Christliche Themen für jede Altersgruppe

Begegnung mit jungen Juden

STUTTGART/BESIGHEIM – „Grenzen überwinden“ wollten die Schüler des Besigheimer Christoph-Schrempf-Gymnasiums bei ihren Projekttagen. Ein Teil davon war interreligiösen Begegnungen gewidmet. Dazu gehörten auch ein Besuch der Stuttgarter Synagoge und ein Zusammentreffen mit jüdischen Jugendlichen, die aus ihrem  Lebens- und  Glaubensalltag erzählten.


In der Synagoge: Die Jugendlichen diskutierten unbefangen miteinander. (Foto: factum)

Max, Yannick, Benjamin und die anderen vier Jungs haben schon ein ordentliches Besuchsprogramm absolviert. Gestern stand eine Besichtigung der Moschee in Stuttgart-Feuerbach auf dem Programm und gerade eben eine Führung durch die Synagoge im Hospitalviertel. Jetzt warten die Projektteilnehmer etwas müde, aber doch auch sehr gespannt auf ihre nächsten Gesprächspartner, nämlich auf zwei Jugendliche, die ihnen etwas über jüdischen Glauben, Feste und ihren Alltag erzählen sollen. Als der 17-jährige Ari und die gleichaltrige Sharon eintreffen, gibt es noch ein gemeinsames Foto im Herzstück der Synagoge und dann kann die Fragerunde beginnen.

Yannick will von den beiden wissen, wie das eigentlich mit dem koscheren Essen aussieht und vor allem: „Haltet ihr euch konsequent an die Vorschriften?“ Während Ari berichtet, dass er zwar Milch und Fleisch trennt und kein Schweinefleisch isst, aber zwischendurch gern mal einen Hamburger mit Hähnchenfleisch verzehrt, gehört für Sharon koscheres Essen selbstverständlich zum Alltag dazu: „Bei uns zu Hause wird koscher gegessen. Ich bin damit groß geworden.“

Von den Mahlzeiten leitet die Pforzheimer Schülerin auf die entsprechende Nachfrage gleich auf die religiösen Bräuche am Sabbat über, der bei Menschen jüdischen Glaubens am Freitagabend beginnt und am Samstagabend bei Sonnenuntergang endet. „Beim Sabbatessen betet mein Vater zuerst über Wein und Brot und dann essen wir gemeinsam. Am nächsten Morgen gehen wir zusammen in die Pforzheimer Synagoge, wo der Gottesdienst oft drei Stunden lang dauert.“

Da geht ein Raunen durch den Raum und leise murmelt einer: „Da bin ich ja froh, dass es bei uns in der Kirche nicht so lange geht.“ Obwohl sich die Gymnasiasten aus Besigheim in ihren Projekttagen neben dem Islam auch intensiv mit der jüdischen Religion beschäftigt haben, so ist in der direkten Begegnung vieles doch überraschend. So zum Beispiel, als Ari von den freitäglichen Treffen im Jugendzentrum der jüdischen Gemeinde Mannheim erzählt, bei denen 30 jüdische junge Leute regelmäßig zusammenkommen, sich über verschiedene Themen austauschen und gelegentlich auch mal „was Spaßiges“ unternehmen, wie zum Beispiel Go-Kart fahren.

Unbefangen und kompetent geben Ari und Sharon, die in Pforzheim und Mannheim das Gymnasium besuchen, detailliert Auskunft zur Bar-Mizwa, zum Lesen aus der Tora und darüber, dass die Religion als Gesprächsthema unter Jugendlichen keine große Rolle spielt. Beide haben Kurse besucht und gehen als „jüdische Botschafter“ regelmäßig in Schulen und informieren dort Gleichaltrige über das Judentum und den Alltag jüdischer Jugendlicher. Diese Begegnungen, die zum gegenseitigen Verstehen beitragen und beim Abbau von Vorurteilen helfen sollen, werden von der Organisation „Likrad“  an der Jüdischen Hochschule in Heidelberg betreut. Das hebräische Wort der Organisation ist gleichzeitig auch ihr Programm, denn übersetzt heißt es „Aufeinander zu“.

Die Betroffenheit unter den Schülern ist groß, als Sharon erzählt, dass in Tel Aviv, Aschkelon und anderen Städten Israels bis zu fünf Mal am Tag die Sirenen heulen und dass die Menschen  sofort in den nächsten Bunker eilen müssten. „Meine Verwandten in Israel leben gerade in großer Angst.“

Religionslehrer Klaus-Peter Adam, der zusammen mit zwei Kolleginnen die interreligiösen Projekttage betreut, wirkt ebenfalls sehr nachdenklich. Seine Schüler haben an diesem Nachmittag nicht nur in die jüdische Religion, sondern auch in den kriegerischen Konflikt im Nahen Osten einen realitätsnahen Einblick bekommen.  Er ermuntert seine Schüler dazu, den jüdischen Jugendlichen zu erzählen, was sie an ihrer christlichen Religion gut finden. Der 16-jährige Max ist katholisch und ist froh, dass es die Heiligen und Märtyrer gibt, „denn die können wir für Vieles verantwortlich machen“. Dem aufgeweckten Gymnasiasten fällt dazu auch gleich ein Zitat ein: „Oh Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andere an.“ Alle lachen und die befangene Stimmung löst sich langsam auf.