Christliche Themen für jede Altersgruppe

Menschenliebe gegen Sucht

HEILBRONN – Als ihr Mann seine Alkoholsucht überwunden hatte, änderte sich auch Erika Köpsels ­Leben: Das Heilbronner Ehepaar gründete eine Selbsthilfegruppe für alkoholkranke Menschen und ihre ­Angehörigen. Mehr als 40 Jahre währt Erika Köpsels Engagement nun. 

Erika Köpsel engagiert sich für Suchtkranke – und entspannt am liebsten bei Handarbeiten. (Foto: Frank Lutz)

Niemals wird Erika Köpsel die einsamen Nächte vergessen, in denen sie wach lag, vergeblich auf ihren Mann wartete und Gott anflehte: „Wenn du da bist, hilf mir.“ Gott ließ sie nicht im Stich: Es war am 7. Januar 1974, als ihr seit Jahren alkoholabhängiger Mann Manfred versprach, nie wieder zu trinken. Er sollte Wort halten: Bis zu seinem Tod vor sieben Jahren hat Manfred Köpsel keinen Alkohol mehr angerührt.

Mehr als 40 Jahre sind vergangen, seit Erika Köpsels Mann seine Sucht besiegt hat. „Uns hat der Herr den Weg gezeigt“, ist sich die Heilbronnerin, heute 75 Jahre alt, sicher. Die von den Köpsels damals in Heilbronn gegründete Selbsthilfegruppe ist längst in der ganzen Region als Anlaufstelle für alkoholkranke Menschen bekannt. Für ihr ehrenamtliches Engagement hat Erika Köpsel die Johannes-Brenz-Medaille der Landeskirche erhalten.

Ihre Begeisterung und ihre Leidenschaft hat sie sich in all den Jahren bewahrt: Mit leuchtenden Augen und lebhafter Gestik berichtet sie von den verschiedenen Menschen, die in die Köpsel-Gruppe kamen, denen sie helfen konnte und von denen ihr viele seitdem in inniger Freundschaft verbunden sind. „Sie glauben gar nicht, wie wichtig diese Gruppe ist, wie wir uns alle gegenseitig tragen“, sagt sie. Doch wie nahm Erika Köpsels Engagement seinen Anfang?  

Am Tag nach seinem Versprechen begann Manfred Köpsel eine Entziehungskur in Burgwald bei Darmstadt. Erika Köpsel erinnert sich noch genau an ihren ersten Besuch: „Er hat meine Hand genommen und wir sind in die Kapelle rein.“ Dort legte Manfred Köpsel ein Gelübde ab: Er versprach, sich nach seiner Genesung für Suchtkranke einzusetzen.

Und wieder hielt er Wort: Bald nach seiner Entlassung begann Manfred Köpsel eine Ausbildung zum Suchtberater. Noch 1974 begründete er mit seiner Frau und in Zusammenarbeit mit der Suchtberatungsstelle der Diakonie die Köpsel-Gruppe für Alkoholiker und ihre Angehörigen. Erika Köpsel ließ sich ebenfalls zur Suchtberaterin ausbilden und machte 1983 ihre eigene Gruppe auf, die bis heute besteht.

Stets beginnen die wöchentlichen Gruppentreffen mit einer Losung aus der Bibel, bevor jeder Teilnehmer erzählen darf, was ihn besonders bedrückt. Am Ende steht ein gemeinsames Gebet. Wichtig ist Köpsel, auch neue Teilnehmer spüren zu lassen, dass sie willkommen sind: „Auch wenn jemand stinkt, gehe ich auf ihn zu, gebe ihm die Hand und frage, wie er hergekommen ist.“

Wem es besser geht, der übernimmt bald Aufgaben innerhalb der Gruppe, kontrolliert etwa die Finanzen oder schreibt Geburtstagskarten für die anderen Teilnehmer. Bereits 1981 richtete Erika Köpsel auch eine Bastel- und Freizeitgruppe für Suchtkranke und ihre Angehörigen ein, in der sie bis heute ihr liebstes Hobby, die Handarbeit, mit ihrem ehrenamtlichen Einsatz verbindet.  

Hinter Köpsels Engagement steht ihr unerschütterlicher Idealismus: „Gott hat allen Menschen etwas Gutes gegeben“, sagt sie überzeugt. Empathie und Menschenliebe treiben sie an. Und Erika Köpsel genießt die Bestätigung, die sie zurückbekommt, braucht sie wohl auch ein Stück weit. Doch ihre Geduld und Hingabe haben Grenzen: Lügen könne sie nicht ausstehen, sagt sie, nachdem ihr Mann sie während seiner Sucht so oft belogen habe. Auch auf gute Manieren legt sie großen Wert: Wenn jemand bei den Gruppentreffen arrogant und überheblich auftritt oder den Ablauf stört, kann es schon einmal passieren, dass sie ihn nach Hause schickt.

Sie selbst stammt aus einem sehr sozial eingestellten Elternhaus, das sie über schwere Erfahrungen wie die Vertreibung aus ihrer ursprünglichen Heimat im Sudetenland und später die Flucht aus der DDR mit ihrer Familie hinweggetröstet hat. Auch einen feinen Sinn für Ästhetik haben die Eltern ihr mitgegeben: Adrett gekleidete Porzellanpuppen sitzen auf dem liebevoll mit roten und weißen Kissen geschmückten Sofa in ihrem Wohnzimmer. An den Wänden hängen großformatige gestickte Gobelins, die Szenen aus dem Leben barocker Adliger darstellen.

Die Puppen und die Gobelins hat Köpsel selbst angefertigt. Nach wie vor kann sie bei ihren Handarbeiten am besten abschalten. Wenn dann noch Sohn Thomas mit der Schwiegertochter und den beiden Enkeln zu Besuch kommt, ist ihr Glück vollkommen. „Ich habe viel Schlimmes hinter mir“, sagt sie. „Doch heute bekomme ich den Segen zurück. Es gibt so viele wahre Freundschaften in meinem Leben – ich bin so reich.“ 

 

Die Gesprächsgruppe trifft sich immer freitags von 19 bis 20.30 Uhr; die Bastel- und Freizeitgruppe montags von 15 bis 17 Uhr beim Diakonischen Werk, Schellengasse 7-9, in Heilbronn. Informationen unter Telefon 07131-96440,  E-Mail: info@diakonie-heil bronn.de