Christliche Themen für jede Altersgruppe

Strategien gegen das Vergessen

Dass KZ-Gedenkstätten, Museen und Initiativen junge Menschen erreichen, ist in Zeiten des aufkommenden Rechtspopulismus wichtiger denn je. Eine Gruppe von Machern in Oberschwaben um den Medizinhistoriker Thomas Müller hat daher ihr eigenes Ideenlabor gegründet. 


Das ehemalige Konzentrationslager Oberer Kuhberg in Ulm ist heute ein Ausstellungsort.
(Foto: Pressebild/DZOK)


Wie es gewesen ist in den dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945, das könnte den 20-Jährigen in diesem Land keine Schautafel und kein Dokumentationsfilm besser erzählen als die Urgroßeltern, die das miterlebt haben. Bloß: die Zeitzeugen, die oft ja auch Geschichtsvermittler in ihren Familien waren, sterben oder sind längst tot. Mehr noch: Eine ganze Reihe Ehrenamtlicher im Land, die nach dem Zweiten Weltkrieg Erinnerungsstätten ins Leben gerufen und geführt haben, sind mittlerweile im Rentenalter und suchen Nachfolger.

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Gedenkorte, Museen, Initiativen, die sich mit den Schrecken der NS-Herrschaft und des Widerstandes dagegen beschäftigen, stehen vor existenziellen Fragen. „Wir stehen an der Schwelle vom kollektiven Gedächtnis zum kulturellen Gedächtnis“, analysiert Sibylle Thelen, Leiterin der Abteilung „Demokratisches Engagement“ bei der Landeszentrale für politische Bildung und zuständig für die Gedenkstättenarbeit.

Das allein wäre genug für ernste Selbstbefragungen bezüglich der Zukunftsfähigkeit ehemaliger, zum Museum hergerichteter KZ-Außenstellen, Stolperstein-Initiativen oder früherer Tötungsorte wie Schloss Grafeneck. Dass Erinnerungsarbeit, wenn sie wirken soll, wenigstens die Authentizität der Originalschauplätze benötigt, wenn schon die Zeitzeugen fehlen, dass sie nicht zentralisiert dargeboten werden kann, darüber besteht kein Zweifel. Der politische Rechtsruck in Europa mit seinen Nationalismen, das Erstarken der rechtspopulistischen AfD, deren Vorsitzender Alexander Gauland die Zeit des Nationalsozialismus als einen „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte bezeichnete, trübt die Zukunftsperspektiven weiter ein. Die Grenzen des Sagbaren in Deutschland scheinen sich zu verschieben, nimmt auch Sibylle Thelen wahr.

Der Arzt und Medizinhistoriker Thomas Müller ist nicht fürs Beobachten und Abwarten. Seit elf Jahren ist der Ulmer Universitätsprofessor Leiter des von ihm auch begründeten  Forschungsbereichs für Geschichte der Medizin, sein Büro hat er im mit der Universität assoziierten Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg in Ravensburg-Weissenau; ein Ort, von dem aus während der NS-Zeit annähernd 700 Menschen in den Tod geschickt wurden, weil sie gemäß der herrschenden Rassenideologie als lebensunwert abgestempelt wurden.

Der 53-jährige Wissenschaftler Müller, der auch noch das Württembergische Psychiatriemuseum mit Standorten in Zwiefalten und Bad Schussenried leitet, ist beruflich viel rumgekommen in seinem Oberschwaben. Sein Fazit: „Ich hatte den Eindruck, dass diejenigen, die sich mit dem NS beschäftigen, die Arbeit der anderen nicht genau kennen.“

So lud Müller eine ganze Reihe von Machern Ende des vergangenen Jahres  in das altehrwürdige Kloster von Weissenau zu einer internen Arbeitstagung ein. Oswald Burger war beispielsweise dabei, Leiter der Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen in Überlingen, Charlotte Mayenberger, Kopf des Freundeskreises „Juden in Buchau“, Michael Niemetz vom Laup-heimer Museum für Christen und Juden, Franka Rößner und Thomas Stöckle von der Gedenkstätte Grafeneck, Sibylle Thelen aus Stuttgart oder Nicola Wenge vom Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm. Zwei Tage lang haben sie debattiert und nachgedacht. „Uns ist klar geworden, dass für die heute 20-Jährigen was passieren muss“, sagt Müller.

