Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wenn Kirche egal ist

Warum treten so viele Menschen aus der Kirche aus? Mehrere Studien haben sich in den vergangenen Jahren mit dieser Frage befasst. Ein Blick hinein bestätigt viele eigene Wahrnehmungen, zeigt aber auch neue Akzente. Zehn Erkenntnisse aus der aktuellen Austrittsforschung.


Mit den Generationen nimmt die Frömmigkeit besonders bei Evangelischen ab. Eine Grafik aus der Studie „Kirchenaustritte seit 2018: Wege und Anlässe“ von Petra-Angela Ahrens, Sozialwissenschaftliches Institut der EKD.

1. Es sind nicht nur die Jungen. In der Tendenz gilt immer noch wie schon vor Jahrzehnten: Männer treten eher aus als Frauen, Junge eher als Alte, Menschen in der Großstadt eher als die auf dem Land. Aber: auch die Zahl der älteren Austretenden steigt, wie die Studien zeigen. Es ist nicht so, dass für Über-60-Jährige ein Kirchenaustritt ausgeschlossen ist. Ihnen fällt er nur schwerer.

2. Austritt ist mehr Prozess als Ereignis. Nur die wenigsten entscheiden sich kurzfristig zum Austritt und nehmen ihn gleich vor. In der Regel ist der Austritt Ergebnis eines längeren Prozesses, der früh beginnt. Besonders für die Evangelische Kirche gilt: wer austritt, stammt meist aus einem eher kirchenfernen Elternhaus. In der Kindheit bestehen oft noch Kontakte zur Kirche, nach Konfirmanden- und Schulzeit werden es weniger bis keine mehr.

3. Es ist die Gleichgültigkeit. Früher war ein Kirchenaustritt ein Kampfzeichen gegen die Macht der Kirche. Heute zeigt er eher, dass einem die Kirche egal ist. Wer nicht an Gott glaubt und für wen christliche Religion keine Bedeutung im Leben hat, der sieht auch keinen Sinn darin, in der Kirche zu bleiben. Vor allem junge Menschen machen schnell eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf. Für sie ist Kirche ein Dienstleister, bei dem man die Mitgliedschaft kündigt, wenn man keinen Vorteil mehr darin sieht. Ereignisse wie die erste Gehaltsabrechnung mit Blick auf die Kirchensteuer können einen Denkprozess in Gang setzen, an dessen Ende oft der Austritt steht. Mit diesem Problem kämpfen beide großen Kirchen gleichermaßen.

4. Mehr Entwicklung als Bruch. Bei den vormals Evangelischen kann man über die Generationen hinweg beobachten, wie die Bindung an Glaube und Kirche stetig abnimmt. Großeltern – vor allem Großmütter – waren oft noch sehr religiös, Eltern – vor allem Väter – schon deutlich weniger (siehe Grafik auf Seite 7). Der eigene Austritt ist oft nur das logische Ende dieser Entwicklung. Bei ausgetretenen Katholiken war die Kirchenbindung in den Generationen zuvor meist stärker – sie neigen eher zum Bruch.

5. Viele warten auf eine „gute Gelegenheit“. Aus der Kirche austreten, weil man als Hochzeitsgast gerade sowieso auf dem Standesamt war? Ein Extrembeispiel aus einer Studie. Es zeigt aber beispielhaft, dass gerade Jüngere oft nur auf eine „gute Gelegenheit“ warten, um ihren Austritt zu vollziehen. Das kann ein Umzug sein oder das Aufspringen auf eine allgemeine „Austrittswelle“ wegen eines Skandals.

6. Skandale sind mehr Anlass als Grund. Missbrauch und Geldver-
schwendung: Aus der Katholischen Kirche treten wegen solcher Skandale oft Menschen aus, die zuvor eng mit der Kirche verbunden waren. Aus der Evangelischen Kirche hingegen treten die aus, die sowieso schon distanziert waren. Für sie untermauern die Skandale – egal in welcher Kirche sie passieren – nur ihre längst getroffene Entscheidung.

7. Die Kirchensteuer spielt eine Rolle – aber selten allein. Viele Ausgetretene, vor allem Jüngere und vormals Evangelische, nennen die Kirchensteuer als Grund für ihren Austritt. Meist spielen prinzipielle Einwände (Kritik an der „Zwangsabgabe“, an angeblicher Verschwendung oder intransparenter Verwendung der Mittel) eine größere Rolle als die persönliche finanzielle Ersparnis durch den Austritt. Tatsächlich zeigen die Studien, dass die Kirchensteuer nur selten der Ausgangspunkt für die Austrittsentscheidung ist. Sie kommt als Faktor meist dann ins Spiel, wenn – aufgrund religiöser Gleichgültigkeit – die Kosten-Nutzen-Rechnung zur Kirchenmitgliedschaft in Gang gesetzt wurde. Nur die wenigsten, die laut eigener Aussage wegen der Kirchensteuer ausgetreten sind, wären geblieben, wenn die Steuer verringert oder ausgesetzt worden wäre.

8. Es sind nicht nur Ungläubige. In den Studien betonen viele Befragte, dass sie „ihren Glauben auch ohne Kirche leben können“. Hier finden sich vor allem diejenigen, für die Religion wichtig ist, die aber das kirchliche Handeln kritisieren. Sei es, dass sie sich über das Handeln der Gemeinde vor Ort ärgern oder generell mit kirchlichen Stellungnahmen hadern. Wem die Kirche völlig egal ist, dem ist es hingegen auch egal, was der Pfarrer oder der Bischof gesagt hat.

9. Zu wenig oder zu sehr angepasst? Je nachdem. Innerhalb der Kirche tobt immer wieder die Diskussion, ob sie sich zu sehr dem Zeitgeist anpasst – oder im Gegenteil zu sehr auf Werte der Vergangenheit setzt. Tatsächlich gibt es Austritte aus beiden Gründen. Als zu angepasst an den Zeitgeist nimmt die Kirche nur eine Minderheit wahr, die aber eine beachtliche Größe hat, für rund ein Drittel der dazu in einer Studie Befragten spielte das eine Rolle. Mehr allerdings geben als einen ihrer Austrittsgründe an, dass die Wertvorstellungen der Kirche oder gar die Kirche insgesamt als Institution ihrer Meinung nach nicht mehr in die Zeit passen. Übrigens: Konkrete, in der Kirche viel diskutierte Ereignisse – wie der Kauf eines Rettungsschiffs oder die Segnung Homosexueller – werden zwar innerkirchlich viel diskutiert, sind aber für Austritte selten von Bedeutung.

10. Wechsel sind ein Randphänomen. Statistisch ist die Zahl derer, die in eine andere Religion oder Konfession wechseln, verschwindend gering. Der Mitgliederverlust der Evangelischen Landeskirchen führt weder zu massiven Zugewinnen bei den Freikirchen noch bei den Katholiken. Ein Austritt aus der Kirche stellt also meist den Austritt aus der organisierten Religion dar – egal welcher.

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