Christliche Themen für jede Altersgruppe

Führungen gegen das Vergessen

BRETTHEIM (Dekanat Blaufelden) – Geschichte ist für Sophie Walter etwas Lebendiges: Die 17-Jährige führt Gruppen durch die Erinnerungsstätte „Die Männer von Brettheim“. Besuchern zeigt sie die Hintergründe der grausamen Geschehnissen, die sich vor Ort während der Nazi-Zeit zugetragen haben. Für ihren Einsatz ist sie mit dem Jugendsonderpreis der Diakonie ausgezeichnet worden. 

Sophie Walter erzählt die Geschichte des Bauern Friedrich Hanselmann, der Hitlerjungen die Panzerfäuste weggenommen hatte. (Foto: Ralf Garmatter)

SS-Männer und Hitlerjungen haben am 10. April 1945 den Bauer Friedrich Hanselmann, den Bürgermeister Leonhard Gackstatter und den Ortsgruppenleiter Leonhard Wolfmeyer an den Friedhofslinden aufgehängt. Vier Tage lang durften die Brettheimer die Leichen nicht abnehmen. Anfang April 1945 hatten Friedrich Hanselmann und andere Dorfbewohner vier Hitlerjungen entwaffnet. Sie wollten damit verhindern, dass ihr Dorf noch im sinnlosen Kampf gegen die heranrückenden Amerikaner zerstört wird. Der Bauer Hanselmann wurde noch in der gleichen Nacht zum Tod verurteilt. Der Bürgermeister und der Ortsgruppenleiter weigerten sich, das Urteil zu unterzeichnen und wurden ebenfalls zum Tode verurteilt.

Eine Woche nach der Hinrichtung zerstörten amerikanische Panzer und Flugzeuge das Dorf, weil die SS und Gebirgsjäger Brettheim zu einem „Eckpfeiler der deutschen Verteidigung“ erklärt hatten. Innerhalb kürzester Zeit wurde Brettheim zu einem brennenden Inferno. 17 Menschen starben. 85 Prozent der Häuser wurden zerstört.

Sophie Walter ist mit den Geschehnissen vertraut. „Nur der SS-Sturmbannführer Gottschalk wurde nach dem Krieg zu drei Jahren Haft verurteilt, weil er sein Todesurteil bereits vor der Verhandlung des Standgerichts in Rothenburg angefertigt hatte“, berichtet sie. „Gegen den SS-General Simon hätte es noch einmal einen Prozess geben sollen, er ist aber vorher gestorben.“

Von ihrem Haus kann sie das Brettheimer Rathaus sehen. Dort ist die Erinnerungsstätte untergebracht. Etwa zehn Jugendgruppen hat die 17-Jährige bisher durch die Ausstellung im Dachgeschoss geführt. Darunter war eine Gruppe junger Franzosen. „Auch die Franzosen waren schockiert. Sie hatten nicht gewusst wie deutsche Soldaten mit Deutschen umgegangen sind“, sagt Sophie Walter.

Bei ihren Führungen zeigt sie auch den Ort, wo die Hitlerjungen entwaffnet wurden, das ehemalige Krankenhaus, in dem die schwangere Frau von Leonhard Wolfmeyer gelegen hatte, als ihr Mann erhängt wurde und die Gräber der getöteten Männer. „Die Jugendlichen sind sehr ergriffen von den Schicksalen“, meint Sopie Walter. Dass ihr die jungen Menschen konzentriert zuhören, führt sie darauf zurück, dass sie etwa gleich alt ist.

Erstmals intensiv mit dem Thema beschäftigt hat sich Sophie Walter für eine Präsentation im Gymnasium in Gerabronn, wo sie die elfte Klasse besucht. „Der frühere Ortsvorsteher Friedrich Braun hat mich in die Erinnerungsstätte mitgenommen und mir Bücher gegeben“, sagt sie. Die Geschichte aus ganz persönlicher Sicht hat ihr Friedrich Hanselmann junior erzählt. Er kämpfte als Soldat bei Nürnberg während zu Hause sein Vater ermordet wurde. Durch einen Zeitungsartikel habe Hanselmann es an der Front mitbekommen, erzählt Sophie Walter. Er und seine Frau sind für sie heute wie „Oma und Opa“.

Sophies Mutter erzählt, dass ihre Tochter schon als junges Mädchen „immer in die Erinnerungsstätte rein wollte“. Heute ist sie das jüngste Mitglied des Fördervereins der Erinnerungsstätte „Die Männer von Brettheim“. Dessen Vorsitzender Norman Krauß hat die Jugendliche zunächst ohne deren Wissen für den Jugenddiakoniepreis angemeldet. Umso größer war dann die Freude über den Erfolg.

Viel wichtiger ist Sophie Walter aber, dass sich Mordexzesse wie in Brettheim nicht mehr wiederholen. Deshalb will sie auch ihre Altersgenossen für geschichtliche Themen interessieren. Dass es jetzt in Deutschland „wieder Aufmärsche gegen Muslime gibt“, regt die junge Frau auf. „Was damals passiert ist, darf man nicht vergessen, das gehört zur Allgemeinbildung.“ Mit ihren Führungen hofft sie, ein wenig für Toleranz und Frieden tun zu können. Ihr Wissen will sie auch später an junge Menschen weitergeben: als Lehrerin für Geschichte und Spanisch.


Information

Die Erinnerungsstätte im Brettheimer Rathaus ist immer am ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Termine außerhalb der Öffnungszeiten unter Telefon 07958-508.