Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wasser, Wein und Industrie

STUTTGART-BAD CANNSTATT – An den Kirchen im Dekanat Bad Cannstatt kann man Siedlungsgeschichte ablesen: Die Michaelskirche in Wangen ist ein Beispiel für eine sehr alte Kirche, die Lutherkirche in Cannstatt zeugt von der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Und die Stephanuskirche zeigt jüngste Bau­politik. Ein Streifzug durch den Kirchenbezirk mit Dekan Eckart Schultz-Berg. 


Die Michaelskirche in Wangen. (Foto: Dieter Skubski)

Wer in Wangen zur Michaelskirche strebt, der muss erst einmal einen Berg hinaufsteigen. Hoch oben über dem Ort thront die Kirche, deren Ursprünge bis ins 13. Jahrhundert zurück reichen. Wegen der Nähe zur damals freien Reichsstadt Esslingen wurde ihr Turm auch als Wehrturm genutzt, der nur über eine Leiter erreichbar war, erzählt Pfarrer Joachim Wolfer. Vom Kirchturm hat man einen guten Blick über das Neckartal. „Von hier oben sieht man den Kontrast zwischen Industrie, Dorf und Kirche besonders gut“, begeistert sich Dekan Eckart Schultz-Berg, der gerne die Türme hochsteigt, wenn er eine Kirche besucht. In seinem Dekanat jedenfalls war er schon auf allen oben.

Außen am Turm in Wangen findet sich eine Inschrift. „Josua Bohringer, der Sohn des zweiten evangelischen Pfarrers, hat sich hier verewigt“, erläutert Pfarrer Wolfer das „Grafitti aus dem 16. Jahrhundert“. Später sei der Pfarrerssprössling gar Bürgermeister geworden. In der Kirche deutet er auf eine rötliche Säule. „Das hier ist kein Sandstein, wie es den Anschein hat“, sagt Wolfer. Es handelt sich um Beton, der eingefärbt wurde. Das sei um 1900 herum so üblich gewesen: Der neue Baustoff wurde dem Aussehen des alten angeglichen. 1903 wurde die Kirche renoviert. Und das, obwohl der Oberkirchenrat damals den Wangenern geraten hatte, die Gottesdienste nach unten, in die Dorfmitte, zu verlegen. Das aber wollten die Wangener nicht. Und so leisteten sie sich eine Ausschmückung, die heute in großen Teilen noch erhalten ist. Obwohl in die Michaelskirche eine Empore eingebaut wurde, verströmt sie den Charme einer Dorfkirche.

Ganz anders dagegen die Lutherkirche in Bad Cannstatt. Nach zwei Jahren Bauzeit war sie 1900 fertig. „Wir gehen mit großen Schritten in die Neuzeit, die Zeit der Industrialisierung“, erklärt Dekan Schultz-Berg auf dem Weg dorthin. Der große Backsteinbau unweit des Uff-Kirchhofes wurde aus dem Material gebaut wie die damaligen Fabriken. Allerdings bekam er auch Schmuckelemente für die Fassade aus französischem Kalkstein. Darüber hinaus wurde Travertin verbaut. Die neue Kirche sollte groß werden, denn ein neues Wohnviertel für Arbeiter war im unmittelbaren Umfeld im Entstehen. Der Bau wurde in nur drei Jahren hochgezogen. „Das ist schon gigantisch“, findet Pfarrer Ulrich Dreesman. Aus heutiger Sicht sei die Fassade zu groß, meint Dreesman. Aber damals war dort, wo heute Autos und die Stadtbahnen fahren, eine großzügige Fußgängerzone, die Fassade passte zur weitläufigen Promenade. Am und im Bau gibt es viele „Anleihen“ an mittelalterliche Kirchenbauten. Zum Beispiel die Wasserspeier an der Fassade. „Allerdings fließt darin kein Wasser, das wird durch Fallrohre geführt“, sagt Dreesman. Verzierungen von Säulen und Kapillaren im Innern muten zunächst einmal historisch an – sie zeigen aber vor allem Fledermäuse, Eulen oder auch Weintrauben. Was es in der Natur um Cannstatt herum eben so gibt.

Zum Abschluss der Kirchentour führt Eckart Schulz-Berg noch in die Stephanuskirche, die für moderne Kirchenbauten nach dem Zweiten Weltkrieg steht. Allein schon ihre Zeltform hat es dem Dekan angetan. „Das erinnert mich an die Stiftshütte“. Pfarrer Markus Granzow-Emden schätzt vor allem das Licht in der Kirche, das auch beim Kreuz eine Rolle spielt. Dieses ist nämlich in die Wand eingelassen und mit buntem Fensterglas ausgekleidet.

Die drei Kirchen symbolisieren für Dekan Schultz-Berg die Merkmale des Kirchenbezirks: Weinbau, Wasser, also der Neckar, und Industrie. Die unterschiedlichen Kirchen mit ihren ganz verschiedenen Stimmungen geben auch davon Zeugnis.



Die Michaelskirche in Wangen ist im Sommer von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Donnerstags kann die Lutherkirche in Bad Cannstatt besichtigt werden. Und die Stephanuskirche öffnet auf Anfrage ihre Türen.