Christliche Themen für jede Altersgruppe

Aufbruch statt Abbruch

CRAILSHEIM – Weil sich die Crailsheimer von keinem ihrer Kirchengebäude trennen wollten, obwohl das von der württembergischen Landeskirche so vorgesehen ist, bauen sie jetzt die Paul-Gerhardt-Kirche zum Familienzentrum um. „Für ein solches Schmuckstück lohnt es sich zu kämpfen“, sagt der Vorsitzende der Bezirkssynode, Konrad Wetzel. Von Ute Bartels

Sakristei der Paul-Gerhardt-Kirche: Fünf Menschen beugen sich über Farbmuster von Gelb bis Schwarz. Was sie zu entscheiden haben, ist knifflig: Sie müssen einen Bodenbelag aussuchen, der sich für einen Kirchenraum und für einen Kindergarten gleichermaßen eignet. Der Hintergrund: Die evangelische Kirche verkleinert sich derzeit. Es werden Pfarrstellen gekürzt, Pfarrhäuser und Kirchen verkauft. Auch die Crailsheimer Protestanten sollen sich von einer ihrer Kirchen trennen, beschied die Kirchenleitung in Stuttgart. Die Wahl fiel auf die jüngste der Kirchen: die Paul-Gerhardt-Kirche auf dem Roten Buck, die erst 1989 eingeweiht wurde. Die Entscheidung war schmerzhaft. Auch deshalb, weil das Kirchengebäude mit viel Engagement und Eigenleistung entstanden war. Doch nicht nur Konrad Wetzel war der Ansicht: „Einfach eine Kirche aufgeben, das will doch niemand.“ So entstand in Crailsheim eine besondere Idee: Der evangelische Paul-Gerhardt-Kindergarten wird aus dem Gebäude ausziehen, das er derzeit noch von der Stadt mietet, und in die Paul-Gerhardt-Kirche einziehen. „Das scheint uns eine perfekte Umnutzung zu sein“, sagt die Crailsheimer Dekanin Friederike Wagner. „Weil die Stadt sich an den Kosten für den Kindergarten beteiligt, ist auch die Finanzierung langfristig gesichert.“ Den Umbau müssen die Crailsheimer alleine stemmen, denn der Oberkirchenrat beschied einen Antrag auf Förderung aus dem Ausgleichstock abschlägig. Konrad Wetzel zeigt sich enttäuscht darüber, „dass unsere tolle Idee nicht anerkannt wird“. Zumal es unwirtschaftlich sei, ein eigenes Gebäude, wie hier die Kirche, zu verkaufen, um jahrelang Miete für ein fremdes Gebäude – den Kindergarten – zu bezahlen. Deshalb bedaure er zwar, dass die Kirchenverwaltung den Umbau nicht unterstützt. „Aber wir gehen jetzt halt einen Crailsheimer Weg.“ Aus diesem Grund stehen die fünf Menschen in der Sakristei der Paul-Gerhardt-Kirche und wählen die Bodenfarben für den neuen Bewegungsraum aus. Denn bislang kündet der Kirchenraum mit seinen dunkelbraunen Bodenfliesen von der Bauzeit in den 1980ern – zu hart und zu dunkel für einen Kindergarten. Ein helles Beige soll es künftig werden, eine Farbe, die gut zur Orgel passt. Die bekommt zum Schutz vor den herumfliegenden Bällen, die die Kinder wochentags werfen, eine mobile Trennwand. Sonntags wird diese dann weggerollt, umgedreht und ist gleichzeitig das Regal für die Gesangbücher – eine Idee, auf die alle stolz sind. Überhaupt ist beim Ortstermin viel Lust auf Zusammenarbeit, viel Freude am Neuen und viel Aufbruchsstimmung zu spüren. Denn mittlerweile nehmen die Pläne Gestalt an. Der Boden im Kirchenraum liegt, er ist hell und freundlich, die ehemaligen Gruppenräume sind in Kindergartenräume verwandelt worden. Mittlerweile ist auch die Sakristei zum Büroraum umgewidmet worden. Einen Schrank und ein Eckchen für den Pfarrer wird es dort aber weiterhin geben. „Jeden Sonntag soll hier ein Angebot für Familien stattfinden“, erklärt Dekanin Wagner. „Entweder ein Familiengottesdienst, ein Kindergottesdienst oder was auch immer.“ Für das „was auch immer“ wird ein neuer Pfarrer zuständig sein, der das Projekt mit Leben erfüllt. „Die Familienkirche soll ja auch in den Stadtteil wirken.“