Christliche Themen für jede Altersgruppe

Auf der Honda zum Gottesdienst

FORCHTENBERG (Dekanat Öhringen) – Es sieht zunächst wie ein gewöhnliches Biker-Treffen aus. Aber wenn sich einmal im Monat Hunderte von Motorradfahrern auf dem Trautenhof versammeln, dann besuchen sie einen Gottesdienst mit Predigt und geistlichen Liedern. Veranstalter Werner Berr hofft, damit auch Leute zu erreichen, die nur selten in die Kirche gehen. 


Nach dem Gottesdienst machen sich die Biker bereit für den Heimweg. (Foto: Frank Lutz)

Wohin Joachim Mößner an diesem Sonntagvormittag fährt, ist nicht leicht zu erraten. Auf seiner eleganten Honda F6 kurvt der 55-Jährige aus Ruppertshofen bei Schwäbisch Gmünd die Landstraßen entlang. Bergauf und bergab geht es durch Dörfer, goldgelbe Kornfelder und kleine Waldstücke.

Ist die Strecke frei, gibt Mößner Gas. Dann bläst ihm der Fahrtwind um die Ohren und bietet etwas Abkühlung von der sengenden Hitze. Auf den letzten Kilometern tauchen immer mehr Motorradfahrer auf, die das gleiche Ziel zu haben scheinen. Und dann ist Mößner angekommen, wo er hinmöchte: auf dem Trautenhof bei Forchtenberg.

Es sind Menschen wie Mößner, die Werner Berr ansprechen möchte: ganz normale, bodenständige Frauen und Männer, die gerne Motorrad fahren. Und die für den christlichen Glauben offen sind. Berr organisiert die Motorradgottesdienste auf dem Trautenhof, wie auch an diesem Tag. Der heute 67-Jährige aus dem fränkischen Kaubenheim hat die Veranstaltungen 1979 mit fünf Mitstreitern begründet. Bis heute gibt es von Mai bis Oktober an jedem ersten Sonntag im Monat einen Gottesdienst. Inzwischen läuft die Organisation über den christlichen Verein Elops, den Berr vor 46 Jahren mitbegründet hat.

Bei gutem Wetter kommen bis zu 1500 Menschen aus einem Umkreis von 150 Kilometern auf den Trautenhof. Berr staunt immer wieder, wie gut das Angebot angenommen wird: „Kein Mensch wusste damals, dass es das in 36 Jahren noch geben würde. Ich kann Gott nur dafür danken, was daraus geworden ist.“

Auch an diesem Sonntag sind die Parkplätze neben der Hauptstraße schon eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn voller Motorräder. Auf dem Platz vor der großen Scheune versammeln sich die Menschen, plaudern miteinander und stärken sich mit Brezeln und Kaffee. In der etwas kühleren Scheune sitzen die Leute dichtgedrängt auf Bänken vor einer Bühne. Viele von ihnen tragen Motorradanzüge, Lederjacken oder T-Shirts mit Motorradclub-Emblemen. Nur die schlichten Holzkreuze an den Wänden deuten auf den christlichen Hintergrund der Veranstaltung hin.

Dann betritt eine Band die Bühne und legt sofort los. Der hochgewachsene Mann mit dem Mikrofon in der Hand singt Lieder, die von Gottes Liebe zu den Menschen und von Jesu Leid auf Erden handeln, aber auch von Außenseitern in der heutigen Gesellschaft. Es ist Christoph Zehendner – Journalist, Theologe, Liedermacher und Mitarbeiter der evangelischen Christusträger-Bruderschaft im Kloster Triefen­stein am Main.

Berr und sein Team haben ihn an diesem Tag eingeladen, den Gottesdienst zu gestalten. Wie immer wurde der Gast vorher geheim gehalten, denn schließlich sollen die Leute wegen des Gottesdienstes kommen und nicht, um einen bestimmten Prediger oder Musiker zu erleben.

Immer noch betreten Neuankömmlinge die Scheune. Vor dem Eingang stehen Dutzende, die keinen Platz ergattern konnten. Lange Zeit geht es zu wie auf einem Konzert: Die Besucher klatschen mit, werden von Zehendner zum Mitsingen animiert und spenden großzügig Beifall. Zwischendurch geht die Kollekte um, die an diesem Tag für eine Krankenstation der Christusträger-Bruderschaft im Kongo bestimmt ist und passenderweise in Motorradhelmen eingesammelt wird.

Dann beginnt Zehendner seine Predigt: Er zählt scheinbar harmlose Alltagsbegebenheiten auf, in denen ganz normale Menschen sich gegenseitig betrügen, und lässt die Besucher seine Schilderungen mit einem gleichgültigen „Das machen doch alle“ kommentieren. Schummeln bei der Steuererklärung? Das Auto auf den Behindertenparkplatz stellen? Die Putzfrau illegal beschäftigen? Stets wiederholen die Anwesenden den gleichen Satz.

Doch Zehendner will auf das Gegenteil hinaus: „?,Das machen doch alle‘ zum Lebensprinzip zu machen, das ist problematisch. Das endet dort, wo andere Menschen Schaden haben durch mein Verhalten.“ Der Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen Fehlern hält er die Goldene Regel aus der Bergpredigt entgegen: „Es ist ein beeindruckender, herausfordernder Lebensstil, zu dem Jesus einlädt. Ich wünsche euch, dass ihr lernt zu sagen: Das machen doch alle – ich nicht.“

Vielleicht sind es diese leicht verständlichen Botschaften und die aus dem Leben gegriffenen Beispiele, welche die Motorradgottesdienste so beliebt machen. Vielleicht aber auch das gesellige Beisammensein mit Gleichgesinnten und die Livemusik.

Christoph Zehendner jedenfalls ist begeistert: „Selbst an so einem heißen Tag kommen 800 Leute oder mehr. Das ist unglaublich.“ Der 54-Jährige ist mit den Jahren ein Stammgast auf dem Trautenhof geworden und freut sich immer wieder über die „schöne Breite an unterschiedlichen Persönlichkeiten“, auf die er trifft. Diese sei selten bei anderen christlichen Veranstaltungen: „Ich würde wetten, dass viele Leute, die hierherkommen, nur an Weihnachten, Ostern oder zur Konfirmation ihres Kindes in die Kirche gehen.“

Genau diese Menschen liegen auch Organisator Berr besonders am Herzen: „Wir sind kein Gemeindeersatz und wollen es auch nicht sein“, sagt er. „Aber ich habe die Hoffnung, dass wir auch Leute ansprechen, die noch keinen Zugang zur christlichen Gemeinschaft haben. Denn ich denke, dass jeder Mensch Sehnsucht nach Gott hat.“

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