Christliche Themen für jede Altersgruppe

Warentest in der Schul-Fabrik

Messen, wiegen, testen: Auch in der Schule wird nichts mehr dem Zufall überlassen. Schon in der Vorschule sollen Defizite der Kinder erkannt werden. Vergleichsarbeiten in allen Klassenstufen zeigen, wo die Schüler stehen. Ergebnisorientierung! Aber welches Menschenbild steckt dahinter? Wird der Schüler etwa zur genormten Ware? Das kann nur einer verhindern: der Lehrer. 


(Foto: moodboard/fotolia)


Einst stand Werner Baur als Lehrer in der Hauptschule vor einer schwierigen Klasse. Da kam ihm eine Idee: „Ich begrüßte jeden Schüler zu Beginn mit Handschlag und Namen“, erzählt Baur, während er in seinem Büro im evangelischen Oberkirchenrat sitzt. Dort leitet Baur das Dezernat „Kirche und Bildung“, und was er mit dem Beispiel sagen will, ist ganz einfach: Für erfolgreiches Lernen ist der persönliche Zuspruch, das Vertrauen und die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler wichtig. Eigentlich müsste daher in die Aus- und Fortbildung der Lehrer investiert werden. Statt dessen aber setzt die Bildungspolitik seit Jahren vor allem auf eines: die Schüler gründlich zu testen.

Ob PISA-Studie, Vergleichsarbeiten oder Mathematik-Wettbewerb. Dahinter verbirgt sich der Versuch, mittels zentraler Prüfungen Schüler gleichen Alters in ihren Leistungen zu vergleichen, Schwächen zu erkennen und somit auszugleichen. Woher kommt das? „Wir haben Anleihen genommen bei der Qualitätssicherung der Industrie, bei der Produktion von Waren“, sagt Werner Baur und beschreibt damit den Paradigmenwechsel von der Input- zur Output-Orientierung. Nicht was reingesteckt wird, wird bewertet, sondern was am Ende rauskommt. „Und wer den Output will, steht am Ende eben mit dem Maßband da“, sagt Baur, der diesen Ansatz nicht für völlig unbegründet hält. Aber er warnt auch davor zu glauben, dass jede Bildung messbar und alles machbar ist. „Das wäre Ideologie.“

Und genau diese Ideologie befürchtet der Schulpädagoge Albrecht Wacker. Er ist Professor am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, und er beobachtet an den staatlichen Schulen – in allen Formen und Klassenstufen – ein Phänomen, das er als „diagnostische Inflation“ bezeichnet. Ausgelöst durch die PISA-Studien würden Schüler immer mehr auch unter psychologischen Aspekten begriffen. Für ihn besteht die Gefahr, die Schüler nur noch als Fälle zu behandeln, „wenn wir nicht aufpassen“ – und damit auch das christliche Menschenbild aus den Augen zu verlieren.

Hinter dem Wiegen, Testen und Messen steckt für Wacker eine „falsche Heilserwartung, jeden Schüler über Diagnostik und daran anknüpfende Maßnahmen auf eine bestimmte Stufe bringen zu können“. Die Heilserwartung besteht für ihn darin, dass Kompetenzen im Menschen quasi erzeugt werden sollen. Es ist die Versuchung, „Menschen zu machen“.

Aber was ist, wenn dies nicht gelingt, und ein Schüler trotz bester Förderung bestimmte Kompetenzerwartungen nicht erfüllt? Dann sei die Gefahr groß, Schüler zu pathologisieren, meint Wacker. Ihnen also eine Diagnose zu stellen. Aber, wirft Wacker ein: Jeder Mensch ist anders – in seinen Anlagen und Fähigkeiten. Das werde vordergründig zwar so thematisiert. „Aber hintergründig ziehen wir eine Norm ein“, befürchtet der Pädagoge.

