Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zwei Paar Würste für Tisch 16

FELLBACH (Dekanat Waiblingen) – Im Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung ist die Stadt im Rems-Murr-Kreis vorbildlich. Zu den Einrichtungen, die sich dafür engagieren, gehört neben der Diakonie Stetten auch der Evangelische Verein, der seine Diakonische Woche unter das Motto „Inklusion erleben“ gestellt hat. 


Küchenarbeit gehört auch dazu. (Foto: Marks Heffner)


Für Tisch 16 stehen zwei Paar hausgemachte Schlierbacher Würste auf dem Tablett, Tisch 8 bekommt eine Kartoffelsuppe und einen Salatteller mit Thunfisch, Tisch 12 wartet auf Maultaschen in der Brühe. Und während Alexander Englisch der Reihe nach das Bestellte serviert und sein Kollege Fabio Davi einen Milchkaffee für Tisch 5 aufschäumt, kommt schon der nächste Schwung Gäste zur Tür hereinspaziert.

Es ist Mittagszeit im Café Entrée, das direkt hinter dem Rathaus und damit mitten im Herzen der Stadt Fellbach liegt. An vielen Tischen sitzen Stammgäste, die das Besondere am Entrée längst kennen und zu schätzen gelernt haben: Mit Alexander Englisch, Fabio Davi und Mirjam Staib, die sich an diesem Tag in der Küche um das Geschirr kümmert, tragen drei Menschen mit geistiger Behinderung die orangefarbene Arbeitsschürze des Lokals. „Sie sind so natürlich und freuen sich immer über ein Gespräch, ich komme wirklich gerne hierher“, erzählt eine ältere Frau, die sich zum Nachtisch einen der selbstgemachten Kuchen bestellt hat.

Seit September 2013 gibt es das Entrée, das von den Remstal Werkstätten der Diakonie Stetten betrieben wird. Das Konzept dahinter ist, einen unmittelbaren Kontakt und Austausch zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zu ermöglichen, wie der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Stetten, Pfarrer Rainer Hinzen, bei der Eröffnung des Cafés seinerzeit betont hat: „Angebote wie dieses sind ein wichtiger Schritt in Richtung Inklusion und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.“

Die Betroffenen selbst fühlen sich dabei so wohl, dass sie gar nichts mehr anderes machen wollen, wie etwa Fabio Davi sagt. „Hier ist mehr los und wir haben lauter nette Gäste“, erzählt der 27-Jährige, der zuvor im Hausservice der Remstal Werkstätten gearbeitet hatte. Seit es das Rathauscafé gibt, fährt er an fünf Tagen in der Woche mit Bus und S-Bahn von Schnait, wo er bei seinen Eltern wohnt, nach Fellbach. Zu seinem Job im Café gehört auch Küchenarbeit, also etwa abspülen, Besteck einsortieren, Teller stapeln.„Bedienen macht mir aber am meisten Spaß“, sagt er.

Vor dem Entrée hatte die Diakonie Stetten bereits im Klinikum Waiblingen eine Cafeteria mit einem gemischten Team betrieben, zwei gastronomieerfahrenen Gruppenleiterinnen der Remstal Werkstätten und vier Menschen mit geistiger Behinderung.

Wegen des Umzugs des Klinikums nach Winnenden musste dann nach etwas Neuem gesucht werden. Das zentral gelegene Café zwischen Lutherkirche und Rathaus  ist einerseits ein Glücksfall für die Diakonie. Andererseits ist das inklusive Miteinander zur Mittagszeit aber auch ein logischer Schritt auf dem Weg zu einer barrierefreien Stadt, auf den sich Fellbach als eine der ersten Kommunen in dieser Größe aufgemacht hat.

So wurde im April 2013 die Stelle einer Inklusionsbeauftragten geschaffen, nachdem sich die Stadt zuvor zu den Zielen der UN-Behindertenrechtskonvention bekannt und im Gemeinderat eine Resolution dazu verabschiedet hatte. Seither sind bereits viele Barrieren abgebaut worden, an Bushaltestellen und in den Köpfen der Menschen gleichermaßen. Gemeinsame Grundlage dafür ist ein Aktionsplan, den die Inklusionsbeauftrage Michaela Gamsjäger zusammen mit einer Steuerungsgruppe erarbeitet hat, der bis heute neben Fachkräften und Mitarbeitern der Stadtverwaltung auch die Betroffenen selbst angehören.  

