Christliche Themen für jede Altersgruppe

Hoffen auf den Neuanfang

ASPERG (Dekanat Ludwigsburg) – Insassen des Justizvollzugskrankenhauses auf dem Hohenasperg ­beschenken sich und 100 Besucher aus der Haftanstalt an Heiligabend mit einem Krippenspiel mit viel Musik. Ein Probenbesuch bei Menschen, die als „harte Jungs“ gelten.


Ein Krippenspiel ohne Maria und Josef, dafür aber mit den Weisen aus dem Morgenland und den Hirten. (Foto: Brigitte Jähnigen)

Herzklopfen nach 20 Minuten Aufstieg auf dem „Schwitzgässle“: Der steil aufsteigende Fußweg verbindet den Bahnhof Asperg mit dem Eingang des Justizvollzugskrankenhauses auf dem 375 Meter hoch gelegenen Hohenasperg. Im Hof spielen zwei Männer Fußball, ein paar beobachten den zivilen Besuch. Drinnen der übliche Sicherheitscheck. Nach gefühlten drei weiteren Türen wird die Tür zum Kirchenraum geöffnet.

Elf Insassen proben ein Krippenspiel für Heiligabend. Gemeinsam mit Pfarrerin Henrike Schmidt haben sie es selbst geschrieben und inszeniert. Vor einem Weihnachtsbaum steht eine Krippe. Und als die als Hirten verkleideten Männer davor knien, wirkt die Leere irgendwie komisch. Denn sie sagen so bedeutsame Sätze wie „Mir fehlen die Worte“ oder „Mein Neuanfang“. Und dann kommt der geläuterte Wirt mit der Schürze um den Bauch und sagt: „Hier bekommt mein Leben einen Sinn.“ Henrike Schmidt denkt, dass die Leere in der Krippe noch gefüllt werden müsse. „Wir haben zwar eine bestimmte Konzeption, aber während des Probens entstehen auch noch Ideen“. Immer wieder intonieren drei Insassen Gospelmelodien, spielen erstaunlich professionell auf Keyboard, Gitarre und Querflöte. „Ich steh an deiner Krippen hier, oh Jesulein, mein Leben“: Silberhell klingt der Bach-Choral auf der Flöte und wirkt besonders anrührend in diesem Raum mit vergitterten Fenstern mit dem Blick auf blattlose Bäume und unter Menschen, die man im bürgerlichen Leben harte Jungs nennen würde. Einige der Insassen sind seit vielen Jahren auf dem Hohenasperg. In der Sozialtherapie sollen sich die Männer in zwei bis drei Jahren Jahren auf das Leben draußen vorbereiten. Doch das klappt längst nicht immer.
„Demokratiebuckel“, „Tränenberg“ – seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts war die württembergische Festung Hohenasperg politisches Gefängnis. Viele 1000 Menschen waren hier unter Verschluss. Der Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart, die Opfernsängerin Marianne Pirker, der Remstalrebell Helmut Palmer, auch Nazi-Täter und Nazi-Opfer. Seit 1968 ist der Ort zentrales Krankenhaus für den Justizvollzug in Baden-Württemberg. 188 Betten stehen in den Abteilungen für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie sowie für Innere Medizin mit chirurgischer Nachsorge zur Verfügung. Schwerpunkt ist die Behandlung von Suchterkrankungen und psychischen Krankheitsbildern. Einer, den wir hier Hannes nennen und der sehr schön die Querflöte spielt, hat dem Leben nie getraut. „Ich wusste schon als Kind, dass ich schwul bin“, sagt er freimütig. Doch er hat sich nicht getraut, sich zu outen. Bis der innere Druck übermächtig wurde. „Deswegen kam es zur Tat. Ich sitze wegen Mordes hier“, sagt er offen. Wenn es möglich ist, übt er täglich Flöte. „Die Zellenwände sind sehr hellhörig, aber ich stimme mich mit meinen Kollegen ab“, sagt er.

„Ich steh an deiner Krippen hier“: Wie in kaum einem Text, den der Theologe Paul Gerhardt schrieb, wird die Symbolik für das scheinbar Schwache konkret. Irgendwie hat die Weihnachtsgeschichte mit allen hier zu tun. „Ich war jahrelang obdachlos“, sagt einer. „Gelegenheiten für den Ausstieg gab es genug, ich hab sie ignoriert, die Drogensucht hielt mich ab, für mich ist das hier nicht nur ein Spiel, für mich ist das auch Realität“.

Maria und Josef gibt es im Krippenspiel nicht. Die Häftlinge erzählen die Herbergssuche. „Die Darstellung Marias fanden die Spieler der Sexualstraftäter wegen, die hier einsitzen, unpassend“, sagt Pfarrerin Schmidt. Im Mittelpunkt stehen die Hirten, die auf einen Neuanfang in ihrem Leben hoffen.
100 Besucher erwartet die Krippenspielgemeinschaft zum Gottesdienst am Heiligen Abend. Es werden Insassen, Betreuer und Ehrenamtliche sein. Familienmitglieder und Freunde sind aus Sicherheitsgründen nicht dabei. Kontakt zur Außenwelt erhoffen sich manche an den Weihnachtstagen übers Telefon. Wenn, dann sind es die Mütter, die anrufen. Kartoffelsalat und Saitenwürstchen werden sie alle essen, wenn das Spiel zu Ende ist. „Weihnachten im Knast feiert man nicht, man übersteht es“, fasst einer ganz nüchtern zusammen.