Christliche Themen für jede Altersgruppe

Werte wieder aktivieren - Schloss Börstingen - Reha-Einrichtung für Jugendliche

BÖRSTINGEN/LAICHINGEN – Wer in die Reha-Einrichtung Schloss Börstingen kommt, hat eine lange Suchtgeschichte hinter sich. Drogenabhängige zwischen 17 und 30 Jahren lernen hier, wieder Struktur in ihr Leben zu bringen. Wichtig bei der Therapie sind ein klarer Tagesablauf und viele Gespräche. Auch im Nachgang, wie ein Beispiel aus Laichingen zeigt.

Ruth Votteler vom Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe im Gespräch mit jungen Drogenabhängigen in Laichingen. Foto: Brigitte ScheiffeleRuth Votteler vom Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe im Gespräch mit jungen Drogenabhängigen in Laichingen. Foto: Brigitte Scheiffele

„In zwölf Tagen bin ich weg“, sagt Max (21): „Endlich Freiheit“. Mit 19 Jahren wurde er zu vier Jahren Freiheitsentzug wegen besonders schwerer räuberischer Erpressung sowie Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz verurteilt. Seinen richtigen Namen mag er nicht sagen. Nach dreieinhalb Jahren in der Vollzugsanstalt wechselte er in die ländlich gelegene Reha-Einrichtung Schloss Börstingen, die sich auf die Behandlung Suchtkranker zwischen 17 und 30 Jahren spezialisiert hat. Neben Alkohol geht es um Abhängigkeiten von Cannabis, Partydrogen, Kokain und weiteren Substanzen.

Max wuchs als Kind an einem Park auf, in dem mit Drogen gehandelt wurde. Seine Eltern waren geschieden, er wurde zunehmend aggressiv. Mit 15 rauchte er den ersten Joint. Mit 18 war er abhängig von Koks und Alkohol. Er finanzierte seinen Bedarf, indem er dealte. „Für ein Gramm Koks brauche ich etwa 80 Euro. Wer gut verkauft, zieht am Tag bis zu fünf Gramm“, sagt er. Auch an Geschäftsleute und Politiker habe er Drogen verkauft: „Ihr habt keine Ahnung, unter welchen Leuten ich in meinem Alter war.“ Daheim behauptete er, in einem Handyladen zu arbeiten, tatsächlich war er „Geld schaufeln“. Heute sagt er: „Um da rauszukommen muss man psychisch stark sein.“

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Max war es nicht. Beim Geldeintreiben zertrümmerte er einem Kunden die Kniescheibe, und das war nicht alles. „Wäre ich nicht in den Knast gekommen, wäre ich nicht ruhiger geworden. Jetzt geht es mir gut.“ Seit zwei Jahren ist er „clean“. Selbsthilfegruppen lehnt er ab: „Die Alten wissen alles besser. Wenn ich sage, dass ich im Knast war, läuft nichts mehr.“ Sein Ziel: eine Lehre zum Veranstaltungskaufmann und nichts mehr konsumieren.

Von der „hässlichen Fratze der Sucht“ spricht Ralf Schumann, Sozialpädagoge und Suchttherapeut, wenn sich das Sozialverhalten Drogenabhängiger verändert. „Erst ist alles harmlos, dann geht es über das hinaus, was gesellschaftlich toleriert ist. Lügen bestimmen den Alltag.“

Scham und Gefühle von Schuld

Fälle, die auch Rainer Breuninger kennt, Geschäftsführer der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe vom Landesverband Württemberg mit Sitz in Laichingen. Das erste Bauchgefühl sorge bei den Drogenabhängigen für einen Beobachterblick. „Man will es nicht wahrhaben, aber Eltern spüren das, wenn etwas nicht stimmt. Lügereien vertuschen die Abhängigkeit und sollen Angehörige bei Laune halten.“ Dann werden Rezepte und Unterschriften gefälscht und schon gehe es um Betrug.

„Je stärker der Prozess läuft, umso mehr ziehen sie sich zurück und werden zwingend zum Einzelgänger, weil sie sich selbst schützen müssen“, sagt Breuninger. Der moralische Anspruch und die Steuerungsfähigkeit sinken. Frühere Konsumregeln lockern sich, es wird ganztags konsumiert, dann folgt der Kontrollverlust. Auf Konfrontationen folgen Versprechen, die nicht gehalten werden. Durch Schuldgefühle und Scham manövriert sich der Konsument tiefer in die Isolation. Und die Enttäuschung der Eltern lässt ein normales Miteinander nicht mehr zu. „Mitmenschen müssen Grenzen setzen, sich selbst schützen und brauchen Hilfe“, sagt Breuninger. Der Krankheitsprozess dürfe nicht durch falsch verstandene Liebe verlängert werden. Hart zu sein und Grenzen zu setzen sei auch ein Zeichen von Liebe.

