Christliche Themen für jede Altersgruppe

Scham, Schmerz und Verdrängung - Konfi-Ausflug zur Gedenkstätte

ÖSCHELBRONN/TAILFINGEN (Dekanat Herrenberg) – Auschwitz kennt jeder, aber das Konzentrationslager im Gäu? Ein pädagogisches Konzept bringt die Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen Konfirmandinnen und Konfirmanden näher.

Auf dem Friedhof in Tailfingen wurden die exhumierten Leichen der KZ-Häftlinge nach Kriegsende bestattet. Foto: Andreas SteidelAuf dem Friedhof in Tailfingen wurden die exhumierten Leichen der KZ-Häftlinge nach Kriegsende bestattet. Foto: Andreas Steidel

Ein Fahrradausflug an einem Herbsttag. Die Sonne lacht und die Bäume strahlen in den herrlichsten Herbstfarben. Ideale Voraussetzungen für eine Radtour und die machen die Konfirmanden aus Öschelbronn an diesem Nachmittag. Ziel: die Felder rund um Bondorf, Hailfingen, Tailfingen und Nebringen.

Diese Felder haben eine ganz eigene Geschichte, eine, die keineswegs so schön ist, wie das Wetter an diesem Tag. Einen Flugplatz gab es hier am Kriegsende, einen, der mit Hilfe von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen errichtet wurde. Von 600 Juden, die aus Auschwitz hierherkamen, starben 189 an Hunger, Entkräftung, Krankheit und den Misshandlungen, die sie erfuhren.

Die 13 Jungen und Mädchen lauschen gespannt, wenn Bernd Schlanderer davon erzählt. Der pädagogische Leiter der Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen macht die erste Radtour mit den Konfirmanden, erzählt von jenem Ausweichflugplatz, den es hier gab in den Weiten des Gäus, ein letztes Aufbäumen der Nazis am Ende des Krieges.

Fast alle Spuren sind heute beseitigt. Deshalb muss man sie wiederentdecken mit Hilfe von Menschen, die diese Spuren kennen und sie zu erläutern wissen. Das ist eine Herausforderung, zumal bei Konfirmanden, die dieses Thema noch nicht in der Schule behandelt haben.

Die Gedenkstätte, die Kirchengemeinde in Öschelbronn und das Evangelische Bezirksjugendwerk Herrenberg haben deshalb ein pädagogisches Konzept erarbeitet, das das Gelände für Jugendliche erschließen soll. Eine Handreichung für Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch für Mitarbeiter, die dann mit ihrer Gruppe auf eigene Faust losziehen können.

Der elf Kilometer lange Rundweg ist als Radtour gut geeignet. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden aus Öschelbronn haben sichtlich Vergnügen dabei, in die Pedale zu treten. Ihre zweite Station ist das Mahnmal mit dem Namen der Opfer. Alle, die damals hier gelitten haben, sind darauf verzeichnet. Die Wand ist ein Monument für Entdecker, „einer hieß sogar Adolf“ sagt etwas erschrocken ein Mädchen, verwundert darüber, dass neben Hitler auch andere diesen Namen trugen. Von Hitler haben sie wohl alle schon etwas gehört, von Auschwitz auch, aber das, was vor der eigenen Haustür passiert ist, war lange vergessen.

Bernd Schlanderer erläutert den Jugendlichen das Mahnmal mit den Namen. Foto: Andreas Steidel

Wo mache ich mit und wo nicht?

Umso wichtiger ist das unmittelbare Erlebnis am Erinnerungsort. „Das ist etwas anderes als ein Geschichtsbuch“, sagt Angela Kottmann, Be-zirksjugendreferentin beim Evangelischen Jugendwerk in Herrenberg. Ziel ist es, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendwerks so zu schulen, dass sie mit Jugendlichen selbst aufs Gelände gehen können. Die Handreichung enthält Informationen und Fragestellungen sowie auch geistliche Impulse: Den Psalm Psalm 18 („Ich freue mich, dass du mein Elend ansiehst und erkennst meine Seele“) zum Beispiel.

Das Elend war groß auf dem alten Flugplatz. Als die Krematorien nicht mehr funktionierten, verscharrten die Nazis ihre Opfer in einem Massengrab – die Station drei der Konfirmandenradtour. Als die Franzosen nach Kriegsende davon erfuhren, waren sie erbost und ließen die Bevölkerung die Leichen exhumieren.

Es waren Szenen der Rache und der Gewalt, bei denen ein Dorfbewohner sogar starb. Die Konfirmanden hören genau zu. Wer weiß, ob nicht einer ihrer Vorfahren an jenem Tag auch am Massengrab stand. Gesprochen hat man in Hailfingen-Tailfingen und Umgebung darüber kaum. Das Thema wurde verdrängt, war mit Scham, Wut und Schmerz besetzt und sollte möglichst unter der Decke bleiben. So rannten die Initiatoren auch keineswegs offene Türen ein, als die Gedenkstätte errichtet wurde.

Die letzte Station der Radtour ist der Friedhof in Tailfingen. Hier wurden die exhumierten Leichen aus dem Massengrab würdig bestattet – würdig, aber christlich, obwohl es Juden waren. Das wirft weitere Fragen auf, die es sich lohnt, im Konfirmandenunterricht zu behandeln.

Für Öschelbronns Pfarrer Rainer Holweger ist es ohnehin eine Vielzahl von Themen, die sich mit der Erinnerungsarbeit verbindet. „Die Frage zum Beispiel, zu wem ich gehöre und auf wen ich höre“, sagt er, „und wo mache ich mit und wo nicht?“ Der gute und der schlechte König, auch die Bibel ist voll von solchen Beispielen und die Kunst ist es, den einen vom anderen zu unterscheiden.

Es wird noch ein Weilchen dauern, bis letztlich das Konzept steht. Auf der Probetour hat man schon mal herausgefunden, dass drei Stunden, vielleicht sogar ein halber Tag wohl nötig sind, um in aller Ruhe das Wesentliche zu erfassen. Erinnerungsarbeit braucht Zeit – und ein gutes Anschlussprogramm, das hilft, all die Erlebnisse auch einzuordnen. □

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Auskunft beim Evangelischen Jugendwerk Herrenberg (Telefon 07032-5543), beim Pfarramt Öschelbronn (Telefon 07032-71380) und auf www.kz-gedenkstaette-hailfingentailfingen.de