Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gelebter Glaube

Am frühen Morgen des 9. April 1945 ist der Gefängnishof des Konzentrationslagers Flossenbürg bei Regensburg schon hell erleuchtet. Sieben Häftlinge werden aus ihren Zellen geführt. Unter ihnen ist auch ein evangelischer Pfarrer: Dietrich Bonhoeffer. Die Gefangenen hören, was ein NS-Standgericht in der Nacht beschlossen hat: Todesurteil wegen Hochverrats. Bonhoeffer kann noch kurz beten. Dann muss er seine Kleider ablegen und die Treppe zum Galgen besteigen. »Ich habe kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen«, notiert der Lagerarzt später.

Dietrich BonhoefferDIETRICH BONHOEFFER wurde nur 39 Jahre alt. Und doch hat kaum ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts so tief in Kirche und Gesellschaft hineingewirkt wie er. Viele Straßen und Schulen, Kirchen und Gemeindehäuser
tragen heute seinen Namen. Eine Statue Bonhoeffers thront an der Fassade der berühmten Westminster Abbey in London, ein Kino-Film erzählt seine Geschichte. Sein leidenschaftlicher Protest gegen die nationalsozialistische Ideologie, seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler, seine Bücher und sein gewaltsamer Tod im April 1945 finden weit über die deutschen Grenzen hinaus Beachtung.

Bonhoeffer wurde 1906 als Sohn eines Psychiatrie-Professors in Breslau geboren und wuchs mit sieben Geschwistern im Berliner Villen-Stadtteil Grunewald auf. Den Ersten Weltkrieg erlebte er als Kind, steckte täglich mit seinen Schulkameraden den Frontverlauf ab. Die Grausamkeit des Krieges kehrte ins Haus Bonhoeffer ein, als sein zweitältester Bruder 1918 fiel. In der Familie wurde über den Tod gesprochen, aber auch viel über die Zukunft
Deutschlands nach dem verlorenen Krieg und dem Ende der Monarchie
diskutiert. 1923 bestand er sein Abitur mit den besten Noten – nur seine Handschrift wurde mit »nicht genügend« bewertet.

AN DER THEOLOGISCHEN FAKULTÄT kommt Bonhoeffer schnell voran. Mit 21 Jahren promoviert, mit 24 habilitiert und mit 25 Privatdozent. Sein Schüler Wolf-Dieter Zimmermann schilderte ihn als intellektuellen Charakter: »Er hatte eine klare und präzise Art, sich auszudrücken.« Seine großbürgerliche Herkunft prägte ihn tief: »Er hat sich nur mit wenigen geduzt.« Bonhoeffer wirkte kräftig und energiegeladen: »Jeden von uns hat er im Tischtennis geschlagen.« Bei starker Anspannung raucht er viele Zigaretten. Er tafelt gerne ausgiebig mit Freunden und übernimmt dann ebenso gerne die Zeche.

Ungewöhnlich für die damalige Zeit sind die vielen Auslandsaufenthalte Bonhoeffers. Studienaufenthalte in Rom und New York, Vikariat in Barcelona, Pfarrer in London. Wichtige Anstöße für seine theologische Ausbildung bekommt Bonhoeffer am Union Theological Seminary in New York, wo er ab 1930 studiert. Die Beziehungen zwischen Professoren und Studierenden sind anders, als er sie aus den ersten Semestern in Tübingen und Berlin kannte.

Die Türen zu den Professorenzimmern stehen offen, die Dozenten sind sich nicht zu schade, Kaffee für ihre Studenten zu kochen. Mit seinem schwarzen Mitstudenten Frank Fisher besucht er Gottesdienste in Harlem und fühlt sich als
intellektuell-verkopfter Theologe in der Verbindung von Herz und Bauch erstaunlich wohl. Er erlebt aber auch hautnah die Rassentrennung, als sein schwarzer Freund und er in getrennten Straßenbahnwagen fahren müssen.

MIT FISHER und dem Franzosen Jean Lasserre diskutiert Bonhoeffer bis tief in die Nacht über Fragen des Glaubens und der Theologie. Von Lasserre lernt er, dass sich Nationalismus und Christsein gegenseitig ausschließen. Für die Zugehörigkeit zur Kirche als Gemeinschaft der Heiligen ist es unerheblich, welcher Nationalität man angehört.

1932 beschäftigt er sich mit der Bergpredigt, die ihn stark anspricht. »Er wagt den Sprung vom intellektuellen Glauben zur praktischen Anwendung«, schreibt sein ehemaliger Schüler Zimmermann. Bonhoeffer will nun ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi führen und macht sich pazifistische Ideen zu eigen.

Eine solche Haltung war für einen Pfarrer damals keinesfalls nahe liegend. Für
evangelische Christen war noch weithin eine Zwei-Reiche-Lehre gültig, derzufolge zwischen dem Reich Gottes und der Welt zu trennen war. Eine fatale Folge war die Überzeugung, man könne zugleich Christ und Nationalsozialist sein. Bonhoeffer warnt früh vor den Gefahren des neuen Regimes. Als er in einer Berliner Rundfunkrede zwei Tage nach der Machtübernahme 1933 davon spricht, dass der »Führer« zum »Verführer« werden könne, wird die Rede abrupt abgebrochen. Und als er nach den »Notverordnungen« infolge des Reichstagsbrands vor Berliner Pfarrern die Kirche zu politischem Widerstand auffordert, verlassen viele Zuhörer den Saal.

BONHOEFFER verfasst Flugblätter gegen den Arierparagrafen und prangert ...

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Bonhoeffers Leben

4. Februar 1906 geboren in Breslau als sechstes von acht Kindern. Zehn Minuten später kommt seine Zwillingsschwester Sabine zur Welt.

1912 Umzug der Familie nach Berlin

1923 Abitur und Beginn des Theologiestudiums in Tübingen

1928 Erstes Theologisches Examen und Vikariat in Barcelona

1929/30 Assistent an der Theologischen Fakultät in Berlin

1930/31 Zweites Theologisches Examen und Studienaufenthalt in New York

1931-33 Privatdozent und Studentenpfarrer an der Technischen Hochschule in Berlin

1933 1. Februar: Rundfunkrede zur Machtübernahme Hitlers (vorzeitig abgebrochen)

1933-35 Pfarramt in London

1935 Leitung des Predigerseminars in Zingst, später in Finkenwalde bei Stettin. Lehrtätigkeit an der Universität Berlin (bis zum Entzug der Lehrbefugnis 1936)

1937 Polizeiliche Schließung des Predigerseminars. Fortsetzung der Arbeit in Sammelvikariaten

1939 2. Juni: Abreise zu Lehrtätigkeit in die USA, Rückkehr am 27. Juli. Ausbruch des Zweiten Weltkrieges

1940 März: Schließung der Seminarkurse und Redeverbot. Mitarbeiter im Amt für
Abwehr/Ausland (Abwehrstelle München). Wechselnde Wohnorte

1941-42 mehrere Auslandsreisen in die Schweiz, nach Skandinavien und Italien. Enge Kontakte zum deutschen Widerstand

1943 13. Januar: Verlobung mit Maria von Wedemeyer. 5. April: Verhaftung und Inhaftierung im Militärgefängnis Tegel

1944 20. Juli: Hitler-Attentat. Verhaftungen in Bonhoeffers Umfeld. Überführung ins Gestapo-Gefängnis, später ins KZ Buchenwald

9. April 1945 Ermordung im KZ Flossenbürg