Zu dieser Gruppe der Geschichtsbewahrer in Bezug auf die NS-Zeit gehören aktuell  die Kirchen nicht. „Die Kirchen arbeiten ihre NS-Geschichte eigenständig auf“, sagt Müller. Mutige Geistliche habe es nach 1933 durchaus gegeben, aber eben auch ein weit verbreitetes, schuldhaftes Schweigen und Verschweigen. „Die Kirche konnte in Baden-Württemberg die Euthanasie nicht verhindern.“ Dieser Aspekt der NS-Zeit ist nach Empfinden des Wissenschaftlers in den oberschwäbischen Gedenkorten unterrepräsentiert. Die Rolle der Kirchen werde dem Museumspublikum „nicht in der gleichen Offensivität angeboten“ wie von staatlicher Seite.

Diejenigen, die in Weissenau dabei waren, gingen mit ersten Beschlüssen zur Stärkung der Erinnerungsarbeit in Südwürttemberg nach Hause; darunter ein paar pragmatische und solche, die zunächst Vision sind. Zu Buche steht an erster Stelle die Absage an jeden Konkurrenzgedanken: Museen, Gedenkstätten und Erinnerungsorte sollten künftig in ihrem Räumen auch auf die Existenz der anderen hinweisen. Der Austausch didaktischer Konzepte, das Lernen voneinander, zum Beispiel was die Ansprache und den Umgang mit Behindertengruppen in den Ausstellungen anbelangt, soll vorangebracht werden.

Als besonders wertvoll erachteten die Teilnehmer die Erforschung und Präsentation regionaler Biografien, sowohl was Opfer als auch Täter betrifft.  Die Auftritte der Gedenkorte im Internet sollen zudem verbessert werden. Es reiche nicht, sagt Müller, dass Detailinformationen als PDF heruntergeladen und ausgedruckt werden könnten. Die Idee einer „Gedächtnisstätten-App“ soll weiter verfolgt werden. „Möglicherweise müssen wir auch etwas ganz neues Digitales erfinden.“ Schließlich soll die Anbindung der Gedenkorte an die Universitäten Ulm und Konstanz gestärkt werden – für Ulm will Müller das persönlich übernehmen. Eine Kooperation zwischen dem KZ-Stollen von Überlingen und der Uni Konstanz hat bereits begonnen. Mehr Studierende der Geschichts- und Kulturwissenschaften, so das Ziel, sollen sich das Thema von Seminararbeiten vor Ort „auf dem Land“ holen, sollen frischen Wind und neue Perspektiven mitbringen. Außerdem ist ein nächstes Treffen 2019 vereinbart, dann auch mit mehr Machern von „Graswurzelinitiativen“, wie Gastgeber Müller sagt. Mark Tritsch war diesmal schon bei der Tagung dabei, Vertreter einer Bürgerinitiative, die in Ulm gegen viele anfängliche Widerstände die Verlegung von „Stolpersteinen“ des Künstlers Gunter Demnig durchgesetzt hat.

In Oberschwaben, sagt Müller, sei alles dokumentiert, „was den Schrecken des NS ausmacht“: Euthanasie und Eugenik, Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie, die Verfolgung von Sinti und Roma, die Auslöschung ehemals stolzer jüdischer Gemeinden, Zwangssterilisationen oder die explizite „Zurichtung“ politischer Gefangener im KZ. Wenn hier der Schulterschluss gelänge, wenn sich dadurch die Gedenkarbeit, die immer auch ein Ringen für „demokratische Kultur“ sei, stabilisieren und stärken ließe, dann könne das ein Konzept für die ganze Bundesrepublik sein.

Ihre während der NS-Zeit zu beobachtende passive Haltung haben die Kirchen auch in Weissenau längst aufgegeben. Wie seit langem engagierten sich auch dieses Jahr die beiden evangelischen und katholischen Seelsorger des ZfP in Weissenau in einer Arbeitsgruppe zur Vorbereitung des internationalen Tags des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar. Müller sagt, beide Seelsorger seien engagiert dabei, „mit uns die Vergangenheit aufzuarbeiten“.