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Arme Menschen leiden still - Betroffene erzählen

BACKNANG – Die Corona-Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger für Armut. Wer bereits zuvor in armen Verhältnissen gelebt hat, ist von Maßnahmen wie dem Lockdown und negativen wirtschaft- lichen sowie arbeitsmarktpolitischen Entwicklungen besonders stark betroffen. Davon erzählen zwei Bewohner der Erlacher Höhe.

Besonders Rentnerinnen sind von Armut betroffen. Foto: pixabay/ anaterateBesonders Rentnerinnen sind von Armut betroffen. Foto: pixabay/ anaterate

Volker Lang lebt seit Juni in einer der Unterkünfte der Erlacher Höhe, einer Einrichtung für Menschen in sozialen Notlagen. Er ist 54 Jahre alt und geschieden. Seit seinem zweiten Herzinfarkt vor einigen Jahren ist er nicht mehr voll arbeitsfähig. Er kündigte damals seine Arbeitsstelle, um seine Mutter zu pflegen.

Nachdem diese verstorben war, absolvierte er ein Wiedereingliederungsprogramm der Arbeitsagentur. Er hoffte, von seinem damaligen Arbeitgeber im Anschluss übernommen zu werden, wurde jedoch entlassen. „Danach ist es bergab gegangen“, erinnert er sich. Damals war er Alkoholiker. „Zum Glück bin ich heute trocken.“

Volker Lang ist froh, dass er von der Erlacher Höhe aufgefangen wurde. „Ich versuche jetzt, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen“, sagt er. Das ist jedoch nicht einfach, da er aufgrund seines gesundheitlichen Zustands nicht mehr belastbar ist. Volker Lang wünscht sich, wieder ein selbstständiges Leben führen zu können: „In einer eigenen Wohnung wohnen und am liebsten in Teilzeit in der Hauswirtschaft der Erlacher Höhe arbeiten. Wir sind dort so ein tolles Team“, sagt er.

Als tagesstrukturierende Maßnahme arbeitet er dort derzeit in einem Ein-Euro-Job. Der Lohn ist eine Art Motivationsprämie und reicht nicht aus, um „sich mal was kaufen zu können“, sagt Volker Lang. Zusätzlich zu seinem Lohn bleiben ihm von seinem Hartz-IV-Satz nach Abzug der Fixkosten monatlich 125 Euro. Geld, um mal in den Urlaub fahren zu können, hatte er noch nie in seinem Leben. Deshalb wünscht er sich sehnlichst, wenigstens irgendwann innerhalb von Deutschland verreisen zu können.

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Wie Volker Langs geht es vielen Menschen. Sich aus der Armut zu befreien, ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten immer schwerer geworden. Besonders gefährdet sind Alleinerziehende, Rentnerinnen und Menschen mit Migrationshintergrund. Und Armut vererbt sich: „Aus armen Kindern werden in der Regel keine wohlhabenden Menschen. Sie bleiben häufig arm“, sagt Wolfgang Sartorius, Geschäftsführer der Erlacher Höhe.

Außerdem ist Armut bei Frauen und Kindern in Deutschland kaum sichtbar. Sie leiden oft im Stillen. Armut bedeutet nicht nur einen Mangel an Geld, sondern auch weniger Bildungsmöglichkeiten, schlechte Wohnverhältnisse und fehlender Zugang zu Digitalisierung.

Hartz IV reicht nicht aus

Die 446 Euro Hartz IV im Monat reichen laut Sartorius nicht für einen würdigen Lebensstandard aus. Die Erlacher Höhe schließt sich daher den Forderungen der Diakonie Deutschland für ein pauschales und sanktionsfreies Existenzgeld von 1100 Euro pro Monat an. Außerdem solle das Hartz-System grundsätzlich reformiert werden. Anträge seien unverständlich formuliert und die Hürden einfach zu hoch.

Trotz des guten Sozialsystems in Deutschland fallen Menschen durchs Raster. Foto: unsplash/ thomas de luzeTrotz des guten Sozialsystems in Deutschland fallen Menschen durchs Raster. Foto: unsplash/ thomas de luze

Viele Menschen haben es geschafft, von der Erlacher Höhe in ein selbstständiges Leben zu wechseln. Ein Hindernis ist jedoch häufig der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Diesen gibt es meist nur in ländlicheren Gegenden, in denen die soziale Einbindung in die Nachbarschaft jedoch schwieriger wird.

Peter Brandt, der eigentlich anders heißt, ist 34 Jahre alt und lebt seit drei Jahren in einem Wohnheim der Erlacher Höhe. Er war drogenabhängig. Zwei Jahre lebte er auf der Straße. Während dieser Zeit hat er durch nicht bezahlte Krankenkassenbeiträge 62 000 Euro Schulden angehäuft. Deshalb musste er Privatinsolvenz anmelden. Auf 152 Wohnungen hat er sich bereits beworben und immer Absagen bekommen. „Es ist eigentlich unmöglich, eine Wohnung zu finden, sobald man einen Schufa-Eintrag hat oder in der Privatinsolvenz ist“, sagt Peter Brandt. Anton Heiser, Abteilungsleiter der Ambulanten Hilfe auf der Erlacher Höhe, bestätigt das.

Geschäftsführer Wolfgang Sartorius sagt: „Wohnen ist Menschenrecht. Wer keine Wohnung hat, kann seine menschlichen Bedürfnisse und letztendlich seine Menschenrechte nicht verwirklichen. Den Teufelskreis, dass keine Wohnung keine Arbeit bedeutet und keine Arbeit letztlich keine Wohnung heißt, hat die Erlacher Höhe schon oft erlebt.“ Trotz des guten Sozialsystems in Deutschland fallen immer noch viele Menschen durch das Raster. Sein Fazit: „Armut in einem armen Land ist ein Problem des Mangels. Armut in einem reichen Land ist ein Problem des Mangels an Gerechtigkeit.“

◼ Informationen zur Erlacher Höhe unter www.erlacher-hoehe.de

Armut in der Corona-Pandemie

Trotz dringenden Bedarfs konnten viele Menschen zu Beginn der Pandemie nicht stationär auf der Erlacher Höhe aufgenommen werden. Für die Bewohner waren die Kontaktbeschränkungen ein schwerer Einschnitt, da viele ohnehin schon starke Abbrüche zu ihren Familien erlebt haben. Außerdem stellen die steigenden Lebensmittelpreise Menschen in Armut vor große Herausforderungen. Während des Lockdowns waren Tafelläden und Soziale Warenhäuser geschlossen, auf die von Armut betroffene Menschen angewiesen sind. Auch fehlt vielen der Zugang zu notwendigen digitalen Endgeräten, um an der Gesellschaft teilhaben zu können.