Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zwischen Glaube und Angst

HEILBRONN – Daniel Röthlisberger ist mit der Geschichte der Hugenotten aufgewachsen. „Die Geschichte der Verfolgung und wie die Betroffenen darauf reagiert haben, hat mich immer fasziniert“, erzählt der Vikar der Kirchengemeinde Heilbronn-Horkheim. Seit Februar ist die Dauerausstellung „Verfolgter Glaube in Europa – Frankreich und die Hugenotten“ aus der Privatsammlung seiner Familie zu sehen. 

Daniel Röthlisberger führt immer wieder gern durch seine Ausstellung. (Foto: Stefanie Pfäffle)


Ob und wie Röthlisbergers Familie tatsächlich von den Hugenotten abstammt, ist etwas verworren. Dennoch prägt die Geschichte seine Kindheit in der Schweiz. Er tritt in die dortige Hugenottengesellschaft ein, um tiefer in die Thematik eintauchen zu können. „Manche waren besonders standhaft, andere gaben nach und konvertierten, um Nachteile zu vermeiden und rund 200?000 sind in andere Länder geflohen“, erzählt er.
Das war nur ein Bruchteil derer, die sich zumindest öffentlich anpassten, während sie im Untergrund für rund 100 Jahre ihren protestantischen Glauben weiter praktizierten. „Diese ambivalenten Geschichten, die nicht immer geradlinig verlaufenen Biografien machen es spannend, zeigen die Schwierigkeit des Lebens.“

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Die französischen Protestanten waren stark vom Calvinismus beeinflusst. 1530 begann die Unterdrückung durch den katholischen Klerus und den König, die in den Hugenottenkriegen gipfelte. Daraufhin begannen noch stärkere Verfolgungen, die unter Ludwig XIV. durch sein Edikt von Fontainebleau ab 1685 einen Höhepunkt erreichten. „Nach und nach haben die Protestanten ihre Rechte verloren. Jahrzehnte lang wurden immer neue Gesetze erlassen, um ihnen das Leben schwer zu machen, etwa durch Arbeitsverbote für Hebammen und andere Berufsgruppen“, erklärt Röthlisberger und zeigt auf einige der alten Schriftstücke in der Ausstellung. „Neu-Katholiken musste ihre Kinder zum Religionsunterricht schicken, sonst drohten Bußgelder.“

Die intensive Beschäftigung mit der Geschichte der Hugenotten führte mit der Zeit dazu, dass er eine private Sammlung aufbaute. „Um diese einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, entstand die Idee einer Ausstellung zum Thema Religionsfreiheit“, sagt Röthlisberger, der auch Mitglied der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft ist. Träger der Ausstellung ist seit rund acht Jahren die Bibliothek für Hugenottengeschichte.

Bisher waren diese immer zeitlich befristet, doch Röthlisberger bot an, ehrenamtlich eine Dauerausstellung zu verantworten. Diese ist nun zum ersten Mal in Heilbronn zu sehen. Sein Gedanke ist auch der: Zwar sei das Deutsche Hugenotten-Museum in Bad Karlshafen hervorragend ausgestattet, aber die Erfahrung zeige, dass es für manche weit weg sei. „Mit einer Ausstellung, die gelegentlich ihren Standort wechselt, können auch Menschen erreicht werden, die lieber in ihrer näheren Umgebung mehr über die Hugenotten erfahren möchten.“

Um das Geschehen greifbar zu machen, zeigt Röthlisberger Lebensgeschichten einzelner Menschen. Etwa das Auf und Ab des Bernard Palissy, der zwar konvertierte, aber als Architekt eine Art Schutzbrief hatte und sich vor Gericht für die Protestanten einsetzte. Oder Marie Durand, die 38 Jahre lang in Haft saß, weil sie ihrem Glauben nicht abschwören wollte und währenddessen über Briefe nach halb Europa Hilfe suchte. Neben den Edikten sind viele spannende Einzelstücke zu sehen. Etwa die handschriftliche Wüstenliturgie von 1709 aus dem Untergrund oder die winzigen Haarknotenbibeln, die sich leichter verstecken ließen.

Auch wenn Röthlisberger die Hugenottenvertreibung nicht mit der heutigen Flüchtlingswelle vergleichen möchte, sieht er doch immer wieder Parallelen. So gab es auch damals Überfremdungsängste. „Da sind Sätze dabei, die könnten so oder ähnlich auch heute geäußert werden. Ich finde es erschreckend, dass es immer wieder zu solchen Äußerungen kommt.“ Sätze wie: Wenn es ihnen bei uns nicht gefällt, dann sollen sie doch wieder zurück nach Montpellier.

Es gab sogar 1727 bereits eine wissenschaftliche Studie zum Nutzen der Asylpolitik, die etwa den bis dahin sehr reservierten Luthergemeinden empfiehlt, Hugenotten aufzunehmen, um wirtschaftlich nicht weiter ins Hintertreffen zu geraten.

Denn die Aufnahmegemeinden profitierten sowohl wirtschaftlich als auch kulturell von den Neuankömmlingen. 300 Jahre später ist Christenverfolgung immer noch ein aktuelles Thema. Daniel Röthlisberger: „Wir verdanken unsere Religionsfreiheit auch der Hugenottengeschichte. Nach der Verfolgung der Hugenotten führte Frankreich 1789 das Menschenrecht auf Religionsfreiheit ein und wurde damit zum Impulsgeber für andere Länder.“¦


Alle 14 Tage bietet Daniel Röthlisberger samstags Führungen an. Anmeldung und nähere Informationen, auch zum genauen Ausstellungsort, gibt es per E-Mail: info@bfhg.de