Einer der „Experten in eigener Sache“ ist Felix Eberl, der auch schon im Café Entrée Maultaschen serviert und Teller abgeräumt hat. Der 30-Jährige wohnt zusammen mit einigen anderen Menschen mit geistiger Behinderung im Ferdinand-Christian-Baur-Haus in Schmiden, das längst zum selbstverständlichen Bestandteil des Stadtlebens geworden ist. So haben die Bewohner zuletzt auch eine tragende Rolle bei der Diakonischen Woche in Fellbach übernommen, die vom Evangelischen Verein und der Evangelischen Kirchengemeinde Fellbach zum Thema „Inklusion erleben“ veranstaltet wurde.

Unter anderem haben Felix Eberl und die anderen dabei geholfen, Kuchen und Vollwert-Plätzchen für einen Basar im Paul-Gerhardt-Haus zu backen und verschiedene Leckereien wie Himbeer-Mango-Marmelade einzukochen. „Das hat viel Spaß gemacht und war ein schönes Miteinander“, sagt Simone Lebherz. Als „schönes Miteinander“ hat die Pressereferentin des Evangelischen Vereins und CDU-Stadträtin gleichwohl die ganze Diakonische Woche erlebt.

Nun hofft sie, dass die allesamt gut besuchten Lesungen, Gottesdienste, Vorträge, Filmabende und Familientage reichlich Früchte tragen werden. „In dieser Woche hat es sehr viele und ganz unterschiedliche Möglichkeiten gegeben, Inklusion wirklich zu erleben“, sagt Simone Lebherz. Ihren Teil dazu beigetragen haben insbesondere Menschen wie Felix Eberl oder auch Brigitte Tesche, die nicht nur bei der gemeinsamen Vorbereitung im Ferdinand-Christian-Baur-Haus dabei waren, sondern auch bei den Veranstaltungen selbst. „Ich helfe gerne, wenn ich etwas tun kann“, sagt Felix Eberl. „Mit Menschen zusammen zu sein macht Spaß“, erzählt Brigitte Tesche.

Beim fröhlichen Gemeindetag haben die beiden hinter der Kuchentheke und im Service geholfen – und dabei einen noch viel wichtigeren Beitrag geleistet. „Die Barrieren im Kopf sind das große Hindernis beim Thema Inklusion. Man muss das Miteinander vorleben, um die Berührungsängste abzubauen“, betont Axel Wilhelm, Vorstandsmitglied für Pädagogik und Gemeinwesen des Evangelischen Vereins, dessen Wurzeln bis in die 1840er-Jahre zurückreichen.

Begonnen hat die diakonische Arbeit einst mit einer Kleinkinderschule, zwischenzeitlich betreibt der Verein 17 Kindertagesstätten in Fellbach und Oeffingen. Neben der ambulanten Altenpflege soll in der Zukunft insbesondere auch das Thema Inklusion ein Schwerpunkt der Arbeit sein.

So will der Evangelische Verein etwa auch künftig gemeinsam mit den  Bewohnern des Ferdinand-Christian-Baur-Hauses Veranstaltungen vorbereiten und Projekte durchführen, auch ohne das mitunter plakative Motto Inklusion. „Die Diakonische Woche war nur der Auftakt. Für die Zukunft wird es darum gehen, die Kontakte weiter auszubauen und das Begonnene in der normalen Arbeit weiterzuführen“, betont Simone Lebherz.

Wie gut ein solches Miteinander funktionieren kann, ist nicht zuletzt jeden Tag im Café Entrée zu erleben. Insbesondere zur hektischen Mittagszeit kommt es zwar vor, dass ein Gast ungeduldig wird, wenn er etwas zu lange auf seine Tagessuppe warten muss. „Wir erklären dann unser Konzept, dann ist es kein Problem mehr“, erzählt Meggy Köppe, die aus dem Hotelfach kommt und seit der Eröffnung des Cafés zusammen mit einer Kollegin über allem wacht.

Dabei konnte sie beobachten, welche Veränderungen die Arbeit im Café bewirkt hat. „Fabio war am Anfang total schüchtern, jetzt geht er völlig selbstbewusst an den Tisch“, erzählt Meggy Köppe. „Er ist mit der Zeit ein ganz anderer Mensch geworden.“

Sie selbst hat wiederum eine gewisse Zeit gebraucht, wie sie einräumt, um sich an die Ruhe und Gelassenheit ihrer Servicekräfte auch in größten Stressmomenten zu gewöhnen. Zwischenzeitlich sind sie aber ein eingespieltes Team. „Wir kennen uns gegenseitig genau und achten auch darauf, dass niemand überfordert wird“, sagt Meggy Köppe. Auch für sie selbst ist die Arbeit im Café Entrée eine Bereicherung. „Die Menschen sind so ehrlich und so natürlich, lachen einen immer an“, sagt sie. „Das Miteinander hier ist einfach nur schön.“