Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zugang zu den Kerngemeinden

REUTLINGEN-Betzingen – Wenn evangelische und katholische Christen über die Bibel ins Gespräch kommen, wird es spannend. Das zeigt sich schon an dem, was jeder so mitbringt und sich vorbereitet. Ökumenische Bibelwochen bieten eine Chance für so einen Austausch. 

Den Text lesen, die Szene betrachten und dann ins Gespräch kommen. (Foto: Wolfgang Albers)

Da hat es der Hausmeister zu gut gemeint, war der erste Eindruck von Ulrike Neher-Dietz. Ein sehr großer Stuhlkreis war im Saal des Gemeindezentrums der Betzinger Bruder-Klaus-Kirche aufgestellt. Die Pastoralreferentin war dort, um einen Abend der diesjährigen Ökumenischen Bibelwoche zu leiten – und fünf Minuten vor Beginn waren gerade einmal zwei Frauen gekommen.

Ulrike Neher-Dietz wollte gerade schon einige Stühle herausnehmen, als plötzlich die Leute kamen. Sechzehn waren sie schließlich, der Kreis war gut geschlossen – und irgendwie passten diese Momente auch auf den Bibeltext von Jesus und dem sinkenden Petrus auf dem See, in dem Jesus fragt: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“

Also: In Betzingen funktioniert das mit der Ökumenischen Bibelwoche. Der Auftakt war ein Gottesdienst in der evangelischen Mauritiuskirche, die drei Gesprächsabende im Gemeindesaal der katholischen Bruder-Klaus-Kirche, und als Gesprächsleitende wechselten sich der methodistische Pfarrer Christoph Klaiber, der evangelische Pfarrer Martin Burgenmeister und die katholische Pastoralreferentin Ulrike Neher-Dietz ab. Zu deren Abend war auch der evangelische Mauritiuskirchen-Pfarrer Christoph Zügel gekommen.

Und das Publikum? War auch gut ökumenisch gemischt, das sah Ulrike Neher-Dietz mit einem Blick. Zu ihrer Rechten saßen einige schon ältere Frauen, die waren ihr aus der katholischen Gemeinde bekannt.
Was ihr gleich auffiel, war die Gruppe der Evangelischen: Die hatten nämlich eine Bibel mitgebracht. Und eine Frau erzählte, dass sie die Bibelstelle für den heutigen Abend schon vorher durchgelesen hatte. Woran man merkt, dachte Ulrike Neher-Dietz, dass die Bindung an die Schrift auf evangelischer Seite doch stärker verankert ist. Und wohl auch im Gemeindeleben eine Rolle spielt. Denn die evangelischen Besucher waren auch etwas jünger – und offenbar, so ihre Vermutung – eher im Gemeindeleben öfters mit der Bibel befasst.

Insgesamt aber war das eine doch ältere Runde. „So ist das kirchliche Leben mittlerweile“, nimmt Ulrike Neher-Dietz das hin. „Da darf man sich keine Illusionen machen.“ So sind solche Bibelabende eher kein Angebot für Jüngere und zielen auch nicht auf Kirchenferne. Mit denen kennt sich Ulrike Neher-Dietz aus: Hauptsächlich ist sie in der Reutlinger City-Kirche beschäftigt, einem ökumenischen offenen Angebot für Menschen mit unterschiedlichster religiöser Prägung und Anliegen.

Die Bibelabende sind also eher auf die Kerngemeinde gerichtet. Was zunächst wie ein Heimspiel klingt und dann doch Ulrike Neher-Dietz ins Grübeln gebracht hat. Welchen Zugang soll sie wählen, was sind die Erwartungen derer, die kommen? Und: Was bedeutet es, dass von evangelischer Seite biblisch Geschulte da sind?

