Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zwei Künstler und ihre Bühne

ILLINGEN (Dekanat Mühlacker) – Er denkt das ganze Jahr an Weihnachten. Auch jetzt im Frühjahr. Weil er eine Blume züchtet, die nur blüht, wenn die Welt kalt ist und alle sich auf das Christkind freuen: die Christrose. Und Manfred Geywitz teilt sich mit ihr die Leidenschaft für die Bühne.

 Die Christrose mit ihrer letzten verbliebenen Blüte, ihre Samen und ihrem ...

Plötzlich wird aus dem Gärtner ein Clown. Die Hochwasser-Hose, die große Brille, die Schiebermütze – und der lächelnde Theaterblick. So wie aus einer unscheinbaren Pflanze mitten im Winter eine weiße Blüte wächst, wächst Christrosen-Züchter Manfred Geywitz in seine Rolle als Alfred Nägele hinein. „Henne send henne – oder dusse“, beginnt er seine Dialektspäße, stakst mit den Beinen von links nach rechts und erklärt den Unterschied zwischen henne und dusse.

Manfred Geywitz probt in seinem kleinen Theaterraum in einem Reihenhaus in Illingen. Seit 36 Jahren ist der 62-Jährige in der Welt der Kleinkunst unterwegs. Er begann mit Kreuzweg-Aufführungen und Pantomimenspiel bei der Kirche im Grünen, tingelte mit der Truppe „Transparent“ über die Kirchentage und betritt heute im kleinen Rahmen immer noch die Bretter, die die Welt bedeuten. Aber auf der Bühne seines Lebens steht seit Langem ein ganz anderes Pflänzchen: die Christrose.

Manfred Geywitz ist Gärtner in der dritten Generation. Schon sein Großvater baute im Dorf Illingen Blumen und Gemüse an. Um im Winter ein Zubrot zu haben, kaufte der Opa in Bad Reichenhall für 50 Reichsmark ein Dutzend Christrosen und begann mit der Züchtung. Dessen Sohn reduzierte den Betrieb dann schon von einer allgemeinen Gärtnerei auf Schnittblumen. Und der Enkel schließlich setzte alles auf eine Karte: Er wurde der größte Anbieter von Christrosen in Deutschland und vielleicht sogar in Europa, wie er selber, leicht grübelnd, sagt. Er besetzte eine Nische mit seiner Star-Blume.
Ganz unscheinbar führt ein kleiner Weg am Ortsrand von Illingen zu dem Familienbetrieb. Am Straßenrand parkt ein Traktor, es riecht nach Dünger und Stall, ein Schild preist „Kartoffeln zu verkaufen“ an. Schließlich steht man vor den Gewächshäusern, in denen nur eine Pflanze gezüchtet und gepflegt wird. Es ist ein Risiko: Innerhalb von vier Wochen, manchmal nur von einer Woche, muss fast der gesamte Jahresumsatz erwirtschaftet werden. Was im Advent und an Weihnachten verkauft wird, muss den Betrieb die nächsten elf Monate ernähren.

Die Christrose macht es ihm nicht leicht: „Sie ist empfindsam, verwöhnt und eine kühle Diva“, sagt Manfred Geywitz. Aber sie hat auch die Kraft, „in der dunkelsten Jahreszeit der Kälte zu trotzen und einen mit der schönsten Blüte zu erfreuen“. Aber die Christrose hat für ihn nur dann einen Wert, wenn sie im Advent und an Weihnachten blüht. Öffnet sie im Oktober oder im Januar ihre Blüte, ist für die Gärtnerei Geywitz das Geschäft vorbei.

... Züchter Manfred Geywitz. (Fotos: Werner Kuhnle)

Behutsam pflückt Manfred Geywitz eine der letzten verbliebenen Blüten in seinem Gewächshaus ab, hält sie liebevoll in den Fingern, als wollte er mit ihr plaudern, und steckt sie sich an die Jacke. „Sie ist ein Symbol gegen alle Widrigkeiten“, sagt er. Nur wenige Blumen blühen im Winter. Diese Eigenschaft habe sie aus der Eiszeit mitgebracht, erklärt Gärtner Geywitz. Sie könne wie tot im Eis eingefroren sein, dann taue sie auf und stehe mittags wieder senkrecht. „Sie ist eine Verwandlungskünstlerin“, sagt er. „Und außerdem eine Trickserin und Zauberin.“ Denn die weißen Blüten seien eigentlich die Kelchblätter.
Verwandeln und verzaubern: Diese Eigenschaft verbindet Manfred Geywitz wohl mit seinem Zögling. Denn vom Theaterspielen war der heute 62-Jährige in seiner Jugend so begeistert, dass er dies später zu seinem Beruf machen wollte. Doch dann kam es anders: 1992 übernahm er den väterlichen Betrieb und wurde schließlich der Regisseur für die Einmann-Show der Christrose.

