Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Kirche im Kofferraum

Eine gute Portion Abenteuerlust muss eine Pfarrerin oder ein Pfarrer schon in sich tragen, um sich zu einem Dienst in einer deutschen Auslandsgemeinde zu melden. Ob Tokio, Washington oder Stockholm: Überall warten neue fremdartige Herausforderungen. Doch am Ende profitieren davon nicht nur die Auslandspfarrer, sondern auch deren Heimatkirchen.


So bunt wie die Welt sind die Einsatzorte der Auslandspfarrer und deren Erfahrungen. Das Foto zeigt Stockholm. (Foto: epd-Bild)

Die spanische Sonnenküste, die Costa del Sol, ist seit zwei Jahren das Einsatzgebiet des württembergischen  Pfarrers Christof Meyer. Zwischen Gibraltar und Almunecar fährt der 54-jährige Hirte seinen wandernden Schäfchen hinterher, macht Besuche und hält Gottesdienste. Seine Herde setzt sich in der Regel aus Deutschen zusammen, die aus beruflichen Gründen eine Weile im Ausland leben. Das Wort Pastor – Hirte – findet Christof Meyer daher eine treffende Bezeichnung für seine Tätigkeit. „Meine Kirche ist mein Kofferraum“, sagt Meyer. Ohne Immobilie, ohne hauptamtliche Mitarbeiter Gemeinde zu erleben, das ist für den Pfarrer eine Erfahrung, die er nicht mehr missen möchte.

Etwa 100 Pfarrer führt die Evangelische Kirche in Deutschland, die EKD, auf ihrer Gehaltsliste. Für sechs, maximal neun Jahre werden diese von ihren Heimatkirchen beurlaubt und von der EKD angestellt, die dies seit ihrer Gründung nach dem Krieg als Gemeinschaftsaufgabe ansieht.

Deutschsprachige Gemeinden im Ausland gibt es allerdings schon seit der Reformation, die älteste ist die Gemeinde in Stockholm, die jüngste Gründung fand in Dubai vor einem halben Jahrzehnt statt. Den erkennbarsten Wandel, den diese Gemeinden erleben, ist dabei der Wandel von der Auswandererkirche zur Wandererkirche. Wo früher deutschsprachige Auswanderer sich niederließen, wie in Brasilien, sind die Gemeinden heute immer mehr in die dortigen Heimatkirchen integriert und verschwinden. Auslandsgemeinden dieser Tage entstehen dagegen immer mehr in Gegenden, wo Geschäftsleute oder Dauertouristen sich für eine überschaubare Zeit niederlassen und punktuell Seelsorge suchen. Diese Erfahrung kann Christof Meyer bestätigen. An seiner Sonnenküste tummeln sich neben Geschäftsleuten auch viele Touristen, die in der kalten Jahreszeit die Sonne suchen, oder oft auch aus gesundheitlichen Gründen mehrere Monate dort leben. „Die Leute merken aber schnell, dass in der Sonne liegen und Golf spielen nicht alles im Leben ist“, erzählt Meyer. Mit vielen komme er daher über ganz existenzielle Fragen ins Gespräch, über den Sinn des Lebens, über Krankheit und Tod.

Für Christof Meyer ist es aber auch wichtig, sich vor Ort für die Spanier zu engagieren. Als er ankam, zerstörte ein Waldbrand die Existenz eines Ziegenhirten. Die deutsche Gemeinde sammelte daraufhin für ihn Geld. Und auch für die Flüchtlinge setzen sich die Deutschen zusammen mit der spanischen Gemeinde ein.

Ganz in der Fremde geht die Auslandspfarrerin in Madeira auf. Ilse Everlien Berardo ist länger als die üblichen neun Jahre im Ausland – ehrenamtlich. Seit 26 Jahren lebt sie hier. Sie ist mit einem Madeirenser verheiratet und betreut die deutschsprachige Kirche in der Inselhauptstadt Funchal. Ihre Gemeindemitglieder sind meist älter als 65 Jahre. Viele von ihnen leben von Ende Oktober bis Ostern auf der Insel.

