Christliche Themen für jede Altersgruppe

Und die Grabpflege macht die Natur

MÜNSINGEN – In Deutschland sterben im Jahr etwa eine Million Menschen. Liegt kein ausdrücklicher Wille des Verstorbenen vor, suchen Familie und Freunde einen letzten Ruheort. Der kann auch unter Bäumen liegen. Ein Besuch im Friedwald Münsingen. 


Eine Führung durch den Friedwald hilft, Fragen zu klären.

Durch die dürren Äste fächelt der Winterwind. Unter den Schuhen knirscht gefrorener Schnee. Martin Schuh, Friedwaldförster, führt eine Gruppe Besucher durch den Friedwald Münsingen. Hier ruht im insgesamt 64 Hektar großen Gelände die Asche der Verstorbenen in einer biologisch abbaubaren Urne an den Wurzeln von Bäumen. Martin Schuh hatte an diesem Tag zwei Beerdigungen. Da war ein Witwer mit seinen vier kleinen Kindern; die Mutter war gestorben.

„In einem Gottesdienst hatte der Witwer zusammen mit vielen Anteilnehmenden Abschied von der Verstorbenen genommen“, sagt der Ingenieur der Forstwirtschaft. Anschließend habe der jüngere Mann eine Zeremonie im Friedwald Münsingen gewünscht. Keine fragenden Blicke, keine hilflosen Umarmungen, kein „Die Zeit heilt alle Wunden“. Einfach nur still sein. Die Urne in die vorbereitete Grabstätte unter der Buche stellen, Erdboden darüber rieseln lassen, wenige Geschenke der Kinder – Schneckenhäuser, Muscheln, eine Tulpe – beilegen, mit einer Baumscheibe den Urnenplatz verschließen.


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Zur zweiten Bestattung kamen viele Menschen, man versammelte sich auf dem Andachtsplatz, der Pfarrer sprach, eine Posaunengruppe spielte. Eine Regelung fast wie auf dem Friedhof. Nur  braucht sich hier keiner Sorgen um den passenden Grabstein und die Grabpflege zu machen. „Im Friedwald gibt es keinen Grabschmuck“, sagt Martin Schuh. Es sind nur die kleinen Metallschilder am Bestattungsbaum, die an die Verstorbenen erinnern.

2001 entstand der erste Friedwald bei Kassel. Heute gibt es an die 60 Standorte mit jährlich mehr als 10.000 Bestattungen. Bundesweit wurden etwa 75.000 Verstorbene in Friedwäldern beigesetzt, davon 13.000 in Baden-Württemberg. Das Konzept aller zu einer GmbH zusammengefassten Friedwälder: Ein bestehendes Stück Wald (meist im kommunalen Besitz, es gibt aber auch Privatwälder) wird zum Bestattungswald erklärt. Menschen können dort ihre Angehörigen in einer biologisch abbaubaren Urne unter einem Baum beisetzen lassen. Auf Wunsch verweist eine Namenstafel am Baum auf den Verstorbenen. Sonstiger Grabschmuck ist nicht erlaubt. Die Grabpflege übernimmt die Natur.
Das Ungebundensein von Pflege und Wartung ist es, das die meisten der Friedwaldbesucher an diesem Tag am Typus der Friedwaldbestattung interessiert. „Unsere Kinder wohnen weit weg, sie können sich nicht um Gräber kümmern, wenn wir mal nicht mehr sind“, formuliert eine Frau um die 70 ihren Wunsch, letzte Ruhe im Friedwald Münsingen zu finden. „Wir waren immer naturbegeistert, seit der Pensionierung sind wir täglich im Wald“, fügt ihr Ehemann hinzu. Seine Naturverbundenheit bekundet auch ein anderes Ehepaar. „Wir haben keine Kinder, die sich um ein Grab kümmern könnten, wir suchen uns hier einen Baum aus“, sagen sie. Und immer wieder ist in dieser Stunde, in der Martin Schuh durch den Friedwald führt, der erste Teil aus Prediger 12,7 zu hören: „Denn der Staub muss wieder zu der Erde kommen, wie er gewesen ist ...“

