Christliche Themen für jede Altersgruppe

Taumelnd, tanzend, strebend

ONOLZHEIM (Dekanat Crailsheim). „Gehen Sie langsam, mit dem Rücken zur Altarwand, in die Kirche. Und wenn Sie sich dann umdrehen und einen Blick auf das Bild werfen, sollten Sie am besten schon ­sitzen“ – so wurde Pfarrerin Elke Maier vorbereitet, als sie erstmals die Kirche in Onolzheim betrat. Kein Zweifel: Das Altarbild ist überwältigend – und bis heute umstritten.

Das pralle Leben, das Glück der Auferstehung (Foto: Ute Schäfer)

Das Altarbild sprengt alle Vorstellungen dessen, was man von einem Altarbild einer protestantischen Dorfkirche erwartet. Allein die schiere Größe nimmt einem den Atem: Die Chorwand ist komplett bedeckt. 60 Quadratmeter pralles Leben.

„Doch die Figuren sind niemals anstößig“, sagt Pfarrerin Maier, die von dem Bild gleich fasziniert war und sich auch heute noch auf der Suche nach guten Gedanken bei der Predigtvorbereitung davor setzt. Immer wieder entdeckt sie neue Figuren, neue Gesten, neue Aspekte. „Je nachdem, wie ich selbst gestimmt bin.“

Das Altarbild zeigt insgesamt rund 60 Figuren, taumelnd, tanzend, strebend. Menschen, wie Gott sie geschaffen hat. Nackt und bloß, alt und jung, gerade und ungerade. „Die theologische Aussage ist klar“, sagt Pfarrerin Maier. „Nackt sind wir auf die Erde gekommen. Nackt werden wir wieder gehen.“

Vor Gott sind alle Menschen gleich. Und die Auferstehung betrifft alle: Die Menschen des Gemäldes steigen auf aus dem Dunkel, werden immer heller, transzendenter, bis sie ins Licht eingehen. „Der Tod hat hier nichts Schreckliches“, sagt Pfarrerin Maier. Im Gegenteil. Er ist himmlische Erlösung.

Das Gemälde – Öl auf Leinwand – ist bewusst an die Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle angelehnt. Die freizügigen Figuren eckten im Italien der Renaissance ob ihrer prallen Lebenslust an. In Onolzheim war das 500 Jahre später nicht anders. Noch heute ist es bei manchen Gemeindemitgliedern umstritten, meint Pfarrerin Maier.

Doch wie kam die Gemeinde überhaupt zu einem so ungewöhnlichen Altargemälde, das heute Besuchergruppen aus ganz Deutschland in die hohenlohische Provinz führt? Ursprünglich hatte die Onolzheimer Kirche eine Kanzelwand, wie andere Kirchen der Gegend auch. In den 1970erJahren wurde sie durch eine Bretterwand ersetzt, die die gesamte Altarwand bedeckte. Diese sollte neu gestaltet werden – 2002 lobte die Gemeinde dafür einen Künstlerwettbewerb aus. Vorschläge kamen von Edith Oellers oder Isa Dahl, aber auch von Thomas Gatzemeier, 1954 in Döbeln geboren und von der (figürlichen) Leipziger Schule geprägt. Allerdings hatte sich seine Kunst im Lauf der Jahre immer stärker abstrahiert.

Gatzemeier schlug der Jury ein dunkles Bild vor, außen blau, innen hell, mit abstrakten Leibern, die nach oben streben – und erhielt den Zuschlag. Eine mutige Entscheidung, denn es war klar, dass das Riesengemälde den kleinen Kirchenraum dominieren würde.

Allerdings: Das Kunstwerk sieht heute ganz anders aus. Farbiger, lebendiger und vor allem realistischer. Auf der großen Wand, so Gatzemeier damals, hätten ihm seine Abstrahierungen unerträglich geschienen. Deshalb malte und übermalte er drei Monate lang und im Verlauf des künstlerischen Prozesses verloren die Figuren ihre Abstraktion. „Die Dimension des Altarbilds brachte mich zurück zur klaren Form“, schreibt Gatzemeier in der Festschrift zum zehnten Geburtstag des Bildes. Und tatsächlich: Die Altarwand leitete eine, vielleicht könnte man sagen „Onolzheimer Wende“ in seinem Werk ein. Heute malt Gatzemeier bisweilen fast fotorealistisch.

Wie aber geht es der Gemeinde, die ein relativ abstraktes Werk bestellt und stattdessen nackte Haut erhalten hat? Schon während des Malens war es im Dorf zu Unruhen gekommen. Gatzemeier schloss sich sogar in der Kirche ein, um in Ruhe arbeiten zu können. Nur Kirchengemeinderat Werner Riedel, der den Fortschritt der Arbeit mit der Kamera dokumentierte, und der damalige Pfarrer Dieter Hauptkorn durften hinein. Sie hatten mit Gatzemeier besondere Klopfzeichen ausgemacht.

Die Wogen haben sich mittlerweile zwar geglättet, sagt Pfarrerin Maier, doch ganz still ist es um das Gemälde nicht geworden. Noch vor zwei Jahren hätten die Eltern der Konfirmanden gebeten, fürs Gruppenbild doch eine spanische Wand aufzustellen. Es sei gar so unansehnlich, wenn ein nackter Popo aus dem Hintergrund ins Foto rage, sagten sie. Pfarrerin Maier: „Doch dann ist einer in der Gemeinde aufgestanden und hat gesagt: ,Das ist unser Altarbild. Damit müssen wir leben und dazu stehe ich‘.“ Eine spanische Wand gab es nicht.¦Seit 14 Jahren schmückt dieses riesige Altarbild die kleine Onolzheimer Marienkirche. Es zeigt das pralle Leben, das Glück der Auferstehung – und ist in der Gemeinde bis heute umstritten.