Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zeugen der Vergangenheit

GROSSASPACH (Dekanat Backnang) – Feldpostkarten aus den Jahren 1914 bis 1918 an den Pfarrer zeugen von den Erlebnissen der Großaspacher Soldaten im Ersten Weltkrieg. Archivar Bernhard Trefz wertet die zeitgeschichtlichen Dokumente aus – und ist persönlich betroffen.  Von Susanne Haag


Bernhard Trefz hat die Feldpost gelesen. (Foto: Susanne Haag)

So mancher historische Fund wurde 2014 ausgegraben: Privatleute und Historiker sichteten Dokumente in Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Auch in der Kirchengemeinde Großaspach erinnerte sich Kirchengemeinderat Bernd Krämer an einen Karton mit Feldpost im Archiv. „Dass es so ein Schatz ist, war mir nicht klar“, sagt er heute. 1500 Karten und Briefe von der Front, Dankesbriefe an den damaligen Pfarrer Ernst Schopf für Nachrichten und Pakete aus der Heimat, erzählen vom Schicksal der Großaspacher Soldaten.

„Es geht uns jetzt soweit gut … Wenn es für uns nicht anders kommt, kommen wir wieder. Aber fraglich“, heißt es auf einer Karte. Gottlieb Schäfer hat sie am 14. August 1914 aus dem Elsass geschickt, am 19. August war der 35-jährige Vater von drei Kindern tot. Die Karte des ersten Gefallenen aus dem Ort hat Bernhard Trefz, Stadtarchivar in Backnang und selbst ein Groß­aspacher, aus der damals noch üblichen Sütterlin-Schrift transkribiert (übersetzt) und zusammen mit vielen weiteren im Jahrbuch der Stadt von 2014 abgedruckt. Der promovierte Historiker wertete den Fund auch aus.

„Die großen Schlachten kann man anhand der Briefe nachvollziehen“, sagt Trefz. Aber auch, was Krieg für einen Menschen ganz persönlich bedeutet, der an der Front steht, wird durch die Schreiben nachvollziehbar. Bei Vorträgen hat der Historiker aus Briefen zitiert und erlebt: „Die Leute waren geschockt.“

Denn die Männer fanden deutliche Worte. Ein unbekannter Soldat schreibt am 20. Oktober 2014: „Tags zuvor leisteten ca. 1500-2000 Franzosen Widerstand, wurden aber dann v. unsern Pionieren mit Pickel & Spaten einfach totgeschlagen. Als das Generalkommando vorbeiging, in dessen Begleitung ich war, lag die Chausee wie aufgeschichtet v. toten Franzosen, ebenso der Wald daneben. Dazwischen noch das Gewimmer der Verwundeten. Man kann es kaum fassen & begreifen.“

Auch Ludwig Tränkle berichtet von seinen traumatischen Erfahrungen: „Als wir ankamen, war das Lazarett schon so überfüllt, daß ich mit noch etwa 150 schwer und leicht Verwundeten die ganze Nacht auf Stroh im Hofe liegen mußte. Was ich da alles gesehen und gehört habe, werde ich in meinem Leben nie wieder vergessen. Ich bin zwischen zwei schwer Verwundeten gelegen, vom Rgt. 120. Beide haben Bauchschüsse gehabt. Aber wie diese gejammert und nach ihrer Frau und Kindern gerufen haben, mir wurde es ganz bange dabei.“

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die tiefe Religiosität, die aus vielen Briefen spricht und den Männern Trost gab. Sie baten ihren Pfarrer, für sie zu beten. „Pfarrer Schopf hat das mit Sicherheit in seine Gottesdienste aufgenommen“, meint Trefz. Die Nachrichten aus dem Krieg, geschrieben mit Bleistiften auf einfachem Briefpapier oder auf Postkarten, die Motive aus dem Soldatenleben zeigen, sind für Bernhard Trefz nicht nur zeitgeschichtliche Dokumente, sondern berühren ihn auch persönlich. Als Großaspacher kennt er viele der Namen, kennt die Nachfahren der Soldaten. Auch eine Karte seines Urgroßvaters Friedrich hat er entdeckt.

Inzwischen bearbeitet er das Jahr 1916, das Jahr der verheerenden Schlacht an der Somme. Die Jahrgänge 1917 und 1918 harren noch wohlverschnürt ihrer Auswertung in der säurefreien Box, in der sie im Backnanger Archiv fachgerecht aufbewahrt werden. Trefz Arbeit gleicht einem Fortsetzungsroman: „Die letzten Briefe habe ich noch nicht gelesen, ich bin gespannt wie es weitergeht.“ 

 

Information

Die inhaltlich interessantesten Karten werden mit Kommentaren versehen in den Backnanger Jahrbüchern von 2014 bis 2018 veröffentlicht. Die Feldpost aus dem Kirchenarchiv in Großaspach ist im Backnanger Stadtarchiv für jeden zugänglich. Eine tiefergehende Auswertung der Dokumente eignet sich nach Meinung von Bernhard Trefz als Thema für eine Abschlussarbeit an der Universität. Informationen unter Telefon 07191-894455, E-Mail: stadtarchiv(at)backnang.de


 

 

 

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen