Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gesichter der Wohnungslosigkeit

FREUDENSTADT – Ein sozialkritisches Thema mitten im Konsumtempel: Die Streetworker aus Freudenstadt haben ein Experiment gewagt. Noch bis 5. Juli sind im Schwarzwaldcenter Freudenstadt Bilder von wohnungslosen jungen Erwachsenen zu sehen. 


Die Mobile Jugendarbeit Freudenstadt hat die Porträtausstellung nach Freudenstadt geholt. (Foto: Bärbel
Altendorf-Jehle.)

Immer mehr junge Erwachsene starten in ein Leben ohne ein Zuhause, immer mehr laufen Gefahr, auf Dauer wohnungslos zu werden. Gab es 2014 deutschlandweit 335.000 Menschen ohne Wohnung, so lautet die Prognose für 2018: 536.000 wohnungslose Menschen. Die Wanderausstellung „15 +5 Wohnungslosigkeit“ hat viele Gesichter. Sie  zeigt Porträts von fünf jungen Wohnungslosen und 15 jungen Menschen, die in „geordneten“ Verhältnissen leben. Wer ist wer – das verrät die Ausstellung nicht. Sie möchte deutlich machen, dass es diesen Menschen eben nicht anzusehen ist, in welcher Situation sie sich gerade befinden.

Wer an Wohnungslosigkeit denkt, hat meist den Clochard unter der Brücke vor Augen, mit langem Bart, Mülltüten und Bierflaschen oder drogenabhängige Jugendliche, verwahrlost in den Großstädten. Doch Wohnungslosigkeit hat viele Gesichter, sie muss einem nicht sofort ins Auge springen. Es gibt sie auch auf dem Land, auch im Kreis Freudenstadt.

„Wohnungslosigkeit kann jeden jungen Mann und jede junge Frau unverschuldet treffen“, sagt Wolfgang Günther von der Erlacher Höhe. Als Gründe nennt er Konflikte mit den Eltern, fehlende berufliche Perspektiven, frühe Schwangerschaften, finanzielle Schwierigkeiten, Eltern in Scheidung, fehlenden sozialer Rückhalt.

Die Diakonische Bezirksstelle Freudenstadt, die Kinder- und Jugendwerkstatt Eigen-Sinn und die Erlacher Höhe Freudenstadt haben gemeinsam im Auftrag der Stadt Freudenstadt die Aufgabe der mobilen Jugend­arbeit übernommen. Die dort angestellten Streetworker Manuel Trick, Elisa Teufel und Rüdiger Holderried tun das mit viel Engagement und haben viele Ideen. Die jüngste Aktion ist diese Ausstellung – und das Besondere ist, dass sie nicht in einer Kunsthalle, nicht im Rathaus oder dem Landratsamt gezeigt wird, sondern in Freudenstadts neustem Einkaufszentrum. Dort also, wo die Menschen shoppen gehen, Geld ausgeben für schöne Kleider, neue Schuhe, Lebensmittel, wo sie zum Friseur gehen oder sich die Fingernägel verschönern lassen.

Konfrontation mit Armut und Not: Ist das nicht kontraproduktiv für all die Geschäfte? „Auch wir haben – wie alle Menschen – unsere soziale Verantwortung“, sagt Christina Krause, Centermanagerin des Schwarzwaldcenters. Für sie war sofort klar: „Wir machen da mit.“ Die Staffelleien wurden auch nicht nur einfach aufgestellt, sondern mit einer Vernissage eröffnet. Ein rotes Klavier mittendrin, Getränke, etwas zum Essen, Reden von den Machern, der Bürgermeisterin und viele erstaunte Blicke von Einkaufenden, die so etwas wohl nicht erwartet hatten.

Die Eröffnung ist inzwischen vorbei, nun stehen die Porträts allein in der Passage. Einkaufende huschen vorbei, einige bleiben stehen, betrachten die Fotos und vertiefen sich in den Begleittext. Da es strahlend schöne Gesichter sind, fotografiert vom Reutlinger Fotografen Horst Haas, sind die Porträts ein Hingucker: Kaum zu glauben, dass das hübsche Mädchen keine Wohnung hat und der freundliche junge Mann auf der Straße sitzt.

„Auch wir hier in Freudenstadt sind von Wohnungslosigkeit betroffen“, sagt Renate Braun-Schmid von der diakonischen Bezirkstelle in Freudenstadt. Jungen Erwachsenen sehe man das nicht an. Oft gelingt es ihnen über eine längere Zeit, ihre Lebenslage hinter der Fassade eines gepflegten Äußeren und einer scheinbar sinnvollen Tagesstruktur zu verbergen.

Hans-Martin Haist von der Kinderwerkstatt Eigen-Sinn: „Wohnungslosigkeit wird meist nicht sofort sichtbar, denn die jungen Menschen finden erst einmal Unterschlupf. Vorrübergehend bei der Freundin, dann beim nächsten, dann ein neuer Versuch bei den Eltern, dann wieder raus zu den nächsten Bekannten.“ Nicht immer öffnen sich die jungen Menschen gegenüber den Streetworkern. Doch wenn sie dazu den Mut finden, dann erfahren sie auch Hilfe, Unterstützung und treffen auf Menschen, die Verständnis für ihre Lage haben und zuhören können.