Christliche Themen für jede Altersgruppe

Händewirbeln statt Beifall

HEILBRONN – Wenn Gehörlose und Hörende aufeinander treffen, kommt es zu besonderen Begegnungen. So wie beim Gottesdienst der Gehörlosen-Gemeinde Heilbronn. Normalerweise bleiben die Gehörlosen im Gottesdienst unter sich, und es ertönt weder Glockenläuten noch Orgelmusik. Dafür gibt es ausdrucksstarke Gebärdenlieder und interaktive Predigten.

Bei Nele Kienles Taufe übersetzt Pfarrer Rainer Kittel (links) seine Worte simultan in Gebärden. (Foto: Frank Lutz)


Eine wohlige Wärme erfüllt die Kirche. Voll ist es geworden in der Georgskirche im Heilbronner Stadtteil Horkheim: Mehr als 40 Leute sitzen in den Bankreihen. Doch nur vereinzelt hört man Gespräche, umso mehr Menschen verständigen sich in hoher Geschwindigkeit mit Gesten. Niemand stört sich daran, dass das Baby in der vordersten Bankreihe kurz unruhig wird und schreit. Die meisten Kirchenbesucher bekommen das nämlich gar nicht mit: An diesem Samstagnachmittag findet ein Gottesdienst für Gehörlose statt.

Im schwarzen Talar läuft Pfarrer Rainer Kittel durch die Kirche und begrüßt die Gemeindemitglieder, fragt sie, ob sie den Weg gut gefunden haben. Die Gehörlosen-Gemeinde Heilbronn trifft sich normalerweise in der Christuskirche in der Innenstadt und ist nur wegen einer Terminüberschneidung nach Horkheim ausgewichen.

Es ist kurz vor 14 Uhr, die Glocken rufen zum Gottesdienst. Doch die meisten Anwesenden nehmen sie nicht wahr, genauso wenig wie die Orgelmusik, die wenig später ertönt. Normalerweise läuft ein Gehörlosen-Gottesdienst ganz ohne Musik und Glockengeläut ab. Das Geschehen wird von einer Powerpoint-Präsentation begleitet, damit jeder den Verlauf nachvollziehen kann.

Dass der Ablauf an diesem Tag etwas anders ist, hat einen Grund: Das Baby in der ersten Reihe, die kleine Nele Kienle aus Neckarsulm, wird getauft. Zwar sind Nele, ihre große Schwester Lenja und die beiden Eltern gehörlos, aber manche der Angehörigen sind es nicht, und sie haben sich Glockenläuten und Orgelklänge gewünscht.

Kittel eröffnet den Gottesdienst: „Herzlich willkommen zum Gottesdienst heute. Heute alle zusammen: Gehörlose, Hörende und Schwerhörige.“ Der Pfarrer spricht langsam, unterstreicht jedes Wort mit einer klaren Geste und ausdrucksstarker Mimik. „Heute Taufe von Nele Kienle aus Neckarsulm. Wir freuen uns. Familie alle gehörlos“, fährt er fort. Kittel benutzt die Grammatik der Deutschen Gebärdensprache, die der lateinischen Grammatik ähnelt. Er spricht nur die Wörter aus, die er parallel gebärdet. In der Gebärdensprache werden Füllwörter weggelassen, und oft werden ganze Satzteile in einer Gebärde zusammengefasst, denn Klarheit und Verständlichkeit sind das Wichtigste.

Entscheidend ist auch die Körpersprache: Kittel schaut freundlich, lächelt viel und bemüht sich um eine offene, aufrechte Körperhaltung. Denn er weiß, wie genau seine Gemeindemitglieder hinschauen: „Gehörlose sind Augenmenschen. Sie nehmen viel mehr wahr als wir und sind sehr feinfühlig für Stimmungen.“

Rainer Kittel ist Pfarrer von Horkheim und kümmert sich seit September 2013 ehrenamtlich um die gehörlosen Christen in Stadt- und Landkreis Heilbronn. Als offizieller Gehörlosen-Seelsorger hält der 52-Jährige, der die Gebärdensprache in mehreren Kursen erlernt hat, jeden Monat den Gottesdienst und unterstützt die Gemeindemitglieder als Dolmetscher bei kirchlichen Angelegenheiten wie Beerdigungen oder Konfirmanden-Elternabenden.

Manchmal wird er auch einfach darum gebeten, einen Anruf zu tätigen. Oft geht es dabei um scheinbar banale Dinge wie eine Zeitungsanzeige zum Brennholzverkauf, bei der nur die Telefonnummer angegeben ist, mit der allein ein Gehörloser nicht viel anfangen kann. Und natürlich kümmert sich Kittel auch um die privaten Probleme seiner Gemeindemitglieder. Die Sorgen – Konflikte mit Familienmitgliedern oder finanzielle Schwierigkeiten etwa – seien zwar dieselben wie bei Hörenden. Trotzdem sei der seelsorgerliche Bedarf oft höher: „Sie können ihr Herz nicht im Gespräch ausschütten. Deshalb ist es wichtig, dass sie jemanden haben, der sie versteht, wie sie sind.“

