Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wie Weiterleben möglich ist

VAIHINGEN/ENZ – Ortstermin zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“: Landesbischof Frank Otfried July ist gekommen, Dekan Reiner Zeyher von der Vaihinger Kirchengemeinde, die Ehrenamtlichen der Gedenkstätten-Initiative und die Zeitzeugin Wendelgard von Staden. Sie erinnern daran, welche Gräueltaten sich hier, vor der eigenen Haustüre, zugetragen haben.


Zeitzeugin Wendelgard von Staden: Erinnerungen an die unfassbaren Gräueltaten (Foto: Susanne Müller-Baji)


Würde nicht der Verkehr auf der nahegelegenen B10 vorüberrauschen, die Holzbauten wirkten seltsam der Welt entrückt. Es war gerade diese Lage, abgeschieden und leicht vor neugierigen Blicken abzuschirmen, die das gemeinhin „Wiesengrund“ genannte Lager 1944 zum Ort des Rüstungsprojekts mit dem Decknamen „Stoffel“ machte: Im nahe gelegenen Steinbruch gruben Zwangsarbeiter und jüdische KZ-Häftlinge Stollen für die unterirdischen Fabrikanlagen des Flugzeugbauers Messerschmitt – unter unmenschlichen Bedingungen. „Sie wollten uns töten – durch Arbeit”, hat der Überlebende Paul Rosenkranz später darüber gesagt.

Wie viele Menschen genau ihr Leben gelassen haben, lässt sich nicht mehr ermitteln. Als 1954 die Massengräber exhumiert wurden, konnten um die 220 Leichname identifiziert und ihren Familien überstellt werden. 1267 namenlose Tote fanden auf dem KZ-Friedhof ihre letzte Ruhe, auf dem Landesbischof Frank Otfried July nun im Anschluss an seinen Rundgang noch eine Andacht hält. Mit dabei ist Wendelgard von Staden, die über ihre Erlebnisse in den Kriegsjahren in Vaihingen das Buch „Nacht über dem Tal” geschrieben hat. Ihre Mutter hatte für den elterlichen Gutshof Arbeitskolonnen aus dem KZ angefordert, um wenigstens diese Arbeiter ein wenig aufzupäppeln.

Am 16. April 1945 wurde das Konzentrationslager von französischen Truppen befreit. Fotos aus den Tagen danach zeigen ausgemergelte Menschen, Massengräber und Vaihinger Bürger, die zwangsweise den Bestattungen beiwohnen müssen. „Wir hatten viel vom Lager gewusst. Aber wie es in seiner ganzen Wirklichkeit war, das hatten selbst wir nicht einmal geahnt”, schreibt von Staden in ihrem Buch. Die Vaihinger befürchten, ihrerseits im Lager interniert zu werden. „Doch die Franzosen zündeten die Baracken an... Das ganze Dorf atmete auf. Das Täle war wieder frei.“

Danach eroberte die Natur den Ort zurück. Es ist der 1990 gegründeten „Initiative KZ – Gedenkstätte Vaihingen/Enz” zu verdanken, dass das einzig noch erhaltene Fundament der ehemaligen Entlausungs- und Duschbaracke wieder freigelegt wurde und in jahrelanger Arbeit die Gedenkstätte in ihrer heutigen Form entstand. Mit einem Besucherraum mit Modell und Informationen zur Geschichte des Lagers, einer Medieninstallation und dem Seminar- und Archivraum. Am 16. April 2005 wurde sie in Anwesenheit von Überlebenden aus Frankreich, Israel, Kanada, den Niederlanden, Polen und den USA feierlich eröffnet.

Der Landesbischof spricht in seiner Andacht darüber, wie wichtig es ist, von der Vergangenheit für die Gegenwart zu lernen. Viel lernen kann man aber auch von den Überlebenden: Der aus dem polnischen Radom stammende Jude Paul Rosenkranz hat die KZs Auschwitz und Vaihingen überlebt und durch den Holocaust seine ganze Familie verloren. Er schwor Rache: „Den ersten Deutschen, den ich draußen treffe, töte ich”, hat er später in einem Interview erzählt. „Aber wen habe ich in Vaihingen als erstes getroffen? Ein kleines Kind, das geweint hat, weil seine Mutter weg war – was konnte ich dem tun?“

Und bald nach Kriegsende habe er ja auch seine Frau kennen gelernt – eine Deutsche. „Vergessen konnte ich nicht; aber das war Liebe, und Liebe ist anders.“

Und so ist die KZ-Gedenkstätte zuallererst eine Konfrontation mit den menschlichen Abgründen. Aber sie erzählt auch vom Weiterleben und von menschlicher Größe. Ein paar Mal hat Rosenkranz später vor Schulklassen von seinem Schicksal berichtet. „Ich fühle mich von meinem ganzen Wesen her mit der europäischen und insbesondere mit der deutschen Kultur eng verbunden. Aus diesem Grunde belasten mich die rechtsradikalen Strömungen in unserem Land. Sie besudeln die deutsche Kultur.“ Und das ist eine Erkenntnis, die auch die Besucher von diesem Ortstermin mit nach Hause nehmen.



Die KZ-Gedenkstätte Vaihingen hat sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Informationen im Internet: www.gedenkstaette-vaihingen.de