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Der Tag, an dem die Erde bebte - Atomkatastrophe von Fukushima - Missionar Tobias Schuckert berichtet

BAD LIEBENZELL – Vor zehn Jahren erlebte Japan ein gewaltiges Erdbeben und die Atomkatastrophe von Fukushima. Der Missionar Tobias Schuckert war damals vor Ort. Er hat eine Doktorarbeit über die Folgen geschrieben.

Alles in Trümmern: Das Erdbeben von 2011 war das schlimmste seit Beginn der Aufzeichnungen in Japan.Foto: picture-allianceAlles in Trümmern: Das Erdbeben von 2011 war das schlimmste seit Beginn der Aufzeichnungen in Japan.Foto: picture-alliance

Es gibt Uhrzeiten, die man nicht mehr vergisst. 14.46 Uhr am 11. März 2011 ist eine solche Uhrzeit. Fast jeder Japaner kennt sie auswendig. Auch Tobias Schuckert (45) aus Bad Liebenzell hat sie in seinem Gedächtnis gespeichert.

Damals saß er vor seinem Computer in Ome, einer Stadt westlich der Hauptstadt Tokio. Die Erde zitterte und das große Schulgebäude neben seiner Wohnung schwankte bedrohlich. Er hatte Angst und ahnte doch nicht, was sich rund 500 Kilometer weiter nördlich ereignete: Ein gewaltiges Erdbeben der Stärke Neun erschütterte die Region Tohoku. Ihm folgte ein Tsunami, der über 20 000 Menschen in den Tod riss.

Tobias Schuckert erlebte diese ersten Stunden als ein großes Durcheinander. Eine Phase der tiefen Verunsicherung, in der sich die Ereignisse überschlugen. Eigentlich war nun Kinderstunde in der Kirchengemeinde, aber nur zwei Teilnehmer kamen. Viele Bahnlinien fielen aus, Arbeiter kamen nicht nach Hause, mehrere starke Nachbeben folgten der ersten großen Welle.

„Keiner wusste, was man tun sollte, was falsch oder was richtig war“, sagt Schuckert. Seine Einsatzleitung in Bad Liebenzell schickte ihn zum Flughafen. Ein internationales Hilfsteam würde eintreffen, Übersetzer waren gefragt. Da ahnte noch niemand, was gerade in einer Großstadt namens Fukushima passierte.

In einem Atomkraftwerk an der Küste war nach dem Beben die Kühlanlage ausgefallen. Kurz darauf kam es zu einer Explosion und nuklearen Katastrophe. Die Bilder von Tschernobyl waren wieder da, die Sicherheitslage änderte sich völlig: Kaum waren sie gelandet, wurden die deutschen Katastrophenhelfer wieder nach Hause geschickt.

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Tobias Schuckert ging mit seiner Familie erst einmal in den Westen des Landes, nach Nagoya. Das galt als sicherer. Am 15. März verließen seine Frau Sabine und die drei Kinder schließlich Japan, ein Land, das ihnen zu diesem Zeitpunkt vertrauter war als Deutschland. Vater Tobias folgte ihnen vier Tage später.

Liebenzeller Missionar Tobias Schuckert. Foto: Privat

Seit dem 31. August 2000 war das Missionarsehepaar in Japan gewesen. Für Tobias Schuckert war ein Traum in Erfüllung gegangen. Schon immer hatte ihn die Ferne gereizt, ein Einsatz im Ausland. Zugleich jedoch gab es den Wunsch, Theologie zu studieren. Also ging er nach Bad Liebenzell, zur Mission, und ließ sich an der Hochschule ausbilden.

1999 kam die Berufung. Zusammen mit seiner Ehefrau Sabine, einer Missionarstochter, sollte er nach Japan gehen. Christen sind dort eine Minderheit, werden in der Ausübung des Glaubens aber nicht behindert. „Wir hatten alle Freiheiten“, sagt Tobias Schuckert.

Helfen und sonst gar nichts

Schuckert gab Unterricht an der Oberschule in Ome, arbeitete mit Studenten und in der Gemeinde. Rund 35 Personen kamen in den Gottesdienst, ein überschaubarer Kreis mit einem hohen Maß an Verbundenheit. „Sehr nett und liebevoll“, erinnert sich der Missionar.

So lief alles ganz gut, bis zu jenem 11. März 2011, dem vorläufigen Ende. Die Schuckerts wohnten nun bei den Schwiegereltern im Nordschwarzwald, derweil Tobias am 1. April zurückkehrte nach Japan. Nach Kräften half er befreundeten Pastoren in den Tsunami-Regionen. Nahm die Arbeit in der eigenen Gemeinde in Ome wieder auf, organisierte Hilfslieferungen. Das Land war im Ausnahmezustand, nur langsam stellte sich dort wieder so etwas wie Alltag ein.

Im August 2011 kehrte auch die Familie zurück nach Japan. Noch einmal für zwei Jahre würden sie dort Dienst tun. Tobias Schuckert war zwischenzeitlich Dozent für Predigtlehre an der Laienbibelschule „Budonoki Koinonia“. Als sie 2013 schließlich endgültig nach Bad Liebenzell zurückkehrten, hatten sie insgesamt 13 Jahre in Japan gelebt.

Tobias Schuckert lässt das Land nicht los. Als er seine Doktorarbeit schrieb, widmete er sie Japan und dem Trauma der Tsunami-Katastrophe. Zweimal reiste er für Forschungsaufenthalte wieder in den fernen Osten, sprach mit Hinterbliebenen, Menschen, die ihre halbe Familie in der Flutwelle verloren haben. Ihm fällt das Schweigen auf, das Nichtredenkönnen über das große Grauen.

Tobias Schuckert untersuchte die Rolle, die die christlichen Kirchen in der Krise gespielt haben. Konnten Sie mit ihren Angeboten helfen? Wann haben sich die Menschen ihnen anvertraut? Von einer „Theologie des Kuschelns“ war dabei oft die Rede. Wer das Gefühl von Geborgenheit vermitteln konnte, fand auch Zugang zu den traumatisierten Opfern. Eine bedingungslose Nächstenliebe war gefragt, ein Zur-Seite-Stehen ohne Hintergedanken und Bekehrungsversuche.

Tobias Schuckert leitet heute die Studien- und Lebensgemeinschaft der Liebenzeller Mission und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Internationalen Hochschule. Der 11. März wird für ihn ein besonderer Tag bleiben. In Japan ist er tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, vergleichbar nur mit der Atombomben-Katastrophe von Hiroshima.