Da das Einzugsgebiet der Gemeinde von Brackenheim bis Neuenstadt und Weinsberg reicht, muss Kittel oft weite Strecken zurücklegen. Eines bedauert er: „Ich habe zu wenig Zeit für die Arbeit mit Gehörlosen. In der Advents- und Weihnachtszeit etwa komme ich kaum dazu, sie zu besuchen.“

An diesem Tag wird Kittel von seiner Frau Carola unterstützt. Sie liest die Gebete vor und hält die Predigt, die er vorbereitet hat, er übersetzt die zentralen Wörter in Gebärdensprache und flüstert sie mit. Der Christbaum ist Thema der Predigt, und Rainer Kittel hat ein kleines Exemplar im Topf mitgebracht. Er stellt die Pflanze auf den Altar.

Währenddessen kommuniziert seine Frau lebhaft mit der Gemeinde: „Ist das wirklich ein Christbaum? Nein, da fehlt doch was“, sagt sie. Noch ehe sie weiterreden kann, ruft jemand „Schmuck“ aus den Bankreihen. Das ist das Stichwort für Rainer Kittel: Er holt drei rote Kerzen hervor, zündet sie an und steckt sie auf die Zweige. „Die Kerzen sind ein Symbol für Jesus: Er schenkt dir Trost. Er macht dein Leben heller“, erklärt Carola Kittel. Und genau in dieser Art setzt sich die Arbeitsteilung fort: Rainer Kittel steckt noch Sterne und Kugeln an den Baum, seine Frau erklärt, dass der Stern Christi Gegenwart symbolisiert und die Kugeln daran erinnern, wie wertvoll er für das Leben der Christen ist.

Besonders viel Bewegung entsteht bei den Gebärdenliedern. Zu diesen gibt es zwar manchmal eine Melodie, die Gesten, die den Text darstellen, sind aber wichtiger. Wieder sind die Sätze recht einfach gehalten: „Wo die Liebe wohnt und Güte, wo die Liebe wohnt, da ist unser Gott“, lautet der komplette Text eines Liedes. Die schlichten Worte fassen die Gemeindemitglieder in ausdrucksstarke Gesten. Auch das Glaubensbekenntnis stellen sie auf diese Weise dar.

Und dann kommt Neles großer Moment: Ihre Familie wird ans Taufbecken gebeten. Der Ablauf der Taufe ist der Gleiche wie bei hörenden Kindern, nur dass Pfarrer Kittel erneut jedes Wort in Gebärdensprache übersetzt. Groß ist die Freude, als Kittel anschließend das neue Gemeindemitglied durch die Kirche trägt und alle Anwesenden einen Blick auf Nele in ihrem weißen Taufkleid werfen dürfen. Sie winken dem Baby zu, fotografieren es, erheben schließlich ihre Hände und wirbeln mit ihnen – auf diese Weise klatschen gehörlose Menschen Beifall.

Anschließend wird noch das „Vaterunser“ mit Gebärden dargestellt, bevor der Gottesdienst mit „Stille Nacht“ ausklingt. Es ist ein rührender Abschluss – besonders der Moment, als die Gottesdienstbesucher ihren Kopf auf die zusammengefalteten Hände legen und damit das „Schlafen in himmlischer Ruh‘“ darstellen. Es scheint, dass genau diese Ruhe die ganze Kirche erfüllt und die Herzen der Anwesenden erfasst. 

Die Begegnung von Gehörlosen, Hörenden und Schwerhörigen gefällt auch Gemeindemitglied Kurt Erb: „Ich mag das, wenn Hörende und Gehörlose zusammenkommen. Wir haben auch hörende Nachbarn.“ Im Gegensatz zu anderen Gemeindemitgliedern kann der 69-jährige Oberstenfelder zwar sprechen, trotzdem ist er auf Kittel als Dolmetscher angewiesen, wenn ihm jemand gesprochene Fragen stellt.

Bereitwillig berichtet der große, kräftige Mann mit dem herzlichen Lächeln von seinem früheren Berufsleben als Gärtner, von seiner Frau, die nach jahrelanger Ehe verstarb, und von seiner neuen Freundin, die er an der Gehörlosenschule kennengelernt hat. Seit Jahren lässt sich Erb keinen Gehörlosen-Gottesdienst entgehen: „Ich kann Gott hier besser verstehen. Dadurch wird mein Glaube gestärkt.“


Information

Normalerweise findet der Gehörlosengottesdienst am dritten Sonntag im Monat ab 14.30 Uhr in der Christuskirche, Südstraße 116, in Heilbronn statt. Die kommenden Termine sind 18. Januar und 15. Februar. Nach dem Gottesdienst gibt es ein gemütliches Beisammensein beim Gehörlosenverein im Gemeindehaus, Südstraße 118. Gehörlosenseelsorger Rainer Kittel ist unter Telefon 07131-253818 und 0170-8757429, der Faxnummer 07131-506696 und der E-Mail Rainer.Kittel@elkw.de erreichbar. Weitere Informationen im Internet: www.gehoerlosenseelsorge-wuerttemberg.de/heilbronn.html


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