Christliche Themen für jede Altersgruppe

Heißes Eisen Waffenindustrie - Oberndorf am Neckar

Seit über 200 Jahren bestimmt die Waffenherstellung das industriell-wirtschaftliche Leben in Oberndorf am Neckar. Wie gehen die Oberndorfer Christen damit um und was macht dies mit ihnen? Eine Suche nach Antworten.

Staffellauf - Frieden geht. Foto: PrivatStaffellauf „Frieden geht“. Foto: privat

„Ich stehe derzeit für ein Interview nicht zur Verfügung.“ So lautet die Antwort der evangelischen Pfarrerin Kathrin Sauer. Sie zeigt, wie angespannt die Lage innerhalb der evangelischen Kirchengemeinde Oberndorf zu diesem Thema ist. Auch der Vorsitzende des Kirchengemeinderates, Thorsten Sosinski, schreibt: „Wir stehen definitiv nicht für ein Interview sowie weitere Äußerungen zur Verfügung.“

Ganz anders sieht das Martin Schwer, katholischer Pfarrer in Oberndorf. Er sieht die Auseinander-setzung mit diesem schwierigen Thema als notwendig und wichtig an.

1811 wurde aus dem Kloster die Königlich Württembergische Gewehrfabrik, aus der später die Firma Mauser hervorging. Die Geschäfte gingen gut, denn nicht nur Württembergs Soldaten bekamen von hier ihre Gewehre. Mauser rüstete die Weltkriegsarmeen des Kaiserreichs aus, ebenso Hitlers Wehrmacht. Das Osmanische Reich bezog aus Oberndorf Waffen für den Völkermord an den Armeniern. Das heutige Kulturzentrum „Schwedenbau“ erinnert daran, dass Waffen Oberndorfs Exportgut schlechthin waren und auch bis heute sind.

Mauser holte  Arbeiter

Wie Pfarrer Schwer weiter erzählt, kehrten erst im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts in die Klosterkirche die Kultur und in das Klostergebäude Rathaus und Polizei ein. „Die Evangelische Stadtkirche war auch ein Produkt der Rüstungsindustrie“, schildert Schwer seine Sicht, „denn mit der Gewehrfabrik und später Mauser kamen in die katholischvorderösterreichisch geprägte Stadt Arbeiter evangelischer Konfession mit ihren Familien nach Oberndorf. Aufgrund des Fachkräftemangels. Mit Unterstützung des Arbeitgebers Mauser-Werke bekamen sie ihre Kirche.“

Pfarrer Schwer, katholische Kirche, Foto: Privat

Das Ende des Kalten Krieges vernichtete Arbeitsplätze. 2004 gingen die Mauser-Werke in der neu gegründeten Rheinmetall Waffe Munition GmbH auf. „Rheinmetall defence“ sowie Heckler & Koch verteidigen aber nach wie vor Oberndorfs Ruf als Rüstungsstandort.

„Die Arbeit an Waffen ist eine schwere Bürde“, sagt Pfarrer Schwer. „Ethisch betrachtet mögen sie auch humanitären Zielen dienen. De facto aber können Waffen töten und-werden auch dazu benutzt. Die Erbauer sollen das wissen. Wollen sie es wissen?“

Im Ort herrsche dazu eher Schweigen als Sprachfähigkeit. Man finde es gut, dass Waffen wenigstens auch an Polizeikräfte und legal an Kunden verkauft werden. Die schwarzen Schafe, so denken viele, würden dann gerichtlich belangt, aber hoffentlich nicht zum Schaden des Unternehmens. Pfarrer Schwer: „Wir bewegen uns auf dünnem Eis, das wird aus diesem Beispiel klar.“

Als „Suche Frieden“ 2018 das Jahresthema der katholischen Kirchengemeinden und das Thema des Katholikentages und 2019 die Jahreslosung der evangelischen Kirche war, da wurde das Thema auch im Neujahresgottesdienst thematisiert. Nur mit großer Vorsicht wurde es aufgegriffen. Pfarrer Schwer sagt: „Ein heißes Eisen eben, diese Waffenmanufaktur in Oberndorf. Kontrovers, wenn das zur Sprache kam, tabuisiert, weil es selten zur Sprache kommen konnte.“

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„Frieden geht“, der Staffellauf gegen Rüstungsexporte, startete 2018 in Oberndorf mit dem Ziel Berlin. Es war nicht möglich, einen ökumenischen Gottesdienst in der ehemaligen Klosterkirche, der einstigen Gewehrfabrik, zu feiern, erzählt Schwer. Es kam keine Mehrheit dafür zustande. Die Gegenargumente lauteten: Der Staffellauf sei zu tendenziös, sei außenbestimmt und richte sich gegen die Arbeitsplätze der Menschen in Oberndorf. Dennoch kamen Gemeindemitglieder. Sie waren dankbar, dass das Thema aufgegriffen, das heiße Eisen geschmiedet wurde.

Berührungsängste und Vorurteile

Wie sieht es mit Spenden von Rüstungsfirmen an die Kirche aus? Pfarrer Martin Schwer: „Die nehmen wir nicht entgegen.“ Zugleich sei es oft schwierig, die Grenzen zu ziehen und ethisch abzuwägen, was stärker ins Gewicht fällt: das Potential zum Töten oder die Geldsumme, mit der sich Gutes bewirken ließe?

Als Anfang Oktober 200 Demonstranten das Werk von Heckler & Koch blockieren wollten, trafen sie auf eine gewaltige Überzahl von Polizisten, dazu Hubschrauber, Reiterstaffel und Wasserwerfer. Die Bevölkerung reagierte befremdet und verärgert zugleich. Pfarrer Schwer: „Positiv, dass Polizei wie Demonstranten und Bevölkerung gegenüber freundlich entspannt und situationsgerecht kommunizierten. Wenn daraus ein Fest der Begegnung geworden wäre, hätte es mich echt positiv gestimmt.“ Drei Parteien seien einander begegnet: Demonstranten, Polizei, Bevölkerung. Der katholische Pfarrer nahm wahr, dass Berührungsängste und Vorurteile die Begegnung verhinderten. Und sagt: „Wieder eine Chance vertan.“ □