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Klingende Geschichte

INGERSHEIM (Dekanat Crailsheim) –  Die Glocke von Ingersheim wird in diesem Jahr 450 Jahre alt. Wenn sie erzählen könnte, würde sie von tiefen schlesischen Wäldern berichten, von Bombennächten und einer neuen Heimat. Und vielleicht von vorsichtigen Kontakten in jüngster Zeit. Denn in der Glocke spiegelt sich die Geschichte Mitteleuropas. 


Die "Glocke Ost" aus Ingersheim überrascht durch ihre gedrungene Form und teils seitenverkehrte Buchstaben. Sie stammt aus Oberschlesien. (Foto: Ute Bartels)

Die Wiege, oder besser gesagt die Mulde der Glocke, stand im südlichen Polen, das damals, 1566, habsburgisch war. Bis zum Zweiten Weltkrieg hing die Glocke in einer  Holzkirche in Erlenbusch, heute Olschowa/Olszowa. Dort läutete sie über viele Machtwechsel hinweg. Selbst der Erste Weltkrieg ging unbeschadet an ihr vorüber. Doch als die NS-Rüstungsindustrie Metall brauchte, traf es auch sie. Zehntausende, wahrscheinlich sogar hunderttausende Glocken wurden damals im Deutschen Reich eingezogen.

Wie genau die Erlenbuscher Glocke in einem der berüchtigten Glockenfriedhöfe im Hamburger Hafen landete, ist ungewiss. Doch dort wurde sie registriert und klassifiziert, die Nazis waren schließlich Bürokraten. Sie ließen die kulturgeschichtlich weniger bedeutenden Glocken gleich einschmelzen und bewahrten die wertvolleren auf – wie auch die aus dem schlesischen Erlenbusch.

Und da standen die Glocken nun, aufgestapelt wie die Fingerhüte, berichtet Norbert Jung aus Heilbronn. Er ist ehemaliger Realschulleiter, Historiker und, wenn man so will, Glockendetektiv. Denn wenn er eine ungewöhnliche Glocke findet, ruht er nicht, bis er deren Schicksal ergründet hat.

Auf das Erlenbuscher Geläut ist er bei  der Suche nach einer Glocke gekommen, die in Heilbronn gegossen und nach Ingersheim geliefert worden sein soll. Doch in dem alten Dörflein an der Furt über die Jagst, hing sie nicht. Das ist freilich kein Wunder, denn von den drei Ingersheimer Glocken wurden zwei schon im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen. Die dritte und zwei inzwischen neu gegossene folgten 1941.

Doch in Ingersheim hing zu Jungs Überraschung eine andere alte Glocke. Nicht groß, nur 66 Zentimeter Durchmesser, mit auffällig gedrungener Form. Eine Jahreszahl, 1566, steht mit lateinischen Ziffern darauf. Ein Dankesspruch, „Ave Gracia Plena“ zeigt Buchstaben, die teilweise seitenverkehrt sind. Jungs Neugier war geweckt.

Puzzlestein um Puzzlestein setzte er zusammen und entdeckte die Glocke in einer Liste des Hamburger Glockenfriedhofs. Damit hat sie die Lagerung und auch die Bombardierung der Engländer offenbar unbeschadet überstanden. Von den wohl 100.000 Glocken schaffte das gerade mal ein Zehntel.

Nach dem Krieg wurde das Geläut an glockenlose Gemeinden verteilt. Doch warum kam die Glocke nicht nach Polen zurück? „Das ist kein Wunder“, sagt Historiker Jung. Erstens waren nun in Polen die Kommunisten an die Macht und die hatten wenig Interesse an Kirchenglocken. Und zweitens sei die Rechtslage „glasklar“, sagt Jung. „Die Glocken gehörten damals zum Deutschen Reich, die Bundesrepublik ist ihr Rechtsnachfolger. Sie kann mit den Glocken machen, was sie will.“

So erschien Anfang der 1950er-Jahre die Glocke aus dem katholischen Olschowa im evangelischen Ingersheim und läutet seither an der Jagst. Doch die Geschichte geht noch weiter.

2006 erschien ein Artikel über die Herkunft der Glocke in der Zeitung und dieser landete im Internet. Eines Tages googelte ein Internet-User in Olschowa den Namen seines Heimatorts und stieß darauf. Schnell machte der „Fund“ der verschollen geglaubten Glocke die Runde – just, als die bis dahin stumme Schrotholzkirche in Olschowa zwei neue Glocken gespendet bekommen hatte.

Die Kirchengemeinde in Olschowa setzte sich mit Norbert Jung in Verbindung: Sie würde sich freuen, wenn sie Fotos und ein Tondokument ihrer alten Glocke erhalten könnte. Das würde sie zur Segnung der neuen Glocken vorspielen. „Das haben wir natürlich gerne gemacht“, berichtet Werner Mack vom Ingersheimer Kirchengemeinderat. „Wir sind an einem Samstag hin, haben die Glocke läuten lassen und haben gefilmt und fotografiert.“

Ein rührendes Danke-Schreiben kam zurück. Und mehr noch: Als Werner und seine Frau Gerlinde Mack in Polen im Urlaub waren, besuchten sie die alte Schrotholzkirche.

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