Christliche Themen für jede Altersgruppe

Maßstab der Menschlichkeit

Es kommt selten vor, dass ein Einzelner zur moralischen Autorität der ganzen Menschheit erhoben wird – zum »Greatest Man in the World«. So betitelte das US-Magazin »Life« 1947 eine Sonderausgabe über Albert Schweitzer (1875-1965), der vor 50 Jahren im von ihm gegründeten Hospital im westafrikanischen Lambarene starb. Von Thomas Greif


Albert Schweitzer (Foto: Archives Centrales Schweitzer Gunsbach)

S chweitzer ist zweifellos der wirkmächtigste Protestant des 20. Jahrhunderts gewesen. Er hinterließ in drei geisteswissenschaftlichen Disziplinen – Theologie, Philosophie und Musikwissenschaft – monumentale Arbeiten, die bis heute zum Fundament ihres Faches gehören. Er schuf mit seinem Urwaldspital aus dem Nichts ein außergewöhnliches Werk konkreter Nächstenliebe und Menschlichkeit, das seinen Tod bis heute überdauert hat. Und er erhob als Friedensnobelpreisträger allen Anfechtungen zum Trotz seine mahnende Stimme gegenüber den Mächtigen der Welt. »Mr. Wellblech, der 13. Jünger Jesu«, schrieb man auf dem Gipfel seiner Popularität in den frühen 1950er-Jahren.

SEIN Leben wurde mehrfach verfilmt, die Literatur über ihn ist kaum noch überschaubar. Zahlreiche Einrichtungen, vor allem Schulen und Krankenhäuser, tragen seinen Namen. Albert-Schweitzer-Freundeskreise sammeln bis heute Spenden für das inzwischen hochmoderne Krankenhaus in Lambarene. Mehrere Institutionen im Elsass, in Deutschland und in der Schweiz hüten sein Erbe. Schweitzer ist gelungen, was seine geistigen Vorbilder Bach und Goethe in ihren Genres vorgemacht haben, nämlich neue Maßstäbe zu setzen: Maßstäbe der Menschlichkeit.

Louis Albert Schweitzer wird am 14. Januar 1875 in dem oberelsässischen Winzerort Kaysersberg bei Colmar geboren. Nach elsässischer Gewohnheit dient der zweite Vorname als Rufname. Die Geburtsurkunde ist in deutscher Sprache ausgestellt, denn das Elsass und Teile Lothringens gehören seit 1871 zum Deutschen Reich. Der Sterbeeintrag aus dem Jahr 1965 dagegen ist wieder französisch. In dem Stück Papier, das im Schweitzer-Museum in Kaysersberg ausgestellt ist, spiegelt sich seine Zugehörigkeit zu zwei Kulturen. In der ersten Hälfte seines Lebens hat er einen deutschen Pass, in der zweiten Hälfte einen französischen. »Deutsch ist mir Muttersprache, weil der elsässische Dialekt, in dem ich sprachlich wurzle, deutsch ist«, schreibt er selbst. Französisch spreche er aber »gleichermaßen wie Deutsch«.

Albert Schweitzers Vater Louis ist Pfarrer der kleinen evangelischen Gemeinde im katholisch geprägten Kaysersberg. Ein halbes Jahr nach Alberts Geburt zieht die Familie ein Tal weiter, nach Günsbach im Münstertal.

Albert verbringt mit vier Geschwistern eine glückliche Kindheit, aus der dank seiner später niedergeschriebenen Erinnerungen zahlreiche Anekdoten überliefert sind – etwa die, dass ihm die Dorfbuben es manchmal hinreiben, dass er es als »Pfarrerssöhnle und Herrenbüble « besser habe als alle anderen. Das gefällt ihm nicht. Oder die Geschichte von der missglückten Vogeljagd: Da hält der einsetzende Klang der Kirchenglocken den achtjährigen Albert davon ab, wie geplant mit der Steinschleuder auf Vögel zu schießen, wozu ihn ein Kamerad verleitet hat. Sein Gewissen ist erleichtert. »Von jenem Tag an habe ich gewagt, mich von der Menschenfurcht zu befreien. Wo meine innerste Überzeugung mit im Spiele war, gab ich jetzt auf die Meinung anderer weniger als vorher«, notiert er später.

Nach einem Jahr auf der Realschule im benachbarten Münster absolviert Albert das Gymnasium in Mülhausen. Das ist nur möglich, weil ihn ...

Mehr über Albert Schweitzer, sein Leben und Wirken, lesen Sie in der neuesten Ausgabe unserer THEMA-Heftreihe Albert Schweitzer.

 

Albert Schweitzers Leben

14. Januar 1875 geboren in Kaysersberg

1875-1893 Schulzeit in Günsbach und Mühlhausen

1893-1902 Studium der Theologie und Philosophie in Straßburg, Paris und Berlin. Orgelunterricht bei Charles-Marie Widor in Paris.

1902-1906 Vikar an St. Nicolai und Direktor des Thomasstifts (Straßburg)

1905-1912 Medizinstudium in Straßburg

1912 Eheschließung mit Helene Bresslau

21. März 1913 Erste Ausreise nach Lambarene

1913-1917 Erster Aufenthalt in Afrika

1917-1918 Ausweisung nach Frankreich und Internierung in Garaison (Pyrenäen) und St. Rémy (Provence)

1918-1921 Rückkehr nach Straßburg. Vikar an St. Nicolai und Assistenzarzt an der Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten

1919 Geburt der einzigen Tochter Rhena

1920 Schweitzer wird nach Inkrafttreten des Versailler Vertrags französischer Staatsbürger

1920-1923 Konzert- und Vortragsreisen in ganz Europa

1924-1927 Zweiter Aufenthalt in Lambarene und Wiederaufbau des Hospitals. Bis zum Tode zwölf weitere Ausreisen nach Afrika, die sich mit Konzert- und Vortragsreisen in Europa abwechseln

1928 Goethepreis der Stadt Frankfurt/Main

1949 Reise in die USA

1951 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels April 1957 »Appell an die Menschheit« über Radio Oslo

1. Juni 1957 Tod von Helene Schweitzer

1959 Letzte Ausreise nach Lambarene

4. September 1965 Tod in Lambarene