Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vergeben oder süße Rache? - Interview mit Beate Weingardt

MURRHARDT (Dekanat Backnang) – „Das verzeihe ich dir nie!“, hat schon manch einer gesagt oder gedacht. Wäre Vergebung eine Möglichkeit? Und wie geht das? Anne Merz hat sich mit Beate Weingardt genauer unterhalten. Die Theologin und Psychologin spricht bei einer Veranstaltungsreihe, zu der die ACK Murrhardt einlädt, über das Thema Versöhnung.

Vergebung kann ein Geschenk sein, das wir uns selbst machen. Foto: adobe stock/ PaylessimagesVergebung kann ein Geschenk sein, das wir uns selbst machen. Foto: adobe stock/ Paylessimages

Frau Weingardt, habe ich irgendeinen Vorteil, wenn ich vergebe?

Beate Weingardt: Ja, der Vorteil steht, bildlich gesprochen, klar vor Augen: „Wer nachtragend ist, muss viel schleppen – und kann sich dran zu Tode schleppen.“ Das bedeutet: Wir sind es, die die Last des Nichtvergebenen tragen. Und diese Last kostet uns viel Kraft, unter Umständen auch die Gesundheit. So gesehen ist Vergebung in erster Linie ein Geschenk, das wir uns selbst machen.

Doch heißt es nicht auch: „Rache ist süß“?

Beate Weingardt: Im ersten Moment bereitet Rache oft Genugtuung, weil unser Wunsch nach Gerechtigkeit erfüllt wird. Doch eine Wunde heilt niemals dadurch, dass wir dem anderen auch eine Wunde schlagen. Im Gegenteil: Der Graben zwischen uns wird tiefer; das Problem ist nicht gelöst. „Wer sich rächt, sollte gleich zwei Gräber graben“, sagt deshalb ein chinesisches Sprichwort.

Gibt es Unterschiede zwischen Vergeben, Versöhnen und Verzeihen?

Beate Weingardt, Theologin. Foto: PrivatBeate Weingardt: Verzeihen und Vergeben meinen den gleichen Vorgang: Man verzichtet, beziehungsweise gibt den Anspruch auf Rache auf, den man gegenüber dem Verletzer hat. Zur Versöhnung benötigt man beide Personen – den Verletzer und den Verletzten. Wichtig ist, sich klarzumachen: Zur Vergebung benötigt man den Verletzer nicht. Man ist weder auf seine Schuldeinsicht noch auf ein Schuldeingeständnis angewiesen, was wichtig ist, weil viele „Täter“ ja schon tot oder über alle Berge sind. Warum dann vergeben? Weil man erkennt, dass man sich selbst damit entlastet.

 

Ist Vergeben einfach?

Beate Weingardt: Nein, zu vergeben ist nicht einfach. Sonst gäbe es nicht so viel Groll und Bitterkeit, so viel Vorwürfe und Nachtragen in der Welt. Vergeben ist ein Weg mit mehreren Stufen – nicht abwärts, sondern aufwärts. Wichtig ist: Man muss sich eine gewisse innere Souveränität erarbeiten, langsam Abstand gewinnen. Das ist wie bei einer Bergbesteigung. Und das strengt natürlich an.

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Zu der Vortragsreihe zum Thema Versöhnung lädt die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Murrhardt ein. Die Vortragenden sind Beate Weingardt aus Tübingen, Ulrike Hofmann von der Uni-Klinik in Ulm und der ACK-Vorsitzende Klaus Herberts.

Informationen unter Telefon 07192-5353 und E-Mail pfarramt.murrhardt-riesberg@elkw.de