Christliche Themen für jede Altersgruppe

Lachend eine neue Sicht lernen

Wer wissen will, was der Begriff Inklusion bedeutet, der muss Rainer Schmidt erleben. Der Pfarrer, Sportler und Kabarettist hat keine Arme. Seit seiner Geburt. Vor der Landessynode sprach er über sein Leben, seine Theologie und darüber, was Inklusion bedeutet. Und jeder begriff: Es kommt darauf an, die Perspektive zu wechseln.

Bild: Rainer Schmidt überzeugt im Gespräch. (Foto: Gemeindeblatt)

Selten sind die Männer und Frauen der Landessynode in solches Lachen ausgebrochen. Vor ihnen stand ein Mann, der sein Leben aus so humorvoller Sicht erzählen konnte, dass manchem das Herz leicht wurde. Und das, obwohl es um ein Leben mit Behinderung ging und obwohl viele in der Synode ähnliche Schicksale in ihrer Familie haben, wie sich bei der Aussprache herausstellt. Inklusion. Ein Thema, das in viele Biographien hineinreicht, wie Landesbischof Frank Otfried July feststellte.

Was ist das, Inklusion?

„Inklusion heißt: Es gibt viele Menschen und jeder hat seine Rolle“, meint Rainer Schmidt und präzisiert: „Inklusion ist die Kunst des Zusammenlebens von sehr verschiedenen Menschen.“ Natürlich: Menschen sind nicht gleich im Sinne von gleichartig, aber sie sind gleichwertig. Das verdeutlicht Rainer Schmidt, indem er seine Geschichte erzählt.

Der Tag seiner Geburt war wohl der schwerste Tag im Leben seiner Eltern. Kreidebleich sei die Großmutter damals nach der Hausgeburt aus dem Zimmer gekommen und hat nur gesagt: „Der Junge hat keine Arme.“ Trotzdem fand der kleine Rainer Anschluss an die Dorfkinder, ging völlig unvoreingenommen in eine Sonderschule („Ich dachte, das ist eine Schule für schwerst Mehrfach-Begabung“), war geschockt über die Rollstuhlfahrer dort und entfremdete sich schließlich von seinen Freunden zu Hause. Das Gefühl, „Ich gehöre nicht mehr dazu“ führt er auf das Leben in der Sondereinrichtung zurück.
Praxistest Krawatte

Was ist Inklusion? Was ist Behinderung? Wenn jemand etwas nicht kann? Rainer Schmidt macht mit den Synodalen einen Praxistest: „Was kann ich nicht?“, will er wissen. „Krawatten binden“, ruft einer, der beobachtet hat, wie Rainer Schmidt sich vor seinem Vortrag den Binder um den Hals legen ließ. Aha. „Wer von Ihnen kann keine Krawatten binden?“, fragt der 48-Jährige in die Runde, und ein Drittel der Synodalen hebt die Hand. Rainer Schmidt, der sieben Mal bei den Paralympics dabei war, legt nach: „Dafür kann ich Tischtennis spielen. Und sollten Sie irgendwann in die Verlegenheit kommen, mit mir ein Match zu spielen, bekommen Sie schnell einen Eindruck, wer hier behindert ist.“

Was also ist Behinderung? Als Theologe hat Schmidt, der Dozent am Pädagogisch-Theologischen Institut in Bonn ist, eine klare Meinung, und er setzt zu einem weiteren Perspektivwechsel an: „Es gibt keine Menschen mit und ohne Behinderung“, sagt er. „Es gibt Menschen und Gott. Und aus Gottes Perspektive sind wir alle eingeschränkt.“ Den Begriff Behinderung brauche ein Mediziner, um therapieren zu können. „Im Gottesdienst brauchen wir aber kein medizinisches Menschenbild.“ Da reiche es, Barrieren aus dem Weg zu räumen.

