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„Wir ängstigen uns“ - Friedensgebet - Rat der Religionen

REUTLINGEN – Drei Tage vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat der Rat der Religionen zum Friedensgebet vor der Stadthalle aufgerufen. Eindrücke eines stürmischen Abends, bei dem Vertreter verschiedener Religionen Gott um Beistand angerufen haben.

Rund 70 Menschen waren beim Friedensgebet des Rats der Religionen dabei. Foto: Wolfgang AlbersRund 70 Menschen waren beim Friedensgebet des Rats der Religionen dabei. Foto: Wolfgang Albers

„Ist das eine Anti-Impf-Demo?“, fragten zwei Jugendliche die Gruppe, die sich vor der Stadthalle um einen Lautsprecher versammelt hatte. In Reutlingen ist das eine berechtigte Frage, die Stadt ist eine Hochburg der Demos gegen Corona-Beschränkungen.

Aber es gibt auch Versammlungen, die nicht dagegen sind, sondern dafür – in dem Fall für Frieden. Seit sechs Jahren versammeln sich montags in den Herbstwochen Menschen zu einem Friedensgebet, initiiert vom Reutlinger Rat der Religionen, in dem sich neun Religionsgemeinschaften zusammenge-schlossen haben.

Der Herbst ist vorbei – aber in der Ukraine beginnt ein Krieg. Anlass, für die Organisatoren um Frieder Leube, den Sprecher des Rates, zu einem aktuellen Friedensgebet einzuladen. Trotz Sturm und Schauerwetter stellten sich rund 70 Menschen um den Baum der Religionen, der vor der Stadthalle gepflanzt ist. Seine Ohnmacht bekannte einleitend Frieder Leube: „Wir ängstigen uns.“ Deshalb wende man sich an Gott: „Gott steht für Recht und Gerechtigkeit.“ Dass Vertreter verschiedener Religionen zusammen für den Frieden beten, sei ein starkes Zeichen. Multireligiös: also nicht mit einem gemeinsamen Text, sondern jeweils mit eigenen Gedanken.

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Die von Rabbiner Mordechai Mark Pavlovsky gingen zurück an den Golfkrieg: „Mussten Sie sich schon einmal in einem Luftschutzkeller verstecken? Ich weiß, was Krieg bedeutet, aus dem wirklichen Leben – und wenn ich mich daran erinnere, tut mir das Herz weh.“ Geboren wurde Mordechai Mark Pavlovsky in der Sowjetunion. Er wuchs in Russland auf, in der Ukraine machte er viele religiöse Erfahrungen. Dort sind viele große jüdische Rabbiner begraben, seit 15 Jahren fährt er zum jüdischen Neujahrsfest nach Uman, ein Wallfahrtsort für die Chassidim: „Ich kann mit Sicherheit sagen, dass mein Herz bei der Ukraine ist.“

Dimitrios Katsanos, Erzpriester der griechisch-orthodoxen Gemeinde, sagte resigniert: „Leider hat die Menschheit aus unzähligen Kriegen nichts gelernt und versucht es wieder, auf die schreckliche Art und Weise ihr Wollen durchzusetzen.“ Und betete: „Befreie dein Volk vom Bruderkrieg, verringere das Blutvergießen.“

Friedensgebet. Foto: Wolfgang AlbersFriedensgebet. Foto: Wolfgang Albers

Mohammed Frikach, Erster Vorsitzender der Internationalen Islamischen Gemeinschaft, trug die erste Sure vor und fügte ein persönliches Gebet hinzu: „Lieber Allah! Lass nicht zu, dass wir mitmachen, wenn Hass, Feindschaft und Selbstsucht Menschen gegeneinander treiben. Schaffe unseren großen und kleinen Grenzen Frieden! Mach, dass die Herzen sich auftun und der Krieg beendet ist, noch bevor er beginnt.“

Gudrun Fani las für die Baha’i-Religion Texte des Stifters Bah’a’llah vor: „Alle Völker haben die Pflicht, ihre Gegensätze auszugleichen und in größter Eintracht und in Frieden im Schatten des Baumes Seiner Obhut und Gnade zu wohnen.“ Und wenn nicht? Dann kennt Bah’a’llah durchaus Konsequenzen: „Hütet euch wohl vor Tyrannei, denn ich habe gelobt, keines Menschen Unrecht zu vergeben.“

Am Schluss sprachen noch einige Ukrainer, schilderten ihre Nöte und Ängste – und wandten sich direkt an die Zuhörenden: „Danke, dass ihr uns nicht vergesst!“