Der Text dieses Abends hat es ja durchaus in sich. Die Episode Matthäus 14,22–33, übrigens an dem Abend in der Übersetzung der revidierten Lutherbibel, zeigt einen Jesus, der durchaus auf Distanz gehen kann, sich von seinen Jüngern weg auf einen Berg begibt und seine Jünger schon mal weiter schickt, hinaus auf den See Genezareth, wo diese dann in einen Sturm geraten. Da kommt ihnen Jesus zu Hilfe – ganz wörtlich, indem er auf dem Wasser wandelt. Und dann lässt er auch noch Petrus auf dem Wasser zu ihm kommen. Eine Wundererzählung, naturwissenschaftlich eine Zumutung.

Natürlich hat die Bibelauslegung ihre Antwort darauf gefunden: dass es nicht um ein Mirakel-Spektakel geht, sondern um die Verlässlichkeit der Hilfe Jesu auch in schwierigsten Situationen. Aber das wollte Ulrike Neher-Dietz an diesem Abend gar nicht so thematisieren, das erwähnte sie nur beiläufig. Gerade die Evangelischen sind sowieso firm in einem Umgang mit der Bibel, der den Kontext berücksichtigt, war ihre Annahme. Stattdessen wollte sie das Gespräch darauf bringen, was diese Stelle für einen persönlich bedeuten kann: „Das finde ich effektiver.“

Unklar war nur: Lässt die Gruppe sich darauf ein? Ulrike Neher-Dietz wirbt in ihrer Begrüßung dafür: „Ich wünsche mir, dass wir schauen, wo uns die Geschichte berührt, was mir dadurch für mein Leben aufgeht.“

Es passt dazu. dass das Eröffnungs-Lied aus dem katholischen Gesangbuch, dem „Gotteslob“, von dem niederländischen Theologen und Dichter Huub Oosterhuis ist. Dieser, durchaus nicht unumstritten in seiner Heimatkirche, hat neue Zugänge auch für Bibellesungen gewagt.

Das bewegte biblische Gespräch, das der Wunsch von Ulrike Neher-Dietz ist, leitet sie nach der Lesung der Bibelstelle ein mit der Frage, welcher Satz den Zuhörenden besonders wichtig ist. Und dann: Welche Rolle, welche Person würden sie gerne in der Erzählung einnehmen?

Wie es damals war, kann man sich gut vorstellen: Ulrike Neher-Dietz hat auf dem Boden ein Tuch mit Falten ausgelegt: der stürmische See. In einer Obstkiste, passenderweise kommt sie aus der Levante und hat auch noch Wellen an der Seite aufgemalt, werden Puppen, die die Jünger darstellen, hin und her geworfen, von einem Mini-Berg sieht eine Volksmenge zu, und außerhalb der Kiste wandeln Jesus und Petrus aufeinander zu.

Die Teilnehmer erhalten kleine Holzfiguren und platzieren sie in dieser Installation. Und sagen etwas dazu, ganz entsprechend der Erwartung von Ulrike Neher-Dietz: „Die sind präpariert, die haben keine Scheu, sich auszudrücken.“ Eine Frau stellt ihre Figur in die Kiste, eine andere tut es ihr nach: „Brauchst net moine, dass du da älloi neidarfst“, scherzt sie. Eine andere begründet ihre Bootswahl so: „Für mich ist das Schiff die Gemeinde.“ Ein Mann sieht sich bei Petrus: „Manchmal muss man raus aus dem Boot, um etwas zu erleben. Es ist ja toll, von Jesus berührt zu werden, zu erleben, dass er einem hilft und aus der Not herauszieht.“ Wieder einer positioniert sich bei Jesus: „Das ist die Chance, ganz nah bei ihm zu sein, von seinem Leben zu erfahren, von ihm zu lernen.“ Christoph Zügel sieht sich am Berg: „Berge haben auch etwas Spirituelles, es sind Orte, wo man Gott ganz nah ist.“

Und Ulrike Neher-Dietz findet: „Wir sind mitten in der Geschichte, die mit unserem Leben zu tun hat. Das zeigt, dass biblische Geschichten nicht veraltet sind, dass sie uns immer wieder ansprechen, und deshalb ist es schön, dass wir sie immer wieder hören, in Gottesdiensten und Bibelgesprächen.“ Und darüber reden können: „Ich finde es schön, dass das gelungen ist.“