Beispiel:  sein eigener Berufsweg. Wie er denn Kinder taufen wolle, sei er in einer Kirchengemeinde vor seiner Anstellung gefragt worden. „In meiner Hand bleibt ja in der Tat nicht viel Wasser“, stellt er selbstironisch fest. Die Lösung: Er ließ sich einen Löffel fertigen, den er greifen kann.
Begriff Inklusion schwierig zu fassen

Wie schwierig es ist, den Begriff Inklusion zu fassen, hat bereits der Vorsitzende des Diakonie-Ausschusses, Roland Beck, zu Beginn des Themen-Vormittags betont und drei Punkte hervorgehoben. Zum Ersten könne Inklusion auch ganz weit verstanden werden und bedeute dann die Teilhabe von Migranten, Arbeitslosen und Kranken, kurz von allen, die ausgeschlossen werden, am Leben der Gemeinde. Zum Zweiten lägen für Christen die Wurzeln der Inklusion in Jesus Christus und in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Und zum Dritten habe auch die Inklusion ihre Grenzen. Nämlich vor allem  dann, wenn Betroffene selbst sich einen Schutzraum wünschen. Zum Beispiel, wenn ein junger Behinderter nicht in eine Außengruppe ziehen, sondern im Heim bleiben will.

In diesem Punkt stimmen ihm Betroffene zu. Inge Schneider (Lebendige Gemeinde) erzählt, wie ihr 25-jähriger Sohn, der auf dem Entwicklungsstand eines Einjährigen sei, einfach auf die Straße laufe. „Er braucht einen Schutzraum. Aber wie lange wird er ihn noch haben?“ Das sei ihre Angst, die viele Eltern teilten. „Es darf keine Opfer der Inklusion geben“, fordert sie daher.

Michael Werner (Offene Kirche) betonte: „Wir müssen Inklusion von den Personen her sehen.“ Er pflichtet Inge Schneider bei, dass es Schutzräume brauche. Aber auch diese müssten geöffnet werden, damit nicht das Gefühl entstehe, diese Menschen blieben einfach übrig.
Ohne Angst verschieden sein

„Wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie“ (1. Korinther 12,13), zitierte Landesbischof Frank Otfried July den Apostel Paulus und gab so eine biblische Interpretation des Begriffs Inklusion. Ohne Angst verschieden zu sein, auch in der Gemeinde, das sei ein Prozess, betont July. Dazu gehöre, Eltern beim Ja zu einem behinderten Kind zu unterstützen genauso, wie Menschen mit Behinderung als Mitglieder der Gemeinde und nicht als Klienten zu betrachten. Beschützende Werkstätten werde es dennoch weiter geben. Eine Grenze der Inklusion, die man akzeptieren müsse.

Es gibt noch andere Grenzen: Inklusion betrifft das öffentliche Leben, sagt Rainer Schmidt: Kirchen, Kommunen, Kinos. „Privat darf ich selektieren.“ Und ein Hauskreis mit acht Familien? Ist der privat oder öffentlich? Schmidt legt einen Finger in eine kirchliche Wunde: Wer darf zur Glaubensgemeinschaft dazu gehören? Alle, die glauben? Oder zumindest suchen? „Ein Satanist, der mir das Abendmahlsgeschirr aus der Hand schlägt, den grenze ich aus“, sagt Schmidt. Ein hartes Beispiel. Er illustriert damit ein Jesus-Wort: „Wer nicht gegen mich ist, ist für mich.“

Da tut sich der Himmel auf

Aggressivität also als Ausschluss-Kriterium? Aber was macht der Lehrer, der Jugenddiakon, der einem aggressiven Kind gegenüber steht? „Es gibt einen temporären Ausschluss“, findet Schmidt. So wie man auch mal ins Krankenhaus muss. „Wenn es dann chronisch wird, muss man sehen, wie es weiter geht.“ Genauso macht Rainer Schmidt auch Gruppen aus, die Zugangsberechtigungen haben: Fußball-Vereine, aber auch Kantoreien. Im letzten Fall stellt sich die Frage: Hat die Gemeinde auch Musikgruppen für Menschen, die nicht so gut singen? Für Schmidt heißt Inklusion, im Menschen nicht den Behinderten, sondern den Menschen zu sehen. „Und dann tut sich der Himmel auf.“