Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wie sieht’s denn hier aus? - Messie-Syndrom auch Wertbeimessungsstörung genannt

STUTTGART – Überall liegt etwas herum: „Messies“ werden Menschen genannt, die ihre Wohnung kaum noch nutzen können. Beim Treff Sozialarbeit der Evangelischen Gesellschaft haben Praktiker über ihre Arbeit mit solchen Menschen berichtet. Die Expertin Veronika Schröter kennt die psychischen Hintergründe des Messie-Syndroms.

Große Unordnung oder Kontrollverlust? Blick in ein Messie-Zimmer. Foto: adobe stock/ Sergey PetermanGroße Unordnung oder Kontrollverlust? Blick in ein Messie-Zimmer. Foto: adobe stock/ Sergey Peterman

Frau K. ist keine arme Frau – im Gegenteil. Sie besitzt eine Eigentumswohnung und viele Dinge. Zu viele. Im Schlafzimmer ist ihr Bett unter der Last der abgestellten Gegenstände zerbrochen. Ihr neues Bett hat sie ins Wohnzimmer gestellt, zwei Jahre nicht bezogen und darauf auch gegessen. Das war der Zustand, als Monika Moll vom Fachdienst Wabe (Wohnraumarbeit für Menschen in desorientierten Haushalten) Frau K. zum ersten Mal besucht hat.

Messie-Syndrom oder Wertbeimessungsstörung

Mittlerweile kann Frau K. gut für sich und ihre Wohnung sorgen. „Wir machen nichts gegen den Willen der Betroffenen. Und wenn Gegenstände entsorgt werden, dann nur auf Wunsch. Bei unserer Arbeit steht der Mensch, nicht die Wohnung im Vordergrund“, beschreibt Monika Moll ihre Vorgehensweise. Zusammen mit drei Kollegen ist sie im Landkreis Esslingen zuständig für Menschen, denen aufgrund der Vermüllung der Verlust der Wohnung droht.

Bis zu einem Jahr lang kann eine Wabe-Fachkraft zwei bis drei Mal wöchentlich für jeweils zwei Stunden in die Wohnung einer vom Messie-Syndrom betroffenen Person kommen.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Jürgen Thomas arbeitet seit 20 Jahren für die Stuttgarter Caritas in der Wohnraumarbeit. „Meist sind es entnervte Nachbarn, Vermieter oder Hausbesitzer, die sich bei uns melden“, berichtet er. Bevor er seine Arbeit mit Klienten aufnimmt, müssen diese einem Hilfeplan zustimmen. „Manchen der Betroffenen fehlt schlicht die Zeit, für ihre Wohnung zu sorgen, weil sie drei Jobs gleichzeitig haben“, sagt Jürgen Thomas.

Veronika Schröter, Messie Kompetenz Zentrum. Foto: PrivatDie äußere Verwahrlosung ist das Zeichen einer großen inneren Not, hat Veronika Schröter von vielen ihrer Klientinnen und Klienten erfahren.

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sie sich mit Menschen, denen die Dinge über den Kopf wachsen. Sie leitet in Stuttgart das Messie-Kompetenzzentrum, in dem Klienten therapiert und Fachkräfte geschult werden.

Aufräumen? - Klienten müssen zustimmen

Weder ein Zwang noch eine Sucht steht hinter dem Verhalten, sich nicht von Dingen trennen zu können, sagt Veronika Schröter. „Es ist eine Wertbeimessungs-Störung. Die Betroffenen holen sich über die Dinge etwas in ihr Leben, das ihnen Geborgenheit gibt.“

Dahinter kann eine Kindheit stehen, in der man keine positive Bindung erfahren hat. Auch überangepasste Menschen können zu pathologischen Hortern werden. „Die Welt der Dinge bezeugt für sie ihre Existenz. Das müssen wir als Fachkräfte würdigen, bevor wir auch nur einen Krümel aus der Wohnung tragen.“

Das Vermüllungs- oder Verwahrlosungs-Syndrom beruht dagegen meist auf einer schweren psychischen Erkrankung. Ob die Klienten unter dem Verwahrlosungs-Syndrom leiden oder pathologische Horter sind, müsse man in der Begleitung und Therapie unterscheiden.

Wichtig sei immer eine gute Kommunikation, sagt Veronika Schröter: „Wir müssen die Lebenswunden erkennen, um bedürfnisorientiert zu behandeln.“

◼ Mehr unter www.messie-kompetenz-zentrum.com

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen