Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vom Splitter und vom Balken

Lukas 6,36-37, 39-42  Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.
Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister. Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Impuls zum Predigttext für den 4. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 6,36-42.  Von Thomas Ebinger


Thomas Ebinger ist Pfarrer in der Kirchen­gemeinde ­Kemnat im ­Kirchenbezirk Bernhausen.
(Foto: Michael Fuchs
)
Als Eltern hat man es heute nicht leicht. Wie soll man seine Kinder erziehen? Streng und unnachgiebig oder besser locker und an der langen Leine? Zum Glück darf man Kinder heute nicht mehr körperlich züchtigen. Aber auch viele andere Maßnahmen wirken nicht so recht. Jesus hat für Gott bevorzugt ein Bild verwendet, das jeder kennt: Gott ist unser Vater. Und er ist kein strenger Vater, sondern ein barmherziger. Barmherzig heißt sicher nicht, dass man jedes Verhalten gutheißt. Aber es bedeutet, dass man als Vater versucht, sich in sein Kind hineinzuversetzen, die Beweggründe zu verstehen und vor allem zu akzeptieren, dass jeder Mensch und erst recht jeder Heranwachsende seine Grenzen hat. Wer noch vieles lernen muss, kann nicht perfekt sein. Und wenn wir als Menschen lebenslang Kinder Gottes sind, können und müssen wir auch als Erwachsene nicht perfekt sein.
Was im Verhältnis zu Kindern selbstverständlich sein sollte, fällt uns im gleichberechtigten Umgang miteinander oft schwer. Denn wir leben in einer hochkomplexen Leistungsgesellschaft, in der Fehlervermeidung wichtig ist für den wirtschaftlichen Erfolg. Und dieses Leistungsdenken übertragen wir viel zu leicht auch auf den Umgang miteinander, sei es unter Freunden oder in der Gemeinde, wo wir unter Schwestern und Brüdern sind. Jede Gemeinschaft braucht konstruktive Kritik. Missstände müssen angesprochen werden, sonst hält der Schlendrian Einzug. Der Predigttext aus der Feldrede des Lukas mahnt aber eindrücklich, dabei mit größtem Fingerspitzengefühl vorzugehen. Die Formulierung ist so einprägsam, dass sie sprichwörtlich geworden ist. Da sieht mal wieder jemand den Splitter im Auge des andern, aber den Balken in seinem Auge sieht er nicht. Autsch, denkt man schon beim Splitter. Ein Fremdkörper im Auge kann wehtun und stört den klaren Blick. Meist kommen einem dann schnell die Tränen und man wischt sich den Splitter aus dem Auge. Hilfe von außen braucht man dafür eigentlich nicht.

Umso peinlicher ist es, wenn man genau das Verhalten, das man beim andern kritisiert, selbst an den Tag legt und das in einer viel extremeren Form. Tatsächlich fallen uns oft gerade die Fehler bei anderen auf, gegen die wir auch bei uns selbst kämpfen. Übertriebene Geltungssucht. Unzuverlässigkeit. Eitelkeit. Die Liste lässt sich individuell fortsetzen.

Und Angriff ist scheinbar oft die beste Verteidigung, wenn wir selbst kritisiert werden. Aber da gilt, wie man das bei uns sagt und bei den Schwaben mit ihrer Kehrwoche besonders gut versteht: Man sollte immer zuerst vor der eigenen Haustüre kehren!

Bei Jesus gibt es aber nicht nur die Warnung, vorschnell bei anderen Fehler anzusprechen. Wenn man sich von seinem Balken befreit hat, sieht man besser und kann dann durchaus den Splitter im Auge des Bruders anfassen. Aber das hat dann nichts Überhebliches und nichts Heuchlerisches mehr. Es soll barmherzig und verständnisvoll geschehen. Wer sagen kann: „Ich kenne das von mir und brauche dafür immer wieder Vergebung“, wird ernst genommen. Wer so tut, als sei er fehlerfrei, braucht sich nicht wundern, wenn seine Kritik nicht ernst genommen wird. Denn fehlerfrei ist keiner von uns. Auf Barmherzigkeit sind wir alle angewiesen. Zum Glück haben wir in Gott einen barmherzigen Vater, der es gut mit uns allen meint!


Gebet
Barmherziger Gott, mein Vater, danke, dass du
mir meine Fehler und Schwächen verzeihst und
mir immer wieder die Richtung zum Guten weist.
Mach mich barmherzig, wenn ich Fehler bei
anderen entdecke. Gib mir Geduld, Feingefühl
und die richtigen Worte, um Dinge anzusprechen,
bei denen es notwendig ist.