Christliche Themen für jede Altersgruppe

Seelenklänge im Musik-Bunker

ILLINGEN (Dekanat Mühlacker) – Zur Musik gehört auch Technik. Nicht nur Instrumentaltechnik, sondern auch Tontechnik. Marcus Zierle ist darin ein Meister. Der Kirchenmusiker produziert in seinem Reihenhaus in Illingen Töne und Klänge. Und nebenbei ist er der Seelsorger seiner Musiker. 


Technik gehören für Marcus Zierle zusammen. (Foto: Werner Kuhnle)

Dunkelbraune Holzstufen führen erst mal nach unten. Dort im Keller beginnt das Reich der Klänge und Töne. Mitten drin sitzt Marcus Zierle, 47 Jahre alt, Tonmeister von Beruf, gelernter elektrotechnischer Assistent, Gitarrist, Pianist, Bassist, Kirchenmusiker. Das Hemd locker über der Hose hängend, empfängt er lachend seine Gäste in seinem Gospelgroove-Studio. Hinter ihm prangt das Mischpult mit seinen 80 Spuren aus dem Jahr 1995, das damals 240.000 D-Mark gekostet hat und auch heute noch einfach durch keinen Computer ersetzt werden kann, „weil es einfach geiler klingt“, wie Marcus Zierle es salopp formuliert.

Hier in diesen heiligen Räumen entsteht die Musik, die das Herz von Marcus Zierle höher schlagen und in der er Christentum, Musik und Technik zu einer Einheit verschmelzen lässt. Erst der Mischpult-Raum, dann ein Zimmer mit dem Flügel, der Kaffeemaschine und einer Sitzcouch. Eine Terrassentür geht nach draußen in den Garten – für die Rauchpausen. Und dann wartet der Clou: Eine weitere Tür führt in einen Atombunker, den der Vorbesitzer des Hauses bauen ließ. Ein idealer Ort für Aufnahmen. Schallgedämpft, mit Panzertür. Hier spielen und singen die Musiker. Die Verbindung zum Mischpult stellen Mikrophone und Bildschirme her.

Der heutige Gast im Bunker: Diakon und Musiker Thomas Knodel. Er spielt eine CD für sein Weihnachtssingspiel ein, anhand der die Kinder dann üben können. „Thomas, hörst du mich?“, fragt Marcus Zierle ins Mikrophon. Der Angesprochene hat inzwischen die Kopfhörer aufgesetzt. Ja, er hört. Sehen kann man ihn auch. Auf dem Monitor.

Tonmeister Zierle hat die Musik schon mit der Muttermilch eingesogen. „Mamas Trichter und Cewa-Rollen mussten als Trompeten herhalten“, erzählt er. Kochtöpfe wurden zum Schlagzeug, Vaters Akkordeon zum Klavier umfunktioniert. Später lernte Marcus Zierle richtig Akkordeon spielen. Bass und Gitarre kamen auch dazu. Vom Konfirmationsgeld kaufte er sich mit 14 Jahren ein Fender Rhodes E-Piano und irgendwann kam die erste Bandmaschine dazu. „Denn Musik und Technik haben mich immer tierisch interessiert“, sagt Zierle, der sein Abi­tur an einem Technischen Gymnasium nachgeholt hat und dabei zum elektrotechnischen Assistenten ausgebildet wurde. Diese Kombination ist die Grundlage für seine Berufung als Tonmeister, der im Vergleich zum Toningenieur den Schwerpunkt mehr auf der künstlerischen Seite hat.

„Thomas, sag mal was!“, ruft Zierle ins Mikro. Und während Thomas Knodel über Gehirnjogging plaudert, pegelt Marcus Zierle die Kanäle ein. Und dann geht es los: „Was singt da der Engelchor? Was klingt in meinem Ohr?“, trällert Knodel. Marcus nickt mit dem Kopf. „Ja, wunderbar.“

Eigentlich hat Marcus Zierle auf Realschullehramt studiert. Doch kurz vor der Prüfung hat er es sich anders überlegt: Seine Welt war die Musik. Er absolvierte die C-Ausbildung in Kirchenmusik und fing mit dem Studiogeschäft an. Als ihm das nächtelange Durchschaffen zu viel wurde, verlagerte er seinen Schwerpunkt auf Chorleitung und Musikunterricht. Bis um die Jahrtausendwende ein Musikerkollege auf ihn zukam und ihn bat, mit ihm eine Platte zu machen. Seitdem hat sich Marcus Zierle als Tonmeister in der Jazz-Szene in Stuttgart etabliert, der heimlichen Hochburg des Jazz, wie Zierle sagt. 2006 zog er in das Haus mit dem Bunker. Seine Musiker frotzeln dabei immer. „Wenn es mal knallt, kommen wir zu dir.“