Schloss boerstingen. Ralf Schumann. Foto: Brigitte ScheiffeleDer Ausstieg aus der Sucht habe immer etwas mit Grenzen zu tun, sagt auch Ralf Schumann. Irgendwann werden sogar die besten Kumpels abgezockt. Die Folge: innere Vereinsamung, Entwicklungsstörungen und Straftaten.

„Wer in Börstingen landet, muss schon einiges vorweisen“, sagt Schumann. Hier erwartet die Bewohner ein strenges Regelwerk für den Tagesablauf, es geht um Respekt, einen guten Ton, Achtsamkeit und Demut. Natürlich hätten junge Menschen Flausen im Kopf, „aber hier müssen sie erst mal die Füße stillhalten. Sie sind froh, dass sie nicht im Gefängnis sitzen, und wir versuchen, sie wieder auf die Bahn zu bringen.“

20 Prozent der Reha-Bewohner seien dort mit gerichtlicher Auflage, andere hätten Druck durch Eltern. „Der spielt eine gewaltige Rolle, wenn es um Therapie statt Strafe geht.“ Jetzt gilt es Balance zu halten, wobei auch Arbeitstherapie als Strukturhilfe ein wichtiger Faktor ist. Viele der jungen Menschen hätten Schule oder Ausbildung abgebrochen. Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit, eine Arbeit beenden, im Team agieren, sich abstimmen und miteinander reden, Konflikte aushalten und auch das Handy nur zu bestimmten Zeiten nutzen – das alles müsse eingeübt werden. „Viele Eltern sind uns dankbar, dass die Kinder wieder klare Augen und was gegessen haben“, berichtet Schumann.

Der Druck der Eltern ist wichtig

Wer Drogen ins Haus bringt, wird entlassen. Allerdings dürfe ein Rückfall nicht persönlich genommen werden: „Lügen und Betrug ist die Not des Betroffenen und die ist jetzt ewiger Bestandteil dieser Person. Durch bestimmte Reize kann die hässliche Fratze der Sucht wieder hervorgerufen werden“, sagt Schumann.

Schloss Boerstingen. Einrichtungsleiter Muin Hassunah. Foto: Brigitte ScheiffeleDer Leiter der Reha-Einrichtung, Muin Hassunah, Psychologe und Suchttherapeut, sagt: „Diese jungen Menschen brauchen Struktur und Tagesablauf. Sie müssen an geregelte Zeiten anknüpfen, die sie aus ihrer Kindheit kennen. Diese Werte müssen wieder aktiviert werden.“ Eltern seien ein wichtiger Bestandteil der Behandlung und müssten darauf vorbereitet sein, dass der Patient nie mehr „der alte“ sei. Letztendlich funktioniere Suchthilfe ohne Selbsthilfe nicht, sagt Hassunah. Ein Austausch gehöre zu einem stabilen Leben dazu. „Es gibt eine Vielfalt von Angeboten in der Anschlussbehandlung, und wir entlassen die Menschen nicht ohne Sprungbrett.“

Hier kommen die Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe ins Spiel. Sie kümmern sich oft um junge Menschen, die einen Aufenthalt in Börstingen hinter sich haben. Auch junge Mehrfachkonsumenten können sich dort gut aufgehoben fühlen, sagt Rainer Breuninger.

In Laichingen tauschen sich einige von ihnen mit der 83-jährigen Ruth Votteler aus, Mitbegründerin der Freundeskreise. Als Angehörige hat sie einen großen Erfahrungsschatz. Sie weiß um Leidenskämpfe und Hilflosigkeit und sorgte besonders bei jungen Gruppenmitgliedern aus den Freundeskreisen in Aalen und Ludwigsburg für Erstaunen mit ihren Worten: „Der wahre Kampf beginnt draußen, da gibt es keine Leidensgenossen mehr, da seid ihr auf euch selbst gestellt. Also sucht euch eine Selbsthilfegruppe und Menschen, die wissen, wie ihr euch fühlt.“

Jan Bühr, Drogenabhängiger und heute im Freundeskreis Aalen aktiv, erinnert sich: „Die Gespräche waren einfach nur fabelhaft und besonders bewegend das Treffen mit der Ruth.“ Der Besuch einer Selbsthilfegruppe biete jungen Menschen die Möglichkeit, Stabilität für den Alltag zu gewinnen.

Das Schloss Börstingen stammt aus dem 18. Jahrhundert. Seit mehr als 30 Jahren ist hier eine Rehabilitationseinrichtung des Vereins für Jugendhilfe im Landkreis Böblingen untergebracht. Der Verein ist Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg.

Mehr unter www.verein-fuer-jugendhilfe.de Im Landesverband der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe sind Selbsthilfegruppen aus Württemberg organisiert. Mehr unter www.freundeskreise-sucht-wuerttemberg.de

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