Das Produkt der Schule: der normierte Mensch? Gewogen, getestet und mit Preis-Etikett versehen? Wie sieht die Realität aus? Zum Beispiel am evangelischen Lichtenstern-Gymnasium in Sachsenheim bei Vaihingen/Enz. Uwe März ist dort für die pädagogische Entwicklung zuständig, Albrecht Schächterle kümmert sich um Stipendien und Begabtenförderung. Schulleiter Reinhart Gronbach ist gleichzeitig Pfarrer. Gute Voraussetzungen also für gute Bildung. Die freie evangelische Schule hat im Gegensatz zu staatlichen Schulen zudem einen Vorteil: Sie macht die Vergleichstests freiwillig.

Wie Reinhart Gronbach erklärt, werden die Schüler anhand von drei Instrumenten beurteilt: Erstens die Zeugnisse aus der Grundschule. Und hier hat Gronbach „große Hochachtung“ davor, was Grundschullehrer über Schülerpersönlichkeiten schreiben. Die zweite Begutachtung findet durch die Vergleichsarbeiten in Klasse 7, 8 und 9 statt. Dazu kommen drittens Wettbewerbe, bei denen einzelne begabte Schüler gezielt gefördert werden.

„Wir stehen hinter den Vergleichsarbeiten“, sagt Schulleiter Gronbach. Und Uwe März ergänzt: „Wir sehen dadurch, wo die Schüler stehen und leiten davon Fördermaßnahmen ab.“ Schlecht sei es allerdings, wenn an staatlichen Schulen aufgrund der schlechten finanziellen Ausstattung die Förderung ausfällt. Und das ist genau die Befürchtung von Pädagoge Albrecht Wacker. Er beklagt, dass es unklar sei, wie die Testergebnisse in Fördermaßnahmen einfließen. „Die Fördermaßnahmen muss jeder Lehrer selbst einsetzen, aber viele Lehrer machen nichts aus den Ergebnissen“, kritisiert er. Schlechte Testergebnisse würden dann durch „schlechtes Schülermaterial“ erklärt. Gute Ergebnisse würden auf guten Unterricht zurückgeführt. Genauso soll es aber nicht sein, findet Lichtenstern-Lehrer Uwe März. Ihm geht es darum, blinde Flecken zu erkennen, individuelle Lösungen zu suchen, dies in Elterngesprächen zu thematisieren und die Ergebnisse dann auch in der Fachschaft zu diskutieren. Eine wichtige Voraussetzung dafür: Lehrer müssen auch untereinander einschätzen können, wie man mit Testergebnissen umgeht.

Ein besonders interessantes Beispiel hat Uwe März in den siebten Klassen erlebt. Beim Test von Rechenfertigkeiten hat eine Klasse mittelmäßig und eine andere hervorragend abgeschlossen. Der Grund: Der Lehrer hat in der guten Klasse vergessen, den Taschenrechner einzuführen. Seither rechnen alle Klassen ohne Taschenrechner und trainieren ihren Kopf.

Testergebnisse müssen also richtig interpretiert werden. Das gilt vor allem in Fächern, in denen nur schwer mit ganz falsch und richtig bewertet werden kann – wie in Englisch. Da müsste manchmal besser differenziert werden, findet Albrecht Schächterle. „Knapp daneben“ und „völlig falsch“ ergebe eben jedesmal keinen Punkt. Auch bräuchte man Lehrwerke, die auf bestimmte Fördermaßnahmen abgestimmt seien.

Jenseits aller Tests: Die Lehrer am Lichtenstern-Gymnasium wissen, dass es auch auf das Talent des Schülers ankommt. Nicht jedes Defizit kann durch Förderung ausgeglichen werden. „Das wird oft verdrängt, weil man von der totalen Machbarkeit ausgeht“, sagt Albrecht Schächterle. Der Kritikpunkt, auf den auch Oberkirchenrat Baur und Pädagogik-Professor Wacker zugesteuert sind. Die ökonomische Betrachtungsweise von Bildung hat eben ihre Grenzen.

