Christliche Themen für jede Altersgruppe

Jeder für sich, alle zusammen - Gelebte Gemeinsamkeit in Corona-Zeiten

LAICHINGEN – Um sieben Uhr abends läuten die Glocken an sieben Tagen in der Woche für sieben Minuten: Mit diesem hörbaren Zeichen wird in Laichingen und seinen Teilorten die Gemeinsamkeit gelebt in Corona-Zeiten. Auch das Musizieren bei offenem Fenster gehört dazu.

Impressionen um 19 Uhr, Laichingen, Familie Schneider. Foto: Brigitte ScheiffeleImpressionen um 19 Uhr, Laichingen, Familie Schneider. Foto: Brigitte Scheiffele

Vor dem Dönerladen in Laichingen verzehrt ein junger Mann ein schnelles Abendessen. Aus dem Nachbarhaus schallt vom oberen Fenster laute Popmusik bis auf die Straße. Ein Auto ist mit überhöhter Geschwindigkeit auf der kaum befahrenen Straße durch die fast menschenleere Innenstadt unterwegs. In der einsetzenden Dämmerung umhüllt der Himmel in nachlassendem Blau den Turm der Albanskirche.

Es ist 19 Uhr und die Glocken der Gemeinden in Laichingen beginnen zu läuten. Sieben Minuten lang an sieben Tagen in der Woche. Hoffnungs-Zeit in Corona-Zeiten, so hat Pfarrer Karl-Hermann Gruhler den Aufruf zum täglichen Abendgebet überschrieben, zu dem Menschen aller christlichen Gemeinden der Stadt Laichingen mit den Teilgemeinden Machtolsheim, Suppingen und Feldstetten eingeladen sind.

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Das Gemeinsame in Quarantäne-Zeiten ist notwendig, sagt Gruhler und rief das „7 – 7 – 7 Abendgebet“ ins Leben. Beim „Atemholen für die Seele“ soll in diesen sieben Minuten in Zeiten des Vermeidens physischer sozialer Kontakte die Verbundenheit zwischen allen christlichen Kirchen und Gemeinden der Stadt und mit Gott besonders spürbar werden.

Mit Beginn des Glockenläutens wenden sich viele Menschen in Laichingen dem Gebet zu, darunter auch Oliver Schneider, Leiter des Posaunenchores, mit seiner Familie. Das geöffnete Fenster lässt das Ende des Glockenläutens vernehmen, dann folgt der Griff zu den Instrumenten. Hinaus in die Nacht erklingt das Taizé-Lied: „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht: Christus meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“

Impressionen um 19 Uhr: Andrea Remmele auf der Posaune und ihr Bruder Markus Schneider. Foto: Brigitte SCheiffeleImpressionen um 19 Uhr: Andrea Remmele auf der Posaune und ihr Bruder Markus Schneider.
(Foto: Brigitte Scheiffele)

Sichtlich bewegt läuft ein arabisches Ehepaar mit kleinem Kind durch die Straße. Verwundert, mit fragendem Blick. Kein Auto ist zu hören, nur die Bläserklänge der anbrechenden Nacht. Nicht weit entfernt spielen auch Markus Schneider und seine Schwester Andrea Remmele auf der Posaune. Marianne und Peter Mangold von der örtlichen Bäckerei singen am Fenster, das Ehepaar Manfred und Ute Schmoll singt auf der Terrasse: „Es ist eine Überwindung, einfach so in die Nachbarschaft hinein zu singen. Aber die Situation ist so außergewöhnlich, dass man auch außergewöhnliche Dinge tun kann“, sagt Manfred Schmoll. „Hauptsache, der Chef da oben hört uns.“

Marianne Mangold verbindet dieser Moment mit allen, die sie im Gottesdienst nicht mehr sehen kann. Nicht weit entfernt lauscht Tochter Franziska Mangold in die Nacht: „Für mich ist es schön, einen festen Zeitpunkt am Abend zu haben. Zu wissen, dass andere grade auch dabei sind. Von meinem obersten Fenster ist es besonders herrlich anzusehen, wenn hinter der Kirche die Sonne untergeht“, sagt sie. Sie spüre noch mehr die Verbundenheit im Gebet als beim Musizieren.

Ehepaar Schmoll, 19 Uhr in Laichingen. Foto: Brigitte Scheiffele

 

 

 

Markus Schneider empfindet es tröstlich, den Zusammenhalt zu spüren, während Wolfgang Mutschler etwas traurig ist, dass er in seiner Straße nichts von den anderen hört. Seit 50 Jahren spielt er im Laichinger Teilort Feldstetten die Orgel, lebt aber in der Kernstadt. „Ich finde es gut, dass man in diesen Zeiten ein Glaubenslied laut hinausbläst“, sagt er.

Zwischenzeitlich haben Württembergische und Badische Landeskirche sowie die Diözese Rottenburg-Stuttgart die Gemeinden gebeten, landesweit um 19.30 Uhr die Glocken zum Gebet zu läuten. Laichingen reiht sich ein: Das Abendgebet beginnt auch auf der Alb um halb acht.

Laichingen, Elmar Bräuning, Posaunenchor. Foto: Brigitte ScheiffeleLaichingen, Elmar Bräuning, Posaunenchor. (Foto: Brigitte Scheiffele)

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