Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wunsch und Wirklichkeit

Verliert die Landeskirche an Bedeutung? Und wenn ja, welche Antwort gibt sie darauf? Im neu errichteten Hospitalhof gehen die Landessynodalen auf ihrer ersten Arbeitssitzung der Frage nach, wie man neuen Wein in neue Schläuche füllt.  


Die Landessynode im neu errichteten Hospitalhof. (Foto: factum)

Und doch steht vor der Wende erst mal die Analyse. Zwei Bereiche haben sich die Synodalen vorgenommen: die Kirchenwahl und die Mitgliederuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Und eigentlich bringen beide Analysen unter dem Strich das gleiche Ergebnis: Die Kirche lebt von der intensiven Beziehung zwischen Menschen vor Ort. Ein Ergebnis, das nicht überraschen kann. Was aber die Frage nach sich zieht, warum diese Beziehungen immer weniger funktionieren.

Was also lässt sich aus der Kirchenwahl herauslesen? Herbert Lindner, Professor für Praktische Theologie an der Augustana-Hochschule im bayerischen Neuendettelsau hat die Zahlen untersucht. Er stellt fest, dass die Wahlbeteiligung von 24,3 Prozent in Württemberg die höchste unter den großen deutschen Landeskirchen ist, dass sie gleich hoch wie 2007 lag und insofern ein Zeichen von Stabilität sei. Und dennoch sei sie seit 1976 um ein Viertel gesunken – stärker als in allen anderen Landeskirchen. Das gehört auch zur Wahrheit.

Doch die Wahlbeteiligung sagt nicht alles über eine Gemeindegröße aus. Lindner unterscheidet die Gemeindekirche – also die Menschen, die regelmäßig am Gemeindeleben teilnehmen – von der Kasualkirche, also die Menschen, die zur Taufe, Konfirmation oder an Weihnachten erscheinen. Für diese sei die innere Organisation wie die Wahl des Kirchengemeinderats nicht interessant, aber auch sie gehörten zur Kirchengemeinde. „Ortskirche ist größer als die Gemeindekirche.“

Was lassen die Zahlen noch erkennen? Je größer die Gemeinde, desto kleiner die Wahlbeteiligung, je mehr Evangelische in der Kommune leben, desto größer ist die Beteiligung. Wer in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens Verantwortung übernimmt, tut dies auch in der Kirche. Je höher die Bildung und das Einkommen, desto größer das Engagement. Die doppelte Botschaft daraus: Erstens, ein enges Beziehungsgeflecht vor Ort stärkt die Kirchengemeinde und zweitens stärkt Bildung die Kirchenbindung, was auch eine Schattenseite hat. Denn die wenig Gebildeten mit schwachem Einkommen sind somit nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Kirche die Minderheit.

Und noch eine Beobachtung hat Lindner anhand der Wahlanalyse bestätigt: Die Stärke der Kirchenbindung wechselt im Laufe des Lebens: Von der intensiveren Begegnung im Konfirmandenalter entfernen sich die meisten im Alter zwischen 21 und 35 von der Kirche. Danach wird der Kontakt mit steigendem Alter oft wieder enger.

„Im Zentrum steht die Begegnung vor Ort.“ Kurz und knapp brachte Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD, die Mitgliedschaftsstudie auf den Punkt. 13 Prozent intensive Kirchenmitglieder zählt er auf. 44 Prozent immerhin seien noch der Kirchengemeinde und der evangelischen Kirche irgendwie verbunden. Kasualien, Kindergärten und Schulen sowie die Diakonie sind die Brücken in die Gesellschaft.

Eine andere Beobachtung löste merkwürdigerweise Erstaunen aus: Ein Großteil der Befragten sieht einen engen Zusammenhang zwischen Kirche und Religiosität. Also: Religion wird am ehesten in der Kirche gesucht, nicht außerhalb. Diese Erkenntnis, so Wegner, habe die Fachleute überrascht. Alarmieren muss dagegen eine andere Zahl: 42 Prozent der 15- bis 49-Jährigen halten eine religiöse Erziehung inzwischen für unwichtig. Folgerichtig geht auch die Taufbereitschaft zurück. Und wer diese Zahlen ernst nimmt, erkennt: Die Bedeutung der Kirche sinkt, und die nachwachsenden Generationen brechen weg.

Und die Antwort der Synodalen? Welche Räume erschließen sich ihnen dadurch? Für die Lebendige Gemeinde betont Maike Sachs: „Wir brauchen starke Ortsgemeinden.“ Nur so könnten existenzielle Fragen beantwortet werden. Und die Gottesdienste müssten spezielle Ausrichtungen haben: für Familien, zur Segnung, mit Musik.

Dass die Kirche an Bedeutung verliert, liegt für Martin Plümicke (Offene Kirche) auch daran, dass die Kirche unglaubwürdig und irrelevant erscheint. Das Familienpapier der EKD wäre eine Chance gewesen, Kirche in ein anderes Licht zu rücken, findet Plümicke. „Doch es wurde zerredet.“ Und wenn Friede und Gerechtigkeit nur von 51 Prozent der Kirchenmitglieder als kirchliche Themen erkannt würden, „dann läuft etwas falsch“. Politisches Engagement würde die Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.

Für Evangelium und Kirche beschwört Johannes Eißler das halbvolle Glas. Immer noch nähmen viele an der Konfirmation teil, sogar konfessionslose Eltern schickten ihre Kinder. Kirchenmitgliedschaft, das sei soziale Praxis, betonte Eißler und fügt hinzu: „Ich bin deshalb für regelmäßige wöchentliche Zusammenkünfte wie Hauskreise, Jungschar und auch den Sonntagsgottesdienst.

Willi Beck (Kirche für morgen) hebt die soziale Dimension des Evangeliums hervor. Es sei überfällig gewesen, anzuerkennen, dass Kirche mit sozialer Praxis einhergehe. Deshalb formuliert Dekan Siegfried Jahn (Lebendige Gemeinde) seine Erkenntnis so: „Beziehungen sind wichtig. Daher macht die Gemeinden stark!“ Und er fügt hinzu: Alles was inhaltlich und finanziell entschieden werde, müsse daran geprüft werden, ob es der Gemeinde vor Ort diene.


Friedrich W. Graf
Kirchendämmerung -
Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen
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