Das Lichtenstern-Gymnasium kann dieser Gefahr durch die Ganztagsschule entgegensteuern. „Wir beobachten unsere Schüler auch in der Freizeit“, sagt Albrecht Schächterle. So erkennen die Lehrer die anderen Talente ihrer Schüler beim Querflötespielen, im Sport oder beim Engagement in einer Schülerfirma. In der Begabtenförderung sei man noch ganz am Anfang, erzählt Schulleiter Gronbach. Begabungen einzubringen, sei aber ganz wesentlich. „Das darf nicht untergehen.“

In einem Punkt ist das Rad der Zeit nicht zurückzudrehen: Schule ist mehr als früher ausschlaggebend für die künftige Laufbahn und Lebensplanung, stellt Schulpädagoge Albrecht Wacker fest. Die Schule habe mehr als zuvor „ein Primat der Vergabe von Zukunftschancen und damit auch ein Primat auf die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen“. Weil die sozioökonomische Verschiedenheit von Schülern beständig zunehme, müsse die Politik handeln und „das Postulat der Chancengleichheit aufrecht erhalten“. Wacker sieht hier die Grenzen des Bildungssystems erreicht: „Schule kann nur bedingt Ungleichheiten beseitigen – sie sind da“, sagt er. „Der Auftrag der Schule ist damit überzeichnet.“ Und über das beständige Testen gebe man den Druck des Systems auf die Schüler weiter. Zum Teil werde bei ihnen die Verantwortung gesehen. Alle neueren Unterrichtskonzepte betonen diese neue Verantwortung des Schülers, zum Beispiel durch das selbstgesteuerte Lernen. Eine kritische Betrachtung stehe bislang aber weitgehend aus.

Und auch an die Schule wird Verantwortung abgegeben, kritisiert Wacker. Früher sei die Schule das letzte Glied in der Kette gewesen, in der nur noch der Praxistest stattfand. Heute würden ungelöste Fragen an die Schule weitergegeben, damit die Lehrer sie lösen sollen.

Testen, um besser zu fördern: Diese Idee hält Wacker prinzipiell für gut, aber Lehrer könnten es nicht alleine umsetzen. Es sei schwer durch Analyse und Befund zu einer Handlungsanleitung zu kommen. Die Gefahr bleibe: „Wir legen Menschen auf Normbiographien fest. Kindergarten, Grundschule, weiterführende Schule, Hochschule, Job. Und wer nicht folgen kann, wird abgewertet.“ Wacker sieht sich dem biblische Menschenbild verpflichtet, das der Verwertbarkeit des Menschen etwas anderes dagegen setze: „Jeder darf seine Fähigkeiten ausleben. Jeder kann etwas einbringen und alle sind gleich wertvoll.“

Das weicht jedoch von dem wirtschaftlichen Prinzip ab, alles möglichst objektivierbar zu machen. Doch dass Bildungsarbeit überhaupt so objektiv funktioniert, bezweifelt der ehemalige Hauptschulrektor und jetzige Oberkirchenrat Werner Baur. Wir unterliegen der Gefahr, die Schule zu einem Ort zu machen, wo unterrichtet wird, um zu testen, sagt er. „Teaching for testing.“ Und das sei kein Vorwurf, sondern die Konsequenz daraus, wenn Lehrer ständig mit scheinbar objektiven Verfahren konfrontiert werden. Aber, so fragt Baur: „Sind sie wirklich objektiv?“

Bildung wird seiner Ansicht nach funktionalisiert. Was abgefragt wird, sagt etwas darüber aus, was uns wichtig ist. Über Tests zur Lese- und Rechenkompetenz erfolge eine Engführung von Bildung, orientiert an der Tagesaktualität. „Der Mensch und die Persönlichkeitsbildung braucht aber die Unschärfe und nicht das Zehntel hinter dem Komma“, betont Baur. Die Vorstellung davon, was den Menschen ausmache und wozu der Mensch fähig ist, sei größer als alle Tests, die das Augenmerk nur auf die Defizite lenkten. „Erziehung und Bildung bleibt Beziehungssache“, sagt Baur und erinnert sich an seine eigene Schulkarriere. Ein Mathelehrer habe ihm einst gesagt: „Bei dir ist Hopfen und Malz verloren.“ Der Klassenlehrer dagegen machte ihm Mut und sagte: „Du schaffst das.“ Dieses Zutrauen, diese Vorwegnahme des Erfolgs, habe ihn beflügelt, erinnert sich Baur. Daher habe er als Hauptschulrektor einer Mutter, die über das Versagen ihres Sohnes unglücklich war, geraten, zu ihrem Sohn zu halten. Später habe er sie wieder getroffen und sie habe ihm gesagt: „Sie haben recht gehabt.“

