Christliche Themen für jede Altersgruppe

Stilles Vergnügen im Tal der Jagst

DÖRZBACH (Dekanat Künzelsau) – Auf Pfaden der Stille kann man das Mittlere Jagsttal entdecken. Wer sich dort in aller Ruhe auf den Weg macht, kann viele viele bezaubernde Momente erleben. Ein Beispiel aus Dörzbach.


Unterwegs auf dem Pfad der Stille mit ihrem Erfinder Franz Jakob (links) zu  alten Kapellen wie der in St. Wendel oder mächtigen Baumriesen. Für Gruppen ist das Schweigen ein besonderes Erlebnis. (Fotos: Claudia Burkert-Ankenbrand)

Der Sommer liegt über dem Jagsttal. Der Pfad der Stille bei Dörzbach führt an sehr alte und geheimnisvolle Orte, zu stummen Zeugen der Vergangenheit und unter steinerne Brückengewölbe, wo das Reich der Stille zu entdecken ist. Gestartet wird an der evangelischen Dreifaltigkeitskirche. In die Kühle der Kirche eintauchen, abschalten, zur Ruhe kommen, ist der erste Schritt in die richtige Richtung.

Ein Blick in die Broschüre und auf das grüne Hinweisschild am Marktplatz, und man weiß, wo es zum Pfad der Stille geht. Das Schloss der Familie von Eyb flankiert den Weg. Schlank und weitgespannt sind die Bögen der Jagstbrücke, auf der die Straße von Dörzbach nach Meßbach und über den Fluß führt. Vier Stunden Fußweg bieten Zeit zum Atemholen und Stillwerden.

„Auf dem Pfad der Stille zu hetzen, wäre das Schlimmste”, sagt Franz Jakob. Er hatte nach einem Workshop und Pilgerwanderungen die Idee für den Pfad der Stille, der sich in vier Einzelwege aufteilt. Sein Konzept schlug er den Kirchengemeinden und Bürgermeisterämtern vor, und im Frühjahr 2006 wurden die Wege eröffnet. Den Pfad der Stille gehen, bedeutet für ihn, sich weg zu bewegen von Lärm und Hektik: „Man kann den Alltag hinter sich lassen.”

Franz Jakob bietet auf den Pfaden auch Führungen an. Er hat dabei die Erfahrung gemacht: „Wenn eine Gruppe schweigend miteinander geht, entsteht oft eine intensive Stille, die fast zum Greifen ist“, sagt er. „Es entsteht ein Raum der Stille, den alle als wohltuend erleben. Sie fühlen sich vom gemeinsamen Schweigen umgeben wie von einer schützenden und heilenden Hülle.“

Hautnah ist die Natur auf dem Weg zu den Eiskellern zu erleben: Der Wald tut sich auf. Sein grünes Blätterdach beschirmt Schritt für Schritt. Der Anstieg braucht alle Gedanken. Kurz vor den Dörzbacher Eiskellern dann endlich eine willkommene Pause. Eine Infotafel verrät, dass die Höhlen mühevoll in den Muschelkalk geschlagen und bis zum Ersten Weltkrieg genutzt wurden, um Eis auf Vorrat darin kühl zu lagern. Wenn im Winter die Jagst dick gefroren war, wurden Platten aus dem Eis herausgesägt und in die Eishöhlen geschafft. Dort war es kalt genug, so dass das Eis zur Bierkühlung bis zum Sommer gelagert werden konnte. Heute beherbergen die Eiskeller Fledermäuse. Die Eingänge sind zu ihrem Schutz mit Gittern verschlossen.

Franz Jakob hat schon viele Wanderer auf dem Pfad der Stille begleitet. Er rät ihnen, unterwegs ein Stück Dürrholz in die Hand zu nehmen und nach einer Weile wieder abzulegen. „Jeder trägt seine Last“, erklärt er den Sinn dieser Handlung. Die meisten müssten außerdem zugeben, dass sie nachtragend seien. Auch darüber könne man sich Gedanken machen, wenn man mit einem Holzstück in der Hand geht. Wie gut das Ablegen tut.

Klärung, Hoffnung und neue Horizonte erhoffe man auf so einem Weg. Auf einem schönen Wanderweg durch die idyllische Natur geht der Pfad weiter zu den Dörzbacher Stäffele. Der beschwerliche Aufstieg wird im kühlen Schatten vergessen. Aus mündlich überlieferten Quellen ist bekannt, dass die Stäffele vom Uhrmacher Kasper Rettich Anfang 1900 gestiftet wurden. Da Meßbach katholisch und Dörzbach evangelisch war, mussten die katholischen Kinder aus Dörzbach jeden Tag in die Schule nach Meßbach, und die evangelischen Kinder in die Schule nach Dörzbach gehen, ebenso wie die Kirchgänger. Dies endete erst mit Beginn des Dritten Reiches.