Manche erzählen, dass sie aus der Kirche ausgetreten sind und deshalb nicht auf einem normalen Friedhof begraben werden wollen. Andere kritisieren „den nicht ausgesprochenen, aber doch existierenden Wettbewerb des Grabschmucks auf den Gräbern“. „Möchtest du, dass ich hier für uns alle eine Grabstelle kaufe?“, fragt ein rüstiger Vater seine Tochter. „Das besprechen wir zu Hause“, sagt sie leise. Alle aber sind sich sicher: Über einen Friedwald und seine Regeln wissen sie jetzt besser Bescheid als vor der Führung. Martin Schuh sagt: „Das Konzept ist unabhängig von Konfessionen und frei von sozialen Zwängen.“

Die Regeln des deutschen Bestattungsrechtes folgen der christlich-abendländischen Tradition. Während in den Nachbarstaaten wie Großbritannien die Asche eines Verstorbenen schon mal unter dem Fußballfeld eingebracht oder in Frankreich aus einem Heißluftballon verstreut werden darf, dominiert in Deutschland das klassische Begräbnis auf einem Friedhof. Doch die Alternative Friedwald wählen Menschen auch wegen der niedrigeren Kosten für die Bestattung.

„Wir bieten unterschiedliche Baumgräber, für Familien, für Partner, für Freundeskreise und alleinstehende Menschen“, sagt Schuh. Unterschiedliche Farbbänder an den Bäumen (im Friedwald Münsingen wachsen vor allem Buchen, Ahorn und Kiefern) geben Auskunft: Ein blaues Band am Baumstamm zum Beispiel bezeichnet eine Ruhestätte für eine Familie oder einen Freundeskreis von bis zu zehn Personen für die Dauer von bis zu 99 Jahren, der Preis ist abhängig von Stärke, Art und Lage des Baumes. Eine Plakette gibt Auskunft über den Preis.

Ist ein rotes Band um den Baumstamm gebunden, handelt es ich um einen Einzel- oder Partnerbaum. Ein gelbes Band sagt, dass es sich um einen Gemeinschaftsbaumplatz für zehn Personen handelt, die sich zu Lebzeiten nicht kennen müssen. „Sternschnuppenbaum“ heißt ein Baum für verstorbene Kinder bis zum dritten Lebensjahr. Eltern, die für ihr Kind im Friedwald die letzte Ruhestätte wünschen, zahlen nur die Beisetzungskosten.

Was aber sagen die Kirchen zur Bestattung in Friedwäldern? Meist gibt es keine grundsätzlichen Einwände gegen eine Ruhestätte unter Bäumen. Einige Kirchengemeinden haben sogar die Trägerschaft über Friedwälder oder auch Friedberge  übernommen. Auch der Vatikan hat im Jahr 2016 Friedwälder als Bestattungsort anerkannt, solange die Bestattung nicht anonym erfolgt.
Bedenken gibt es dennoch bei allen christlichen Kirchen: Das Friedwald- Konzept lasse zentrale Elemente einer humanen und christlichen Bestattungskultur vermissen. Denn das weltanschauliche Fundament der Friedwald-Konzeption sei das naturreligiöse Bekenntnis. Die Kritik bezieht sich auf die Tradition von einst, als Nomadenvölker ihre Toten in einem Grab am Wurzelgeflecht von Bäumen bestatteten – eine Notwendigkeit, denn sie mussten weiterziehen.

Heftigere Kritik als von den Kirchen kommt von einigen Naturschützern. Vor der Ausweisung als Urnenfeld werde der zuvor nachhaltig bewirtschaftete Wald teils parkartig nivelliert. Auch entstünden Trampelpfade. Umweltexperten bemängeln zudem, dass Verstorbene in den Krematorien samt künstlischer Hüftgelenke, Zähne und Prothesen verbrannt würden, sodass der Waldboden möglicherweise mit Schwermetallen belastet wird. Der Friedwald Münsingen ist im Biosphärenreservat angesiedelt. Umweltschützer schauen genau hin, so auch auf den Ascheeintrag aus den sich mit der Zeit auflösenden Bio-Urnen.