Christliche Themen für jede Altersgruppe

Braunsbach, ein Provisorium

BRAUNSBACH (Dekanat Schwäbisch Hall) – Gut zwei Monate sind vergangen seit der Hochwasserkatastrophe von Braunsbach. Erst langsam beginnt sich der Ort zu erholen. Ein Besuch bei Pfarrerin Ulrike Kern und einer siebenköpfigen Familie. 


Pfarrerin Ulrike Kern in der am schlimmsten betroffenen Orlacher Straße: Sämtliche Vorgärten und die Erdgeschosse wurden verwüstet. (Foto: Gemeindeblatt)


Am 29. Mai kurz nach 20 Uhr war der große Traum von Familie Dichtl zerstört. 17 Jahre Arbeit hatten sie in das alte Haus in der Orlacher Straße 21 in Braunsbach investiert, Stück für Stück die Räume renoviert. Dann kam das große Wasser und riss alles mit sich fort. Fast 3000 Liter Heizöl liefen im Keller aus und sickerten ins Mauerwerk ein. Ob man das historische Gebäude aus dem Jahr 1865 wieder aufbauen kann, ist noch immer fraglich.

Die Dichtls können zwischenzeitlich wieder lachen. Drei Generationen sind sie, die unter einem Dach wohnen: Norbert (52), Anja (53), Tochter Janina (21) mit Mann Tobias (24) und deren Kinder Leana (3) und Amy (6 Monate). Dazu Tochter Larissa (24). Nachdem sie mehrere Wochen verteilt gewesen waren, bei Verwandten und Arbeitskollegen unterkamen, sind sie jetzt wieder vereint.

Das Pfarrhaus im Nachbarort Geislingen am Kocher ist ihre neue Bleibe. Ein großes Gebäude, das noch immer reichlich leer wirkt, weil sie es erst nach und nach mit Möbeln füllen können. Es war mehreren Zufällen geschuldet, dass es gerade frei war: Die neue Pfarrerin Ulrike Kern brauchte es nicht und diejenigen, die es mieten wollten, waren drei Tage vor dem Hochwasser abgesprungen.

Ein Glücksfall für Familie Dichtl. „Wir sind sehr froh, dass wir das gefunden haben“, sagt Norbert Dichtl. Zu siebt war es nicht so ganz einfach, etwas zu bekommen, doch „viele haben sich für uns eingesetzt, auch der Bürgermeister“, erzählt er weiter. Jetzt wohnen sie ungefähr vier Kilometer von ihrem zerstörten Wohnhaus entfernt, können immer wieder mal dort vorbeischauen und nach dem Fortgang der Arbeiten sehen.

Wie viele Häuser ist auch das ihre entkernt worden. Überall im Ort surren die Bautrockner. Braunsbach gleicht einem Provisorium, in dem sich alle irgendwie beholfen haben: Ein mobiler Bäckerwagen ersetzt den Lebensmittelladen, ein Zelt mit Bierbänken die geschlossene Gastwirtschaft. In der am schlimmsten betroffenen Orlacher Straße, wo auch das Haus der Dichtls steht, gibt es schon wieder Asphalt. Nur von den einst prächtigen Vorgärten ist nichts mehr zu sehen.

„Die Leute haben unglaublich geschuftet“, sagt Pfarrerin Ulrike Kern, „es sieht jetzt schon richtig gut aus im Vergleich zu damals.“ Ulrike Kern ist seit Oktober 2015 für Braunsbach und Geislingen am Kocher zuständig. Sie ist Mitglied der Spendenkommission, die darüber entscheidet, wer welche Hilfen bekommt. „Das ist nicht so ganz einfach“, sagt sie. Bis Ende August können noch Anträge gestellt werden. Vor allem, wer schlecht versichert war, hat jetzt mit den Folgen zu kämpfen.

Ulrike Kern wird den ersten Gottesdienst nach der Hochwasserkatastrophe nie vergessen. Die Kirche war so voll wie sonst an Weihnachten nicht: „Alle waren dankbar, dass nichts Schlimmeres passiert ist, dass niemand gestorben ist.“ Denn das war das eigentliche Wunder von Braunsbach, das große Glück im großen Unglück: Dass keiner in den Fluten starb, dass alle noch rechtzeitig aus ihren Autos herauskamen.

Auch der Zusammenhalt nach dem Hochwasser war enorm. Jeder half jedem, alle krempelten die Ärmel hoch und packten mit an. „Braunsbach war wie eine große Familie“, erinnert sich Norbert Dichtl. Menschen, die jahrelang miteinander zerstritten waren, redeten plötzlich wieder miteinander. Andere, die noch nie miteinander gesprochen hatten, lernten sich überhaupt erst kennen.

Noch immer ist das Leben im Kochertal weit von der Normalität entfernt. Das ökumenische Gemeindefest, das schon lange geplant war, wurde erst einmal abgesagt. Es gibt gerade Dringenderes zu tun. Abgesagt wurde auch die Taufe der kleinen Amy aus dem Hause Dichtl. „Es hat gerade nicht gepasst“, sagt Mutter Janina. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. „Wir werden das bald nachholen“, sagt sie mit einem Lächeln. Die Familie ist evangelisch, nur Vater Norbert katholisch, „die Frauen haben mich überzeugt“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Unbeschadet hat die Kirche das Hochwasser überlebt. Nur wenige Meter von St. Bonifatius schoss aus einem anderen Bach das Wasser hinunter. Das alte, leerstehende Pfarrhaus von Braunsbach hat Schäden davon getragen. Zu einer allerersten Andacht hatte Ulrike Kern wenige Tage nach dem Hochwasser vor dem Gasthof zum Löwen eingeladen. „Erstaunlich, wie viele Menschen kamen, mitsangen und mitbeteten.“

Wie lange die Dichtls im Pfarrhaus in Geislingen wohnen werden, ist offen. Jetzt muss erst einmal die Entscheidung fallen, ob ihr altes Haus saniert werden kann oder doch abgerissen werden muss. Zum Glück waren sie versichert. Doch die Arbeit, die sie in das schöne alte Haus mit den großen Räumen gesteckt haben, war immens. Es macht die Vorstellung schwer, dass sie sich vielleicht doch von ihm verabschieden müssen.

„Wir werden sehen, eines nach dem anderen“, sagt Norbert Dichtl. Und dann schreit auch die kleine Amy und will gefüttert werden.