Was die Kinder und Kirchgänger von damals schafften, ist auch für den Wanderer auf dem Pfad der Stille nicht unmöglich. Oben angekommen, liegt die Pfarrkirche zur heiligen Dreifaltigkeit in Meßbach zum Greifen nahe. Sie ist ein Schmuckkästchen und spätes Beispiel der Rokokokunst. Im Kircheninneren ist das quadratische Schiff durch gekurvte Ecken, Wandpilaster, Rokokoornamente und ein bemaltes Spiegelgewölbe geschmückt.

Vor sich haben Wanderer auf dem Pfad der Stille in Dörzbach auch die Kapelle St. Wendel: Ein Ort uralter Spiritualität und märchenhaft schön gelegen in unberührter Natur. Magische Kräfte werden dem Ort zugesprochen, was leicht nachzuvollziehen ist. Die fantastischen Sonnenaufgänge, die erfrischende Kühle des Ortes, die üppige Erhabenheit der Vegetation am schroffen Fels mit intensivem Kräuter- und Pflanzenduft bringen alle Saiten der Sinne zum Schwingen.

Ein Festplatz der Sinne sind auch die Schönhuthlinden. Ottmar Schönhuth, Dörzbacher Pfarrer, Dichter und Heimatforscher pflanzte die Linden im Jahre 1842 auf dem Platz oberhalb der Kapelle. Der Platz lädt ein, die umgebende üppige Natur zu genießen. Hunderte von Vögeln zwitschern in den Bäumen. Der weiche Boden im kühlen Schatten der mächtigen Linden ist der ideale Platz, Belastungen, Ärger und Frust hinter sich zu lassen.

„Wir müssen uns Orte und Zeiten der Stille gönnen“, sagt Hannelore Hubert, die schon mit Franz Jakob auf dem Pfad der Stille unterwegs war. Nur so könne wahrgenommen werden, was einem wirklich wichtig ist. Der Weg durch den Kapellenwald zur Jagstbrücke in Hohebach lädt denn auch ein, Schritt für Schritt bei sich selbst anzukommen. Über die Jagstbrücke rollt der Verkehr im rasanten Alltagstempo. Darunter jedoch herrscht Stille. Es ist wie eine andere Welt: Beobachten, lauschen, innehalten vor der Naturkulisse der Jagst. Hier kann man sich alle Zeit der Welt nehmen.

Eine ganz eigene Welt ist der jüdische Friedhof in Hohebach. Die Gräber bieten die Kulisse für Einkehr und Besinnung. Der schnelllebige Alltag bleibt vor der alten Steinmauer zurück. Es ist ein Platz des Friedens und der Erinnerung. Vielleicht ist es spürbar, dass selbst während des Dritten Reiches der Friedhof ganz und gar unangetastet blieb und es seither noch nie zu mutwilligen Zerstörungen kam.

2002 wurde ein Gedenkstein zur Erinnerung an die acht deportierten jüdischen Mitbürger aufgestellt. Der Friedhof untersteht heute der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden-Württemberg und wird von der Gemeinde Dörzbach gepflegt. Die hebräischen Schriftzeichen der Grabinschriften beinhalten oft eine kurze Charakterisierung der Verstorbenen.

So bleibt die Erinnerung an sie lebendig. Die Steinriegel am Südhang sind Zeugen des frühen Wein- und Ackerbaus. Die Flächen mussten stets gehackt werden, da sie sonst steinübersät und somit nicht nutzbar gewesen wären. Die größeren Steine schichteten Generationen von Landwirten und Weinbauern mehrere Meter hoch und breit in der Falllinie der Hänge auf. Die Steinriegel sind ein Biotop. Die vermeintlich kargen Hügel stecken voller Leben. Das idyllische Landschaftsbild mit den Steinriegeln zu erhalten, braucht Pflege. Dafür sind die Zebu-Rinder zuständig, die das dornige, harte Buschwerk abfressen. Sie weiden im Jagsttalhang, an dem entlang der Pfad der Stille zurück ins Dorf führt. Die Kirchturmuhr schlägt. Die Zeit beginnt wieder zu laufen.

Information zum Pfad der Stille

Hinter dem Pfad der Stille verbergen sich vier Wanderpfade rund um die Jagsttalgemeinden Mulfingen, Dörzbach, Krautheim, Schöntal und Langenburg, die überwiegend zu spirituellen Orten und Zeitzeugen der Geschichte führen. Geführte Wanderungen auf den Pfaden der Stille können halb- oder ganztags über das Herrenhaus Buchenbach, Telefon 07938-992035, gebucht werden. Informationen zu allen Pfaden der Stille im Internet unter www.pfade-der-stille.de.