„Sie passt zu mir“, sagt Geywitz, „weil sie risikoreich ist und weil sie alles auf eine Karte setzt.“ Eigentlich, findet der Gärtner, müsse man verrückt sein, nur mit ihr arbeiten zu wollen. Wenn sie nur zwei Mal hintereinander zur falschen Zeit blühe, sei der Betrieb tot. „Man muss darauf vertrauen, dass sie verlässlich ist.“

Einen Hektar Kulturfläche umfasst die Gärtnerei. Schon seit drei Generationen. Früher war das groß, dann verhältnismäßig mittel und heute ist es bald zu klein. Vergrößern kann er sich nicht mehr, umstellen kann er sich auch nicht mehr, dafür ist er zu spezialisiert. Um sie sortenrein zu vermehren, werden die Pflanzen vegetativ geteilt: im ersten Jahr sind es zwei, im zweiten Jahr vier, im dritten Jahr acht und so weiter. Es dauert, bis seine Kultur steht.

Die Konkurrenz produziert Christrosen seit 1995 zu Millionen im Reagenzglas. Da kann er nicht mithalten. Sein Wettbewerbsvorteil sind die Christrosen als Schnittblumen: Sie blühen punktgenau und halten lange. Im Topf dagegen bringen heute schon viele Händler die Blume maschinell unters Volk. „Mein Betrieb hat den Höhepunkt überschritten“, stellt Geywitz nüchtern fest und schiebt nach: „Wenn das der Gang der Dinge ist, dann war das eben mein Zyklus.“

Aber so lange sein Betrieb noch Blüten trägt, wird Manfred Geywitz seine Samen ausbringen, die Setzlinge pflegen und gegen Krankheiten verteidigen. Und er wird seine Sorten hüten. Denn diese sind hart erarbeitet: Von 20 000 bis 50 000 Sämlingen bleiben im ersten Jahr die 50 besten übrig. Im zweiten Jahr seien es noch fünf, und dann bekomme man schließlich eine Sorte, die besser ist als alle bisher. Eine Menschengeneration habe es meist gedauert, um eine neue Sorte zu züchten. Sein Großvater arbeitete nur mit der Christrose, die er in Bad Reichenhall kaufte, und die nach ihm benannt wurde: Emil. Dessen Sohn erarbeitete sich zwei neue Sorten und Manfred Geywitz kann zehn Sorten an seinen Händen abzählen. Davon seien zwei bis drei in Kultur gegangen.

Die Emil-Christrose von Großvater Emil wird nun nach 80 Jahren aus der Kultur genommen. Klimatisch kann sie nicht mehr mithalten, und sie blüht nicht mehr auf Weihnachten. Das ist aber immer noch das Hauptgeschäft von Geywitz: Christrosen als Schnittblumen punktgenau zur Jahreszeit. Und zu dieser Zeit ist in Illingen Hochkonjunktur: 30 Leute arbeiten dann im Betrieb und ernten Hunderttausende Blüten, die an Großhändler in Deutschland, Österreich, Schweiz und bis Großbritannien geliefert werden.

Manfred Geywitz schreitet die Reihen seiner Pflanzen ab. Hier unter dem Dach des Gewächshauses schützt er die Christrosen vor allen Schädlingen, versorgt sie mit Babynahrung und gibt ihnen das Klima, das sie brauchen. Er lüftet und spendet Schatten. Denn das Wetter muss passen. Und wenn es nicht passt, wird es künstlich korrigiert. An einer Wand hängen daher alle Temperaturaufzeichnungen der letzten Jahre.

Der Großvater hatte sich im Übrigen bewusst für den Namen Christrose entschieden. Denn die Pflanze heißt auch Schneerose, Winterglocke oder Winterblume. „Wir wollten sie als Christrose mit dieser Symbolik verkaufen“, erzählt Manfred Geywitz. Dieses trotzige Aufblühen, dieses „Hier bin ich“ und „Ich schaffe das“, das imponiert dem Theatermann Geywitz, und er zieht die Verbindung zur Religion. „So sollen wir Christen das Salz in der Suppe sein und die Liebe in unserer Gesellschaft hochhalten.“ Und bevor der Bühnenvorhang für die Christrose und ihren Regisseur für diesen Tag fällt, sagt Manfred Geywitz: „Wir glauben, dass die Liebe den längeren Atem hat.“

Im Internet: www.christrosen.de