Christliche Themen für jede Altersgruppe

Bruddeln und helfen - Autor Jürgen Kaiser als Büttel in Feuerbach

STUTTGART-FEUERBACH – Dieser Mann ist eine Autorität und bringt seine Zuhörer zum Lachen: In der Rolle des Feuerbacher Büttels führt Jürgen Kaiser durch den Stadtbezirk und sammelt Spenden für die Flüchtlingsarbeit in Jordanien.

Schellt „mit seller Schell“: Jürgen Kaiser als Büttel in Feuerbach. Foto: Susanne Müller-BajiSchellt „mit seller Schell“: Jürgen Kaiser als Büttel in Feuerbach. Foto: Susanne Müller-Baji

Feuerbach. „Schellet’ Se net mit sellerer Schell, weil selle Schell’ schellt net!” geht wohl nur Urschwaben fließend von den Lippen. Jürgen Kaiser haut den Satz raus, während er gedanklich schon wieder bei der Feuerbacher Ortsgeschichte ist. Die bringt der Buchautor, Pfarrer und Medienmann im Ruhestand seinen Gästen als Feuerbacher Büttel nahe. Und sammelt damit Spendengelder für die Flüchtlingsarbeit der evangelischen Schneller-Schule in Jordanien.

Als der Feuerbacher Bürgerverein bei Jürgen Kaiser anfragte, ob er historische Rundgänge durch den Stadtbezirk anbieten wolle, machte Kaiser gleich Nägel mit Köpfen. Eine Symbolfigur musste her, ein Charakterkopf mit weitreichenden Befugnissen und entsprechender Autorität: Der Feuerbacher Büttel war geboren. Er kommt mit seinem Gehrock und seiner Handglocke auch optisch so daher, wie ihn zeitgenössische Darstellungen beschreiben.

Seit einem Erlass von 1807 hatte jede Württemberger Gemeinde einen Büttel. Der war Amtsbote, wandelndes Mitteilungsblatt und unterste Ortspolizeibehörde in Personalunion. In den allermeisten Fällen bekleidete er sein Amt nebenher, war eigentlich Bauer. Aber der Posten war begehrt, weil lukrativ und mit ein paar Machtbefugnissen verbunden, wie Jürgen Kaiser lachend erzählt. Es menschelte natürlich gewaltig, eine gewisse Bestechlichkeit war wohl alltäglich, mit einem Hintertürchen in den offenen Amtsmissbrauch.

Entsprechend sperrig ist nun auch der Feuerbacher Büttel angelegt, schimpft mal hier und weist mal dort zurecht. Kinder dürfen die Glocke läuten, mit der einst die Dorfbevölkerung zusammengerufen wurde, um Neuigkeiten anzusagen: „Aber ihr schellet nur, wenn ich das Euch sage!”, setzt er autoritär hinzu.

Jenseits des Bruddlertums ist der Büttel eine wahre Fundgrube an Wissen über die Schwaben allgemein und die Feuerbacher im Besonderen. Jürgen Kaiser kennt sich aus: Er hat Bücher über die Mentalität der Schwaben, ihre Leibgerichte, ihren Humor und Erfindergeist geschrieben und wäre nicht Pfarrer im Ruhestand, wenn nicht auch ab und an Kirchengeschichte anklingen würde.

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Wie kommt man an so eine Büttel-Ausstattung? Der Gehrock ist einem preußischen Waffenrock von 1860 nachempfunden, „echt Kunstfaser von der Stange, gefunden in einem Kölner Karnevalsbedarf”, sagt Kaiser. Die Mütze gehört zu einer Uniform der Bundesmarine, die Rangabzeichen eines Oberbootsmannmaats hat er entfernt. Die Glocke bezog er von einem englischen Schulausstatter, die Tasche kommt aus polnischen Armeebeständen und ist das Geschenk eines Gastes der ersten Büttel-Führung im Herbst.

Der Büttel - Eine Fundgrube an Wissen über Schwaben

Wenn Kaiser bei seinen Führungen auch schwäbisch spricht, sein Engagement ist international. „Meine Honorare für die Stadtführungen und übrigens auch für eine Autorenlesung gehen an die Schneller-Schule in Amman.” Die führt die Arbeit des vom deutschen Pfarrers Johann Ludwig Schneller (1820 – 1896) erbauten „Syrischen Waisenhauses” weiter. Sie will jungen Menschen religionsübergreifend Schulbildung, berufliche Qualifizierung und eine Erziehung zum Frieden ermöglichen. Hier werden auch Flüchtlingskinder unterrichtet, die sonst keinen Zugang zu Schulbildung haben. Kaisers Spenden sichern den Lehrern eine Aufwandsentschädigung und den Schülern Lehrmaterial.

Seit dem Lockdown sind Jürgen Kaisers Möglichkeiten stark eingeschränkt. Er hofft aber auf die Zeit nach Corona und will dann als Feuerbacher Büttel nicht nur für den Bürgerverein auf Stadtrundgang gehen: „Ich könnte mir das auch gut für besondere Geburtstage vorstellen oder als Ersatz für Firmenfeiern.“ Sagt der Büttel, schellt noch mal und läuft weiter durch Feuerbach.

◼Wer mehr wissen möchte, kann eine E-Mail senden an die Adresse jueka(at)googlemail. com

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