Aber so schnell knallt es schon nicht, hofft der evangelische Christ Marcus Zierle, der von der Jungschar über Kinderkirchmitarbeit bis zum Kirchenchor mit dem Glauben verbunden blieb. Heute leitet er nicht nur einen evangelischen Chor in Ried-Eberdingen, sondern auch den katholischen in Bissingen.

„Unser Chef ist der gleiche“, hat er dem katholischen Pfarrer damals beim ersten Kennenlernen gesagt. Und heute sagt er überzeugt: „Wir haben dasselbe Evangelium, nur die Anbetung ist anders.“ Die katholische Kirche findet Zierle teilweise ehrfürchtiger. „Die eine oder andere Verbeugung vor unserem Herrn könnte auch uns nicht schaden“, meint er. Fasziniert ist der Musiker Zierle von der katholischen Messe. Die sei einfach durchkomponiert. Nur an die Wandlung glaube er als Protestant dann doch nicht.

Auf eine andere Art hat Thomas Knodel sein Singspiel durchkomponiert. Die Texte liegen auf dem Mischpult zur Orientierung. Sechs Lieder sind es. Dazwischen gesprochen Abschnitte. Am ersten Advent findet die erste Probe statt. Dann übt jeder und am 4. Advent wird das Weihnachtsspiel aufgeführt. Das ist schon das 35. Mal in diesem Jahr. Mitsängerin Susanne Beller ist inzwischen eingetroffen. Sie wird die Melodie singen, Thomas Knodel die zweite Stimme. Ob das nicht zu verwirrend für die Kinder ist? „Die Kinder sind intelligenter als man meint“, kontert Marcus Zierle. „Außerdem können sie die Melodie von einer Frauenstimme viel besser abnehmen als von einer Männerstimme.“

Alles klar. „Wie sieht es aus, fühlst du dich wohl?“, will Marcus Zierle von Susanne Beller wissen. Wenn ja, dann geht es jetzt los. Der Finger schwebt schon über der Aufnahmetaste. Die Aufnahme ist der jährliche Beitrag Zierles zur Kirchengemeinde in Illingen. „Dann brauche ich keinen Kuchen spenden“, witzelt er. Die Verbindung zur Kirchengemeinde ist für ihn selbstverständlich. Vermisst er diesen Aspekt beim Jazz dann nicht?

Keineswegs. Für ihn ist alles eine Welt. Im Jazz, erklärt er, seien hochgebildete, hochsensible nachdenkliche Quertreiber unterwegs. Jazz-Musiker akzeptieren die völlig andere Spielweise ihrer Kollegen. Man sei eine große Familie, in der sich alle gegenseitig helfen. „Da lässt keiner den anderen hängen. Das macht Christsein für mich aus“, sagt Marcus Zierle. „Das läuft da von alleine, ohne dass es jemand ausspricht.“ Und deshalb kann Marcus Zierle seinen christlichen Glauben und die Jazzmusik gut verbinden.

Fasziniert ist Marcus Zierle auch davon, wie sehr in der Musik die Persönlichkeit der Sängerinnen oder der Instrumentalisten zur Geltung kommt. „Fliegen kann man nur gegen den Wind, und die fliegen jeden Tag gegen den Wind“, sagt er über seine Musiker, für die er sich auch als Motivator, Seelsorger und Psychologe versteht. „Ein richtiger Musiker krempelt die Seele nach außen“, sagt er. Wenn etwas die Schwingung störe, dann merke er das. Er hat auch schon Aufnahmen unterbrochen, um sich über die Beziehungen seiner Kunden zu unterhalten. „Ich habe es eben mit Menschen zu tun.“ Und der schönste Augenblick ist für Tonmeister Marcus Zierle dann, wenn er bei einer Aufnahme merkt: „Jetzt hat er den Moment. Jetzt fließt es.“



Kontakt: Marcus Zierle, www.gospelgroove-studio.de