Aufgefallen ist der Pfarrerin, wie wichtig die deutsche Gemeinde für deutsche Muttersprachler ist: „Die Muttersprache ist wichtig, um mitzuteilen, was einem am Herzen liegt.“ Deshalb gibt es nach dem Gottesdienst Gespräche bei Kaffee und Kuchen.


Auch in Dubai (links) und in Malaga (rechts sind Auslandspfarrer der Evangelischen Kirche Deutschland aktiv. (Foto: epd-Bild)

Dass Ilse Berardo ehrenamtlich tätig ist, hat zwar finanzielle Nachteile, es gibt aber auch einen entscheidenden Vorteil: Sie hatte die Zeit, Vertrauen zu den anderen Kirchen aufzubauen. „Das lässt sich nicht in sechs oder neun Jahren machen.“

Die Gemeinde ist zu Gast in der schottischen Kirche, einer calvinistischen Gemeinschaft. Was bedeutet, dass Berardo mit ihren ehrenamtlichen Mitarbeitern alle Gegenstände, die für einen Gottesdienst wichtig sind, wie Kerzen oder ein Kreuz selbst mitbringen muss – im calvinistischen Gottesdienst gibt es solche Gegenstände nicht. Allein die Gesangbücher lagern in der Schottischen Kirche, übrigens ein Geschenk vom Gustav-Adolf-Werk in Württemberg. Die Gemeinde ist auf Spenden angewiesen.

Die Unabhängigkeit von einer gesicherten finanziellen Existenz wie in Deutschland spürt aber auch Christof Meyer. Ein Drittel seiner Gemeindeausgaben muss er durch Spenden finanzieren. Und er findet, dass er sich dadurch seiner Aufgabe bewusster ist. Der finanzielle Druck verbessere die „Reflexion über die Qualität der Arbeit“, sagt er. Und dieses Prinzip zieht sich durch fast alle Auslandsgemeinden durch, bis dahin, dass sich manche in einer völlig selbständig verfassten Gemeinde ganz selbst finanzieren.

Im Übrigen sind die Erfahrungen der Auslandspfarrer so vielfältig wie die Weltkarte selbst. Die einen erleben den arabischen Frühling in Kairo  mit, die anderen müssen in der Diaspora Lettlands Seelsorge betreiben. In einer asiatischen Metropole wie Tokio herrschen andere Regeln als im amerikanischen Washington.

Christof Meyer hatte schon immer davon geträumt, in den Orient zu gehen und lernte deshalb auch Arabisch. Das Angebot nach Andalusien zu gehen war für ihn die Chance, dem arabischen Einfluss der Mauren in Spanien nachzugehen und der damaligen Toleranz dieser Kultur genauer nachzuspüren.

Von all diesen Erfahrungen werden später die Heimatkirchen der Auslandspfarrer profitieren, glaubt Christopf Meyer. Denn die Wanderpfarrer würden mit einem geschärften ökumenischen Profil zurückkehren, sie seien offener für neue Liturgien und Frömmigkeitsformen. Und sie kommen in der Regel in ein Land zurück, dem es wirtschaftlich gut geht. „Und das weiß man dann wieder zu schätzen“, sagt Meyer.

Im Internet: www.ekd-costadelsol.de • www.auslandsgemeinden.de

Information über Pfarer im Ausland

Etwa 100 Pfarrer hat die EKD ins Ausland entstandt, fast zehn davon stammen aus Württemberg. Sie leben in London, Oslo, Genua, Stockholm, Bristol, Davos, Riga  Spanien und Südafrika. In der Regel bleiben sie sechs Jahre, können aber auf neun Jahre verlängern. Auch Ruhesatandspfarrer werden für einige Monate entsandt. Von den 80 Millionen Deutschen sind um die sechs Millionen im Ausland zu finden, davon etwa zwei Millionen Protestanten, und das meistens in den Metropolen, so die Schätzungen der EKD.

Aber nicht nur die deutsche Kirche unterhält Auslandsgemeinden. Ähnlich halten es auch die Norweger, die Finnen und Holländer, erzählt Auslandspfarrer Christof Meyer. Auch die Anglikaner sind im Ausland stark vertreten. Alle zwei Jahre lädt die EKD zu einer Weltkonferenz der Auslandspfarrer ein. In diesem Jahr fand sie wieder statt.