im Tübinger Schloss. Sie ist Tübingens ältester Kirchenraum, aber nicht zur Besichtigung freigegeben und existiert deshalb eher im Verborgenen.

Aber bald werden sich die Türen für das Publikum öffnen: Das Tübinger Zimmertheater führt hier das Stück „Franziskus – Gaukler Gottes“ von Dario Fo auf. In diese Inszenierung sind auch Theologiestudentinnen und -studenten eingebunden.

Als Gerald Kretzschmar, Professor für Praktische Theologie und in Personalunion Leiter der Evangelischen Predigeranstalt, von dem Wunsch des Theaters hörte, die Schlosskirche als Spielort zu nutzen, fragte er Regisseur Michael Hanisch, ob man nicht kooperieren könne. Um den Leitgedanken der Predigeranstalt am Leben zu halten: die evangelische Predigtkultur innovativ zu gestalten.

Hanisch war einverstanden. So saßen zehn Studierende, Gerald Kretzschmar, der Regisseur und die Schauspielerin Renate Winkler kürzlich in einem Workshop unter dem Gewölbe der Kirchensakristei zusammen und tauschten sich über das Stück aus. Das stammt von einem Autor, der die Kirche nicht nur heftig attackiert hat, sondern auch etliche Gerichtsverfahren deshalb am Hals hatte. Aber, das hatte Gerald Kretzschmar beim Lesen gemerkt: „Ich war überrascht, wie gut Dario Fo theologisch informiert war und wie viele biblische Themen er reingepackt hat, von prophetischen Zeichenhandlungen bis zu jesuanischen Traditionen, vor allem den gesellschaftskritischen.“

Auch die Gemeinsamkeiten von Schauspielern und Pfarrern waren ein Thema. Etwa, wie sie beide ihrem Publikum gegenübertreten. „Warum erhöhen wir uns auf der Bühne, ihr auf der Kanzel?“, fragte Renate Winkler.Beide würden in Rollenberufen arbeiten. „Es ist ganz wichtig, das zu reflektieren“, sagt Gerald Kretzschmar. „Wie füllen wir diese Rolle aus? Was passt zu uns?“ Das Rollenverständnis ergebe sich nicht automatisch: „Da ist das Theater ein toller Gesprächspartner. Das sind Leute, die das professionell betreiben, da können wir Theologen viel lernen.“

Renate Winkler riet dazu, nicht hinter der Rolle des Pfarrers oder der Pfarrerin zu verschwinden: „Du bist auf der Kanzel die Person, die du bist: mit deiner Gestalt, mit deinen Stimmungen – es ist ein Trugschluss, dass du das verstecken kannst.“

Die Studierenden hospitieren bei den Proben, und sie bereiten für die Aufführungen Publikumsgespräche vor. Eigenverantwortlich. „Ich bin nur der Moderator“, sagt Gerald Kretzschmar. Das Projekt kommt bei seinen Studierenden gut an. Und führt sie direkt zur Praxis. Spontan beschlossen die künftigen Theologen, einen Hochschulgottesdienst mitzugestalten: einen Theatergottesdienst zum Thema Franziskus.