Was Eltern tun können

Mut machen: Das gilt auch für Leistungstests. Lichtenstern-Lehrer Albrecht Schächterle empfielt den Eltern „mit einer gewissen Unaufgeregtheit an die Sache ranzugehen“. Uwe März ergänzt: „Wir zeigen Wege auf und Möglichkeiten und dann lassen wir die Eltern entscheiden.“ Er weiß, dass in den Klassen 5 bis 6 ein großer Erwartungsdruck liege, weil am Ende sich auch meist zeige, ob es die richtige Schulart ist. Schulleiter Gronbach betont, wie wichtig die Elterngespräche sind. Seine Lehrer haben daher Gesprächsführung gelernt.

Die Persönlichkeit des Lehrers, Vertrauen, Beziehungsarbeit. Darauf kommt es an. Albrecht Wacker kommt das Vertrauensverhältnis beim Vermessen der Schüler zu kurz. „Vertrauen ist eben nicht messbar“, sagt er. Die Tests seien nur „eine gespielte Sicherheit“. Verantwortung heißt für Wacker: Einer trage des anderen Last. „Schwächere muss man manchmal mittragen und nicht zum Gegenstand ständiger Förderung machen.“ Beständige Fördermaßnahmen seien auch Stigmatisierungen.

Oberkirchenrat Baur sieht noch eine andere Schattenseite der Tests: Sie würden Lehrer dazu verführen, sich hinter Evaluationen zu verstecken. Stattdessen sollten sie aber wieder lernen, Rechenschaft abzulegen. „Als Person.“

Auch Albrecht Wacker betont: „Man braucht Lehrer, die den Mumm haben, Nein zu sagen“. Aber der Lehrer sei nur noch ein Rädchen im Getriebe. Er soll wie der Schüler funktionieren und von oben angeordnete Reformen umsetzen. Dabei geht das Thema längst über die Lehrerschaft hinaus, wie Oberkirchenrat Baur bemerkt. Er fordert eine Methodenpluralität an der Schule. Pädagogische, elterliche und ärztliche Verantwortung müssen Hand in Hand gehen. Und die Tests dürften dabei niemanden verunsichern. „Wenn sie dies tun, sind sie nichts wert“, sagt Baur.


Qualität an Schulen

Qualität muss überprüft werden. So wird im „Orientierungsrahmen zur Schulqualität für allgemein bildende Schulen in Baden-Württemberg“ aus dem Jahr 2007 erklärt, in welchem Rahmen sich die Schulen bewerten sollen. Im Kapitel „Verpflichtende Instrumente der Selbstevaluation“ wird erklärt, wie dies funktioniert:

Besondere Bedeutung kommt demnach bei der Selbstevaluation neben der klassischen Leistungsüberprüfungen, wie zum Beispiel Abschlussprüfungen, den Diagnosearbeiten in der Grundschule beziehungsweise den Vergleichsarbeiten in den weiterführende Schulen zu.

Die Diagnose- und Vergleichsarbeiten sind ein verpflichtendes Instrument der Selbstevaluation der Schulen – mit Ausnahme der Sonderschulen – und verfolgen zwei Zielsetzungen: Sie helfen zu überprüfen, inwieweit es den Schulen gelungen ist, die Erwartungen der Bildungsstandards zu erreichen, und „bieten damit Informationen für eine empirisch gesicherte, systematische und zielgerichtete Qualitätsentwicklung vor Ort“.

Sie sollen zudem den Lehrkräften, den Schülern sowie deren Eltern objektive Informationen in ausgewählten Fächern liefern und über den individuellen Lernstand im Hinblick auf bestimmte Kompetenzen informieren. Diese Ergebnisse werden auf unterschiedlichen Ebenen ausgewiesen und können im Anschluss von der einzelnen Lehrkraft, von Lehrerteams der Fächer, Klassen und Klassenstufen sowie von der gesamten Schule zur Qualitätsentwicklung genutzt werden.